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Zum Sabbatanfang
Sabbatanfang 2010-12
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Zum Sabbatanfang

 


 

Gedanken zum Sabbatanfang

 

von Walter Bromba

 

Wer aus einer Familie mit über Generationen gelebter adventistischer Tradition kommt, weiß etwas von dem Zauber des Sabbatanfangs, des Freitagabends. Die Arbeitswoche ist vorbei, jetzt ist man mindesten einen Tag befreit von den Lasten und Sorgen des Alltags. Ja, man ist geradezu verpflichtet, sich nicht mit Alltagsdingen zu beschäftigen. So war das Abendessen etwas Besonders, die Familie war vollzählig, und nach der „Sabbatanfangsandacht“ hockte man noch zusammen. Es gab Kekse oder ähnliche Leckereien, es wurde diskutiert (und wie!), man lachte zusammen oder las. Es hatte immer etwas von einem fröhlichen „Heiligabend“.

Auf der Marienhöhe (dem damaligen Theologischen Seminar) der späten 60er und 70er Jahre war der Freitagabend geprägt von der überfüllten Aula mit der sogenannten „Jugendstunde“ - und  im Anschluss im „Neuen Schülerheim“, dem Studentenheim der Theologen, von Diskussionen auf den Zimmern - bis spät in die Nacht, manchmal bis in den frühen Morgen. „Über Gott und die Welt“, wie es so schön heißt, ließ man seinen Gedanken freien Lauf.

In diesen Traditionen soll ein wenig diese Seite stehen. Wenn nicht am Freitagabend, wann dann?

 


 

21.12.2012


Weihnachten

Welch ein Fest! In christlichen Kreisen finden sich alle Varianten: Das herkömmliche Fest, mit Kirchgang, erbaulicher Predigt,  Lukas 2, Krippe, Weihnachtsliedern, Weihnachtsbaum … Geschenken, Familie, gutem Essen, Barmherzigkeit … - oder das kritische, Predigt geißelt die Verflachung, Verweltlichung, Kommerzialisierung … - oder das der christlichen Weihnachtsverweigerer, Christi Geburtsdatum nicht bekannt, angebliche heidnische Einflüsse in Entstehung, Bildern und Zelebrierung des Festes … - oder das der „Volksfestler“, das die christlichen Aspekte zwar nicht verinnerlicht, jedoch als Deko nutzt und das Hauptaugenmerk auf Familie legt … - alle Spielarten können sich auch überlappen.
  Welch ein Fest, das sogar für die meisten Atheisten unserer Gesellschaft das wichtigste Fest ist und bleibt und von vielen nichtchristlichen Migranten in seinen volkstraditionellen Teilen gern übernommen und gefeiert wird.
  Welch ein Fest! Nicht nur in den traditionellen christlichen Ländern, sondern weltweit darüber hinaus sorgen die klingenden Kassen des Weihnachtsgeschäftes für das Prosperieren der Wirtschaft.
  Wie immer man zu Weihnachten steht - kein Fest bringt weltweit so viel Freude, kein Fest hat so eine Dynamik.
  Welch ein Fest! Man muss es nicht feiern wie die Anderen, oder auch gar nicht. Aber es ist gut, dass es Weihnachten gibt!
Welch in Fest!

 


 

14.12.2012

 

Strukturwandel

Ein Frankfurter Vorort. Vor vierzig Jahren eingemeindet. Immer noch ein vergleichsweise lebendiges Vereinsleben. Der Gesangverein „Liederkranz“ besteht schon seit 132 Jahren - ursprünglich als Männerchor. Immer wieder blieb er durch Fusion mit anderen Männerchören erhalten. 1972 überlebte der Männerchor nur dadurch, dass er sich zu einem gemischten Chor wandelte - Männer waren von da ab in der Minderheit.
  Nun feiert der Chor schweren Herzens am Sonntag seine letzte offizielle Weihnachtsfeier. In den letzten Jahren gab es kaum noch jüngere Neuzugänge. Jetzt hat das fortgeschrittene Alter der Mehrzahl der Mitglieder dem Wirken ein Ende gesetzt. Noch vor wenigen Jahren konnten die Kosten für Übungsraum und Chorleiterin mit Ständen auf dem Weihnachtsmarkt oder Stadtteilfesten erwirtschaften: die notwendig Arbeit dazu mit Aufbau, Abbau, Tische und Bänke schleppen … ist nicht mehr leistbar, die Rücklagen sind aufgebraucht. An Wertungs- oder Freundschaftssingen kann auch nicht mehr teilgenommen werden. Singen zu Beerdigungen von Mitgliedern nimmt zu.
  Zwei, drei Mitglieder werden in anderen Chören mitsingen, die anderen hören auf. Eine Tradition geht zu Ende. Immerhin will man sich einmal im Monat zum Stammtisch treffen.
  Haben sie etwas verkehrt gemacht? Nein, das Liedgut war schon seit Jahren „entschlackt“ und „modern“. Junge Leute waren immer willkommen. Zugezogene wurden herzlich aufgenommen. Die Gemeinschaft untereinander mit großer gegenseitiger Hilfsbereitschaft war beispielhaft.
  Doch der strukturelle Wandel - vom Dorf zum Stadtteil -, der wachsende Bildungsstand der jungen Leute, die nun sehr viel mobiler ihr Berufsleben - auch geographisch - gestalten müssen, das Zögern, sich fest an einen Verein zu binden, der regelmäßiges Engagement (z.B. Übungsstunden) fordert, machen allen Vereinen dieser Orte, von der Freiwilligen Feuerwehr bis zu Karnevalsvereinen (auch hier gab es schon Auflösungen in Frankfurt am Main) oder politischen Parteien schwer zu schaffen. Die bisher das Vereinsleben tragenden Sozialstrukturen und die betreffenden sozialen Schichten gibt es so nicht mehr. Vor Ort kann das kaum mehr aufgefangen werden. So heißt vielerorts das Gebot der Stunde Fusionieren oder Auflösen.
  Selbst die Kirchen und Religionsgemeinschaften bleiben davon nicht unberührt: Die Volkskirchen müssen die Altlasten des Staatskirchentums abarbeiten. Sie und auch die Freikirchen und kleineren Religionsgemeinschaften stehen allerdings in der Gefahr, ihr Dilemma dem „Unglauben“ der Menschen oder dem bösen Säkularismus zuzuschreiben ...


 

07.12.2012

 

Zufallsfund


Schon vor hundert Jahren war das Thema Krisen, Katastrophen. Weltuntergang ein beliebtes Genre - ob säkular oder religiös.

 

           

1908

 

1914

 

20er Jahre

 

1925

 

 


 

30.11.2012

 

Mit Karriere

 

Heute wurden die Kreiswehrersatzämter aufgelöst. Eine Ära geht zu Ende. An ihre Stelle treten 16 Karrierecenter und 110 Karriereberatungsbüros der Bundeswehr. Von 1957 bis 2010 sind über 20 Millionen Musterungen an Kreiswehrersatzämtern der Bundeswehr durchgeführt worden.
  Nun ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Auch die erst sehr zögerliche Akzeptierung der grundgesetzlich garantierten Verweigerung des Wehr- bzw. Kriegsdienstes ist nun Geschichte. Während am Anfang noch zum Teil eigenartige „Gewissensprüfungen“ notwendig waren, genügte zum Schluss ein formloses Schreiben, um die Anerkennung für den Zivildienst zu erhalten. Die Diskussion in den Abi-Klassen um Wehr- oder Zivildienst, die Frage um den „gerechten Krieg“/
gerechten Frieden", stellt sich den meisten nun nicht mehr.
  Jetzt ist der Dienst in der Bundeswehr ein Beruf wie bei der Polizei, dem Zoll oder anderen staatlichen Institutionen. Mit Karriere.

 


 

23.11.2012


Alleinstellungsmerkmal

Sprache ist lebendig. Begriffe, Redewendungen, Umdeutungen von Wörtern kommen und gehen. Jugendsprache, Werbung oder der Einfluss von anderen Sprachen und Kulturen machen sich bemerkbar. Die schnellen Medien katapultieren auch Begriffe, die vordem nur in Dialekten, lokaler oder schichtenspezifischer Umgangssprache oder als Fachtermini vorkamen, in die weite Öffentlichkeit, wobei manche Begriffe dann sehr erfolgreich sind, währen andere - wie zum Beispiel das Wort „bilateral“, das seit Jahrzehnten in den Fernsehnachrichten benutzt wird, dennoch ein „Nischendasein“ fristen.
  In den letzten Jahren taucht immer öfter das Wort „Alleinstellungsmerkmal“ auf. Selbst im religiösen Bereich wird es benutzt. So in Predigten, um die Unterschiede zu anderen Kirchen und Gemeinschaften zu definieren, oder um die eigene Einzigartigkeit zu betonen und zu befestigen.
  Doch aufgepasst: dieser Begriff stammt aus dem Marketing, der Verkaufspsychologie - eine Übersetzung des 1940 entstandenen englischen Begriffs „unique selling proposition (USP)“. Das Alleinstellungsmerkmal soll als Nutzungsversprechen den Kunden auf besondere Weise mit dem Produkt identifizieren. Dafür muss es aber auch halten, was es verspricht.
  Betritt das Produkt Neuland, trifft auf einen ungesättigten Markt, dann kann es sehr erfolgreich sein. Ändert sich der Kontext, sprich der „gereifte Markt“, dann muss man neue Wege suche - so zum Beispiel noch deutlichere Abgrenzung von den Konkurrenzprodukten, Verstärken der emotionalen Bindung zum Produkt oder Erweitern der Leistung.

  Viele Kirchen und Gemeinschaften arbeiten (bewusst oder unbewusst) nach diesem Konzept.

 

Doch das Evangelium ist keine Seife, die man verkauft, und die „Unterscheidungslehren“ und Dogmen stehen zumeist unter der kirchengeschichtlichen Zeitbedingtheit ihrer Entstehung.
  Den durch seine Herkunft kontaminierten Begriff „Alleinstellungsmerkmal“ sollte man getrost den Marketingabteilungen von Firmen überlassen.
  Die selbstbewusste Bescheidenheit eines Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, 1700-1760, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, ist sicherlich dem Evangelium gemäßer:

„Auch denken wir in Wahrheit nicht, 
Gott sei bei uns alleine. 


Wir sehen wie so manches Licht 
auch anderer Orten scheine. 



Da pflegen wir denn froh zu sein 
und uns nicht lang zu sperren; 


wir dienen ihm und ihm allein, 
dem einen großen Herren.“




 

(Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine, Herrnhut und Bad Boll 1967: 379)

 


 

16.11.2012

   

(Heute auf der AWA-Herbsttagung in Frankfurt am Main)

 


 

09.11.2012

 

Kein Schlussstein


"Dies soll ein Ort des Gedenkens sein, soll also die Grenze überschreiten, die zwischen kognitiver Information, historischem Wissen einerseits und Empathie mit den Opfern, Trauer um die Toten anderseits liegt - so sehr beides gewiss zusammengehört. Dieses Denkmal - mit dem Ort der Information - kann uns Heutigen und den nachfolgenden Generationen ermöglichen, mit dem Kopf und mit dem Herzen sich dem unbegreiflich Geschehenen zu stellen.
  Was heute noch in großer Eindringlichkeit Zeitzeugen erzählen können, müssen in Zukunft Museen, muss die Kunst vermitteln. Wir sind gegenwärtig in einem Generationenwechsel, einem Gezeitenwechsel, wie manche sagen: Nationalsozialismus, Krieg und organisierter Völkermord werden immer weniger lebendige Erfahrung von Zeitzeugen bleiben und immer mehr zu Ereignissen der Geschichte; sie wechseln von persönlicher, individuell beglaubigter Erinnerung in das durch Wissen vermittelte kollektive Gedächtnis. Das Denkmal ist Ausdruck dieses Übergangs."

 

(Der damalige Bundesatagspräsident Wolfgang Thierse in seiner Rede zur Eröffnung des "Denkmals für die ermodeten Juden Europas" [Holocaust-Mahnmal] in Berlin am 10. Mai 2005).

 


 

02.11.2012

 

Bananenkiste


Es gibt Erfindungen, die werden nie erwähnt, jedoch vielseitig genutzt, vor allem anders, als ihre Erfinder ahnten. Dazu gehört ohne Zweifel seit Jahren die Bananenkiste. Zwar wird sie auch zum Transport von Bananen genutzt, aber die Zweitverwertung dieses festen Kartons geht in Europa weit über diesen Zweck hinaus. Ob in den Kellern von Museen, Speichern von Archiven und Bibliotheken, als Hauptrequisit auf Antik- und Flohmärkten, als Hilfe bei Umzügen oder als vielseitiges Zwischenlager - stets findet sich selbstverständlich dieses robuste Behältnis. Es ist unübersehbar, aber keinem fällt es mehr auf. Die Bananenkiste hat schon lange dem berühmten Persil-Karton den Rang abgelaufen (ich entdeckte vor einem Jahr noch ein Exemplar aus den 50er Jahren beim Entrümpeln des elterlichen Keller). Die bei Heimwerkern früher sehr beliebte Apfelsinenkiste ist inzwischen auch außer Mode. Die Bananenkiste ist jedoch immer noch unentbehrlich.

 


 

26.10.2012


Der Mensch braucht den Menschen

Einst sollten sie die Wohnprobleme der Metropolen lösen, die großen Wohnblöcke in den Vororten, oft dichtgedrängte Hochhaussiedlungen. Obwohl in der Regel mit modernem Komfort - anders als die Vorkriegs-Mietskasernen der Großstädte mit ihren dunklen Innenhöfen und dürftigen sanitären Anlagen-, zeigte und zeigt es sich, dass diese Siedlungen der 60er bis 90er Jahre anfällig für Vandalismus sind: Schmierereien an den Wänden, Schmutz in den Treppenhäusern, zerbrochene Lampen, immer wieder mutwillige Defekte der Fahrstühle, illegale Müll und Sperrmüllablagen im Umfeld …
  Nach Jahren des Abbaus von entsprechendem Personal, beginnen jetzt Versuchsprojekte mit permanenten Hausmeisterteams oder besetzten Empfangsschaltern in den Foyers. Gleichzeitig wird versucht, diese öffentlich Bereiche ein wenig ansprechender zu gestalten.
  Siehe da, ob in Frankfurt am Main in diesen Tagen oder in anderen europäischen Städten, es zeigt vielfältige Früchte, animiert sogar die Bewohner zum gemeinsamen Engagement. Und in Paris wird überlegt, wie man das langsame Aussterben der/des früher/en obligatorischen Concierge verhindern kann.
  Der Mensch braucht den Menschen.

 


 

19.10.2012

 

Missionsgebiet

„Wir sind in Deutschland wieder Missionsgebiet“, erklärte der Vizepräses der Evangelischen Kirche und ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein in dieser Woche in einem Interview: „Wir erleben eine Zeit, in der die Säkularisierung voranschreitet.“
  Hier klingt sie wieder durch, die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, als die Kirchen noch voller und mächtiger waren. Von einer „Neuevangelisation“ spricht auch immer wieder die Katholische Kirche, so vor einem Jahr Kurienkardinal Kurt Koch mit Hinweis auf den Säkularismus.
  Immer noch spürt man das alte staatskirchliche Denken in solchen Aussagen.
  Freikirchen sprechen nicht von „Neuevangelisation“, für sie war immer schon die ganze Welt „Missionsgebiet“. Die Freikirchen und andere Minderheitskirchen und -religionen haben der "bösen" Säkularisierung viel zu verdanken.
  Auch wenn das biblische Menschenbild ein Menschenbild der Freiheit und Verantwortung ist, musste dieses erst von der Aufklärung angeschoben werden.
  Die Geschichte der Verbindung von Staat und Religion ist kein Ruhmesblatt der Kirchen. Das christliche Abendland hat allein im 20. Jahrhundert die bisher verheerendsten Kriege („Gott mit uns“ stand auf der Koppel der deutschen Soldaten beider Weltkriege) und Verfolgungen hervorgebracht.
  „Zeitgemäß die Botschaft Christi vermitteln“, da hat Günther Beckstein recht. Das war aber schon immer die Aufgabe der Christenheit. Die Säkularisierung hat das nie verhindert - im Gegenteil: Freie Kirchen in einem weltanschaulich neutralen Staat können das viel freier und authentischer tun.

 


 

12.10.2012

 

Das Buch lebt

 

Die größte Buchmesse der Welt ist in vollem Gange. Etwa 7.400 Aussteller brachten allein 400.000 Neuerscheinungen nach Frankfurt am Main mit. Die digitale Welt hat sich nicht zum Gegner gemacht, sondern arrangiert. Fachbesucher aus aller Welt nutzen dieses Event zu vielfältigen Begegnungen. Insgesamt werden bis zum Sonntag etwa 300.000 Menschen sich wieder einmal von der Welt des Buches faszinieren lassen. Lesen (und Schreiben) hat was. Immer noch!

  


 

05.10.2012

 

Religiöse Verfolgung - Asyl

EU-Staaten müssen Ausländer als Flüchtlinge anerkennen, wenn diese in ihrer Heimat in schwerwiegender Weise religiös verfolgt werden. Dies hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg festgestellt. Er antwortete damit auf eine Frage des deutschen Bundesverwaltungsgerichts. Dieses wollte wissen, welche Art von Verfolgung die Anerkennung als Flüchtling rechtfertige.
  Dabei ging es um zwei Personen aus Pakistan, die der Ahmadiyya-Gemeinschaft angehören, die deutschen Behörden wollten sie abschieben, auch wenn die Mitglieder dieser islamischen Reformbewegung in Pakistan verfolgt würden. Ahmadis, die sich als Muslime bezeichnen, droht drei Jahre Haft oder sogar die Todesstrafe. Die deutschen Behörden hatten argumentiert, sie könnten ja ihren Glauben heimlich, im „stillen Kämmerlein“ ausüben.
  Die EU-Richter entschieden, Einschränkungen der Religionsfreiheit müssten „hinreichend schwerwiegend“ sein, um eine Verfolgung darzustellen. Es dürfe aber kein Unterschied zwischen privater und öffentlicher religiöser Betätigung gemacht werden. Der „subjektive Umstand, dass für einen Betroffenen eine bestimmte religiöse Praxis in der Öffentlichkeit wichtig sei, sei „ein relevanter Gesichtspunkt“ bei der Beurteilung der Gefahr.
  Wenn feststehe, dass eine „tatsächliche Gefahr einer Verfolgung“ drohe, müsse ein Antragsteller als Flüchtling anerkannt werden. Ihm dürfe nicht von EU-Staaten zugemutet werden, auf bestimmte Glaubensbekundungen zu verzichten. Den beiden Betroffenen Pakistani müsse daher Asyl gewährt werden.

Dieses Urteil bringt nun (hoffentlich) mehr Klarheit und Sicherheit für Betroffene.

 


 

28.09.2012


Katholische Scheidung/Wiederverheiratung


Auch wenn die jährliche Zahl der Scheidungen seit Jahren langsam zurückgegangen ist, vermeldet das Statistische Bundesamt für 2011 gleichwohl 187.640 Scheidungen auf 377.816 Eheschließungen. Zwar sollen wohl die Scheidungszahlen bei Katholiken um etwa ein Drittel niedriger sein als bei Protestanten und Konfessionslosen, doch ist dieser Schritt für katholische Gläubige sehr viel folgenreicher, denn nach dem röm.-katholischen Kirchenrecht verbietet das Sakrament der Ehe die Scheidung (bei komplizierten seltenen Ausnahmen kann es u.U. eine Annulierung geben), eine Wiederverheiratung ist daher erst recht nicht möglich. Die Betroffenen sind von Absolution und Eucharistie (Abendmahl) ausgeschlossen.
  Auf der heutigen Abschluss-Pressekonferenz der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda berichtete der Vorsitzende Erzbischof Dr. Robert Zollitsch auch darüber, dass dieses für die röm.-katholische Kirche ungemein komplexe Thema schon längere Zeit bearbeitet werde und auch auf der Vollversammlung besonders der „Pastorale Umgang mit Gläubigen, die zivil geschieden und wiederverheiratet sind“ ein Agenda-Punkt war.
  Die Vollversammlung, so Zollitsch, fühle sich „von den Worten Papst Benedikt XVI. ermutigt, die er beim Welttreffen der Familien am 2. Juni 2012 in Mailand gesagt hat: Er bezeichnete das Problem der wiederverheirateten Geschiedenen als ,eines der großen Leiden der Kirche‘ und fügte hinzu, dass es keine Patentrezepte bei der Lösung gebe. Benedikt XVI. betonte, dass die Kirche auch diese Menschen liebe: ,Es scheint mir eine große Aufgabe einer Pfarrei, einer katholischen Gemeinde zu sein, wirklich alles nur Mögliche zu tun, damit sie sich geliebt und akzeptiert fühlen, damit sie spüren, dass sie keine ‚Außenstehenden’ sind, auch wenn sie nicht die Absolution und die Eucharistie empfangen können: sie müssen sehen, dass sie auch so vollkommen in der Kirche leben.‘“
  Dazu wurde nun eine bischöfliche Arbeitsgruppe eingerichtet.

 

Es bleibt nicht nur für Außenstehende spannend, wie - angesichts der päpstlichen Vorgaben - die Quadratur des Kreises gelingen soll.
 


 

21.09.2012

 

Überwindung der Aufklärung?

Wie die Medien melden, hat der evangelische Altbischof und Neutestamentler Ulrich Wilckens als Gastreferent am Treffen des Ratzinger-Schülerkreises Ende August in Castel Gandolfo teilgenommen, ein Kolloquium, bei dem Papst Benedikt XVI. einmal pro Jahr mehrere Dutzend Theologen um sich schart, die bei ihm promoviert, sich habilitiert oder ihm als Assistenten zugearbeitet haben. Wilckens, auch bekannt als Kritiker der „Bibel in gerechter Sprache“, hielt einen Vortrag: „Die Überwindung der Aufklärung als fundamentale ökumenische Aufgabe der Kirche“. Der 84-jährige sagte auf Anfrage (laut idea), es seien „geistlich großartige Gespräche“ gewesen. Die etwa 30 Teilnehmer hätten darin übereingestimmt, dass es eine zentrale Aufgabe der Kirchen sei, gemeinsam dafür einzutreten, dass die bis in die Gegenwart reichenden Folgen der Aufklärung im 18. Jahrhundert überwunden werden, die Kirchen hätten einen wesentlichen Anteil daran, dass es zur Aufklärung mit all ihren negativen Folgen gekommen sei.

Auf der Suche nach dem goldenen Zeitalter - das vor der Aufklärung war es sicherlich nicht.

Die fundamentale Aufgabe der Kirchen kann nur sein, mit der Aufklärung zu leben - und mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen einer multikulturellen Welt.

 


 

14.09.2012 

 

Freiheit und Verantwortung

 

Mit Freiheit und Verantwortung sind in Zeiten weltweiter digitaler Nachrichten manche Menschen wohl schlichtweg überfordert. Nicht alles, was erlaubt ist, entspringt der Klugheit. Nicht jede törichte Aktion muss ins Internet, und mancher Diskussionsbeitrag in Foren entlarvt nur die Autoren/innen selbst.       

 


 

07.09.2012

 

In einem fernen Land?

Randale, Straßenschlachten, Provokationen, Krawalle zwischen zwei Religionsgruppen. Die Schlichtungsversuche der Sicherheitskräfte werden mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Steinen attackiert und wehren sich mit Wasserwerfern und Plastikgeschossen …
  In einem fernen Land? Etwa in Indien, Pakistan, Nigeria oder im Vorderen Orient? Mitnichten. In der abgeklärten Europäischen Union, in Nordirland, bekämpfen sich diesen Sommer wieder verbissen Katholiken und Protestanten.  Anno Domini Nostri Iesu Christi 2012.

 


 

31.08.2012

 

Lebenslanges Lernen ... oder

 

... auch ein Präsident bleibt immer ein Student.


http://spectrummagazine.org/blog/2012/08/22/open-letter-ted-wilson-your-hebrew-teacher

 


 

24.08.2012

 

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht …

Sprichwörter haben etwas Tröstliches. Nach Jahren der Versuche, Lance Armstrong, dem „Helden“ und „Giganten“ des Radsports massives Doping juristisch wasserdicht nachzuweisen, ist es jetzt der US-Anti-Drogen-Agentur Usada gelungen, das ganze Gespinst des Sportbetrugs, der Selbstvergiftung, der Lügen und der kriminellen Energie zu zerreißen. Das bisherige Netzwerk, das - wie die Medien berichten - in einem beispiellosen Zusammenspiel auch mit Sportverantwortlichen des Internationalen Radsportverbandes UCI den Texaner von allen Seiten schützte, hält nicht mehr. „Der König ist nackt“, der große Held abgestürzt, „Hero to Zero“ …
  Das Kartell des Schweigens bröckelt immer mehr. Die Liste der Heroen des Radsports, die Doping eingestehen mussten und müssen, wird länger und länger. Immer deutlicher wird, dass der Zweck die Mittel nicht heiligt, dass der Sieg um jeden Preis auch im tiefen gesellschaftlichen Fall und erst recht im persönlichen materiellen und psychischen Elend enden kann.
  Lance Armstrong wird wohl als einer der größten Sportbetrüger in die Geschichte eingehen, wie etwa Ben Johnson oder Marion Jones. Doch manche Sportler haben es noch nicht begriffen - sowohl von den  Olympischen Spielen in London als auch von der diesjährige Tour de France mussten Teilnehmer nach Hause geschickt werden.
  Das Menschenbild der Freiheit und Verantwortung ist mit Doping nicht zu vereinbaren. Gerade der Sport soll ja ein Weg der Gemeinschaft und des fairen Wettbewerbs sein.
  Selbstvergiftung, Betrug und Sieg um jeden Preis können nicht das Vorbild für die jungen Menschen sein, die in Schule und Verein Sport treiben. Der zweite oder gar der vierte Platz im Wettbewerb dürfen nicht als Niederlage vermittelt werden. Wenn sich diese Mentalität - auch der Zuschauer und Fans - nicht ändert, ist Sport wirklich das, was Churchill im anderen Kontext einmal scherzte, nämlich Mord.

 


 

17.08.2012


Syrien

- ein faszinierendes Land der Vielfalt der Landschaften und der Kulturen. Araber (darunter auch palästinensische Flüchtlinge), Kurden, Armenier, Turkmenen, Tscherkessen, Aramäer, Juden und andere Ethnien sind geprägt durch unterschiedliche Religionen und Sprachen (auch innerhalb der Volksgruppen).
  Neben den islamischen Sunniten, Alawiten und Schiiten und Ismaeliten leben die Jesiden und Juden (meist nur noch ältere Leute). Und unter den Christen, die es dort seit der Apostelzeit gibt (Nestorianer), ist die aramäische Sprache - einst Muttersprache Jesu - die Kirchensprache der syrisch-orthodoxen, syrisch-katholischen, chaldäisch-katholischen, syrisch-maronitischen und der Assyrischen Kirche des Ostens. Im Ort Maalula wird diese Sprache sogar noch gesprochen, so dass er immer wieder Ziel von Sprachwissenschaftlern und Theologen ist. Neben den schon genannten christlichen Kirchen gibt es weitere wie die armenisch-apostolische Kirche sowie verschiedene chaldäische, katholische und protestantische Minderheiten.*
  Von den Großstädten bis zu den Beduinen sind alle denkbaren Lebensformen den Vorderen Orients vertreten.
Syrien ist ein uraltes Kulturland. Berühmte Ausgrabungsplätze wie Mari, Ebla, Ugarit - mit dem ersten Alphabet der Welt (ca. 1400 v. Chr.) - und viele andere haben uns die Welt der Bibel neu erschlossen, denn die Geschichte Israels stand im engen kulturellen Kontext zu diesem Land, ob in Krieg oder Frieden.
  Aus Syrien kamen zum Beispiel die Ehefrauen Isaaks und Jakobs, ohne das Damaskus-Erlebnis des  Saulus gäbe es kein Christentum paulinischer Prägung.
  Seit vielen Monaten wütet nun ein verbissener Bürgerkrieg in diesem Land. Menschen sterben, Menschen müssen fliehen, unersetzliche Kulturgüter gehen unter. Es wird noch lange dauern, bis sich die Machtverhältnisse der verschiedenen Ethnien und Religionsgruppen blutig austariert haben. Wobei die kleinsten Minderheiten erfahrungsgemäß am meisten leiden müssen.
  Berühmt ist die Umayyaden-Moschee in Damaskus, ein wichtiges Schiiten-Heiligtum. Vorgängerbauten waren ein Baals-Tempel, ein griechisches und ein römisches Heiligtum, sowie eine christliche Basilika mit dem Schrein Johannes des Täufers. Im 8. Jahrhundert wurde daraus eine Moschee. Reste der antiken und christlichen Vorgängerbauten sind noch sichtbar. Der in der Moschee erhalten gebliebene Schrein des Täufers wird von Christen wie Moslems gleichermaßen verehrt, hier betete 2006 Papst Benedikt XVI. Auf dem „Jesusminarett“ soll Jesus, nach islamischer Vorstellung, am Ende der Zeiten erscheinen.
  Es bleibt zu hoffen, dass dieses eindrucksvolle Land, mit der berühmten Gastfreundschaft der Menschen, bald den Weg zum Frieden findet.
  Das traditionsreichen Hotel Baron in Aleppo, das älteste moderne Hotel in Syrien (1909), kann mit seiner verblichenen Pracht nicht mehr mit dem Komfort der modernen Grandhotels mithalten. Doch auf der Terrasse dieses mythenbehafteten Domizils - nicht nur von Baron von Oppenheim, Lawrence of Arabia oder Agatha Christie - möchte ich bald mal wieder Einkehr halten und entspannt gelassen bei einem Glas Tee mit frischer Minze, das lebendige friedliche Treiben der Straße beobachten.


*Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Syrien ist seit Mitte der siebziger Jahre offiziell verboten. Das Gemeindezentrum in Damaskus wurde damals geschlossen und einige Pastoren und Gemeindeglieder inhaftiert.
Das Verbot der Freikirche entstand aufgrund falscher Anschuldigungen im Rahmen staatlicher Repressionen gegen angeblich „israelfreundliche“ Organisationen. Der Sonderberichterstatter der UN-Kommission für Menschenrechte, Dr. Abdelfattah Amor, hatte 1999 in seinem Bericht an die Vollversammlung der Vereinten Nationen unter den Menschenrechtsverletzungen auch das immer noch bestehende Verbot der adventistischen Kirche in Syrien angeführt.
Die erste Adventistengemeinde wurde 1893 in Aleppo gegründet. Später kamen Kirchgemeinden in Bezaq und Damaskus hinzu. Das inzwischen 37 Jahre dauernde Verbot hat dazu geführt, dass heute, abgesehen von zwei oder drei älteren Mitgliedern, keine adventistischen Christen mehr in Syrien leben, sie sind im Laufe der Jahre ausgewandert. (APD/wb)

 


 

10.08.2012

 

Zitat


"Asoziale Gesellschaften verursachen asoziales Verhalten. Größere Ungleichheit schwächt den Zusammenhalt der Gemeinschaft, gegenseitiges Vertrauen macht der Statuskonkurrenz Platz, das familiäre Leben leidet, Kinder werden für eine Ellbogengesellschaft groß gezogen, Klassenschranken und Vorurteile werden verstärkt und die soziale Mobilität sinkt. Wenn nur noch der Konsum das überstrapazierte Selbstwertgefühl aufpäppelt – selbst bei denen mit überdurchschnittlichem Einkommen – wie geht man dann mit dem Gefühl der Wertlosigkeit um, das Jugendarbeitslosigkeit und eine Arbeitslosenhilfe von gerade mal 56 Pfund die Woche verursacht?"


(Aus dem Gastbeitrag: "Der Wert des Menschen", von Richard Wilkinson und Kate Pickett,

zu einer Studie über die Jugendunruhen in England vor einem Jahr, in der FR von heute)

 


 

03.08.2012

 

1881

Richtig - schon 1881 beschloss die Generalkonferenz (Vollversammlung) der Siebenten-Tags-Adventisten die Lizensierung und Ordination von Frauen zum Pastorenamt. Voraussetzung sollte die gleiche Qualifikation von Mann und Frau sein. Diese sollten noch genauer vom Ausschuss der Generalkonferenz, dem entscheidenden Leitungs-Gremium zwischen den Vollversammlungen, definiert werden. Dort versandete die Geschichte.
  Damals, die Kirche bestand gerade mal 18 Jahre, gab es etwa 17.000 Adventisten weltweit, davon etwa 500 in Europa. 148 Pastoren dienten den Gemeinden. Ihre Ausbildung und Qualifikation war sehr unterschiedlich. Viele kamen ursprünglich aus anderen Denominationen. Viele würde man heute als Laienprediger bezeichnen, hatten keine theologischen Abschlüsse. Das kleine adventistische Battle Creek College, am ersten Hauptsitz der Kirchenleitung, bestand erst seit 1874.
  Die meisten Adventisten entstammten den gleichen sozialen und kulturellen Traditionen der amerikanischen Gesellschaft, angereichert mit den unterschiedlichen Migrantenwurzeln,
  Heute sind es mehr als 17 Millionen erwachsen getaufter Adventisten weltweit - aus sehr unterschiedlichen Kulturen. Der Gedanke der Einheit war schon immer prägend in der adventistischen Weltkirche und führte mit zu ihrem Erfolg. Heute zeigen sich die Probleme dieser Vorstellung, denn sie begrenzt auch. Die adventistischen Kulturen driften auseinander. Das große Wachstum verdeckt dies noch. Jährlich verlassen etwa 500.000 Menschen die Kirche. Der Adventgemeinde erreicht viele soziale Schichten in den säkularisierten Ländern der westlichen Welt nicht mehr. Das Wachstum erfolgt in den Ländern der sogenannten 3. Welt und den Schwellenländern und deren Migranten in den westlichen Ländern. Gerade aber die adventistischen Männer Südamerikas und Afrikas wehren sich nicht nur vehement gegen die Ordination von Frauen, sondern auch dagegen, dass westliche Länder hier einen Sonderweg gehen (so z.B. auf der Vollversammlung der Generalkonferenz 1995 in Utrecht).
  Es ist erfreulich, dass adventistische Kirchenleitungen der verschiedenen Ebenen in den USA und auch in Europa (z.B. die Transeuropa-Division der nordeuropäischen Adventisten oder der Norddeutsche Verband der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten) beginnen, Nägel mit Köpfen zu machen. Wie auch schon in China: die Mehrzahl der ordinierten Pastoren/innen dort sind Frauen.

  Richtig - schon 1881 beschloss die Generalkonferenz ...

(Über die derzeitige Diskussion siehe AWA STA-Journal)

 


 

27.07.2012


Sommer-Schlagzeilen 2012

„Eröffnung der 101. Wagner-Festspiele in Bayreuth: Spar-Kanzlerin Merkel recycelt Abendrobe“. „Immer noch so schön wie vor vier Jahren: Angela Merkel in dem petrolfarbenen Kleid, das sie bereits 2008 trug.“ „Austerity Chic oder Sparsamkeit und Bodenständigkeit?“ „Der Kanzlerin alte Kleider.“ „Merkel: Déja-vu in Blau.“ „Krisengarderobe 2012.“ „Eigentlich ist es für berühmte Frauen ein Fauxpas zweimal in der Öffentlichkeit das selbe Kleid zu tragen, doch Bundeskanzlerin Angela Merkel tat nun genau dies.“ „Kanzlerin trägt Kleidung auf.“ „Bayreuther Festspiele: Die doppelte Merkel.“ „Modische Todsünde.“ „Penny-pinching Merkel recycles dress for Bayreuth.“

Welch eigenartige Welt. Frau Merkel lebt authentisch ihr Sparkonzept. Das ist gut so. Denn Banken, Konsumenten und Staaten haben selbst in guten Zeiten über ihre Verhältnisse gelebt und die derzeitige(n) Krise(n) erst möglich gemacht. Doch in den Medien ist es wohl noch nicht so ganz ernsthaft angekommen, dass es insgesamt tatsächlich etwas bescheidener gehen kann.

Welch ein Menschenbild - ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Wort darüber verloren wurde, wer von den männlichen Besuchern der Bayreuther Festspiele wie oft seinen Anzug, Smoking oder Frack schon einmal getragen (oder gar geliehen) hat.



  

20.07.2012

 

Trademark

Der Ort Guys in Tennessee hat 505 (Zählung 2009) Einwohner. Viel mehr Menschen kennen diese Ansiedlung auch nicht. Bis vor kurzem. Doch jetzt sorgte die Kirchenleitung der nordamerikanischen Siebenten-Tags Adventisten ungewollt für einen landesweiten Bekanntheitsgrad.
  In den U.S.A sind der Name „Seventh-day Adventist“ und die Abkürzung „SDA“ als geschütztes Warenzeichen (Trademark) eingetragen. Um nicht durch Sondergruppen, die organisatorisch nichts mit der Seventh-day Adventist Church zu tun haben, in Misskredit zu geraten (s. Waco), achtet die Kirche strikt darauf, dass kein Unbefugter diesen Namen benutzt.
  So auch in Guys. Dort hatte Walter „Chick“ McGill, ein ehemaliger Adventist, dem die Siebenten-Tags Adventisten nicht konservativ genug waren und der zudem einige Sonderlehren vertrat, 1991 eine eigene Kirche gegründet, die „Remnant Church of Creation 7th Day Adventists“, die später in „A Creation Seventh Day & Adventist Church“ umbenannt wurde. Er und seine elf Gemeindeglieder versammeln sich seither in einer umgebauten Tankstelle.
  2005 untersagte die Generalkonferenz der Siebenten-Tags Adventisten dieser Gruppe den Gebrauch des Namens „Seventh-day Adventists“. Das Gericht gab dem statt. Es ließ zwangsweise die Schilder etc. entfernen.
  Doch per Hand malte ein Mitglied der Gruppe den Namen erneut an das Gebäude. Schließlich verhängte das Gericht einen Haftbefehl, wohl auch um die Gerichtskosten einzutreiben.
  Walter McGill reiste nun durch die Vereinigten Staaten, um vor adventistischen Kirchen zu protestieren und Flugblätter zu verteilen. Letzten Freitag kam er nach Loma Linda, um am Sabbat im Gottesdienst der größten adventistischen Kirche in den USA ebenfalls öffentlichkeitswirksam Flugblättere zu verteilen und dann eine Pressekonferenz abzuhalten. Er wurde jedoch schon am Freitag abend auf dem Universitäts-Campus aufgegriffen und vom Sicherheitsdienst dem örtlichen Sheriff übergeben.
  Jetzt sitzt er für mindestens 30 Tagen in Haft. Ein Märtyrer, denn schließlich habe er den Namen „A Creation Seventh Day & Adventist Church“ durch eine göttliche Vision erhalten, und deshalb würde gleich nach dieser religiösen Verfolgung die Wiederkunft Christi stattfinden.
  Der Ort Guys hat 505 Einwohner. Viel mehr Menschen kannten diese Ansiedlung auch nicht. Bis vor kurzem. Nun rätseln landesweit die Menschen, weshalb die große Weltkirche der Siebenten-Tags Adventisten (über 17 Mill. erwachsen getaufte Mitglieder, davon in den USA über eine Million) sich von elf Personen in einer aufgelassenen Tankstelleim im tiefsten Tennessee gestört fühlt.

 


 

13.07.2012


Abhängigkeit

Erschrecken in Frankreich. Für rund 27 Millionen Handy-Kunden von Orange und Free Mobile (Teil der France Télécom, dem größten Telekommunikationsanbieter in Frankreich) waren ab letzten Freitagnachmittag (06.07.12) bis Samstagmittag etwa zwölf Stunden lang sowohl Telefonanrufe wie SMS- und Internet-Nutzung unmöglich. Als Grund gab das Unternehmen, das sich für die riesige Panne entschuldigte, einen Software-Fehler an. Auch die Kunden anderer Unternehmen, die das Orange-Netz nutzen, waren davon betroffen.
  Die französische Regierung nahm das Problem sehr ernst, so dass am Anfang der Woche die Geschäftsführer der großen nationalen Mobilfunkanbieter SFR, Boygues Telecom und Free Mobile im Ministerium antreten mussten. Sie sollen umgehend der Regierung ihre Sofortmaßnahmen bei derartigen Pannen vorstellen und zusammen ein nationales Notfallprogramm ausarbeiten. Darüber hinaus wird die Regierung eine Verordnung erlassen, die es erlaubt, regelmäßige Sicherheitskontrollen bei den nationalen Mobilfunkriesen durchzuführen.
  Elektrischer Strom sowie Soft- und Hardware von Servern und Endgeräten haben unser Leben vielfältig fest im Griff. Die technische Abhängigkeit (und bei vielen immer häufiger die psychische Abhängigkeit) wird immer größer. Sie revolutioniert das gesamte soziale Leben. Ein zurück geht nicht mehr. Der Umgang mit dieser Situation muss allerdings noch vielseitig geübt werden, die ethischen Aspekte werden erst in Ansätzen sichtbar. Auch der Einfluss der modernen Kommunikationstechnik auf das religiöse Leben von einzelnen Menschen und Kirchen schreitet ungeahnt voran. Die Folgen sind noch gar nicht zu ermessen.
  In der Tat haben viele Menschen deutlich gespürt, was so ein Ausfall praktisch bedeutet, für die vielfältige Kommunikation, für das Bezahlen, für das Reservieren und Nutzen von Fahrkarten, vor allem von Flugtickets, für das Abrufen von Informationen etc. Viele nutzen das Handy zudem wie GPS. Auch war natürlich vielen erst nicht klar, dass das Netz ausgefallen war und dann, wie lange es stumm bleiben würde …
Ratlosigkeit. Die Älteren konnten wenigstens noch überlegen, wie sie früher ohne Handy und Smartphone auskamen (es soll z.B. noch vereinzelte Telefonzellen geben!).
  Die freitagliche Aktualisierung der AWA-Homepage war davon nicht betroffen, da ich wetterbedingt nicht wie geplant in einem der Pariser Parks saß, sondern das Netz eines anderen Anbieters im Hotel nutzte.
 


 

06.07.2012

 

Kinder


In Frankfurt geht eine Hälfte der Fenster unserer Wohnung auf einen Kindergarten, die andere auf Bockenheims beliebtesten Spielplatz, der auch von weiteren Kindergärten genutzt wird. Auffällig ist die Fröhlichkeit der Kinder, sie lieben das Miteinander, die kulturelle Vielfalt ist kein Hindernis. Im Gegenteil.
  Das wiederum führt die Eltern, am Wochenende vor allem die Väter, oder die Großeltern ins Gespräch. Und gemeinsam feiert man Feste.
  Gerade fällt mein Blick, wie auch in den vergangenen Tagen,  aus einem Pariser Hotelfenster auf eine Maternelle, einer Vorschule für Kinder ab zwei Jahren. Sie sind schon morgens, wenn sie gebracht werden, fröhlich, freuen sich sichtlich auf die anderen Kinder. Abends sind sie immer noch fröhlich, und jetzt stehen auch mal die Mütter, Väter, Großeltern oder Kindermädchen zusammen, um kulturübergreifend zu klönen.
  Kinder selbst kennen keine kulturellen oder traditionellen Abgrenzungen. Schön, wenn man ihnen diese Möglichkeiten der Begegnungen gibt. Und hoffentlich lehrreich für die Eltern.
  Deshalb bin ich auch zunehmend skeptisch gegenüber Kindergärten und ähnlichen Institutionen, die durch schichtenspezische oder andere (z.B. religiöse) Auswahl gewollt oder ungewollt Grenzen aufrichten, sowie gegen staatlichen Subventionen, wie das geplante Betreuungsgeld, die eher kontraproduktiv wirken.

 


 

29.06.2012

 

Beschneidung

Seit Jahrtausenden beschneiden viele Völker des Vorderen Orients traditionell ihre Knaben. In den Vereinigten Staaten ist die Beschneidung (aus medizinisch-hygienischen Gründen) nach der Geburt gängige Praxis, das trifft daher auf 75% der Jungs zu, insgesamt schätzt man, dass weltweit etwa ein Drittel der Männer beschnitten ist. Im Judentum ist es sogar religiöser Brauch (Gen 17,10-14), Eintritt in den Bund mit Gott. Auch viele Moslems sehen die Beschneidung als religiösen Brauch, obwohl der Koran nichts dazu sagt.
  Anders als die Beschneidung der weiblichen Genitalien, die ein massiver folgenschweren Eingriff ist, kam die Beschneidung von Jungs bisher kaum in Kritik, da in der Regel keine schwerwiegenden Folgen zu erwarten sind.
  Die rechtliche Einordnung war bisher umstritten. Das Landgericht Köln stellte jetzt jedoch in zweiter Instanz fest, dass die religiöse Beschneidung von kleinen Jungen als Körperverletzung zu sehen sei und strafbar ist – und werten daher das Recht auf körperliche Unversehrtheit höher als die Religionsfreiheit der Eltern, da der Körper des Kindes durch die Beschneidung dauerhaft und irreparabel verändert wird. Diese Veränderung laufe dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können, zuwider. Umgekehrt würde das Erziehungsrecht der Eltern nicht unzumutbar beeinträchtigt, wenn sie gehalten sind abzuwarten, ob sich der Knabe später, wenn er mündig ist, selbst für die entsprechende Religion entscheide (die Religionsmündigkeit erhält man mit dem 14. Geburtstag). Während der Zeitpunkt der Beschneidung bei den Moslems nicht genau geregelt ist, gilt im Judentum der Zeitpunkt ab dem achten Tag nach der Geburt.
  Eine große Diskussion hat schon begonnen. Für Juden und Moslems ist die Gerichtsentscheidung schwer hinnehmbar. Welche Folgen dieses Urteil haben wird (z.B. „Beschneidungstourismus“ in andere Länder, illegale Beschneidungen mit der Option bei Komplikationen das Wohl des Kindes zu gefährden …), ist noch nicht abzusehen. Wahrscheinlich kann dieses Problem nur per Gesetz oder durch Spruch aus Karlsruhe geklärt werden.

 


 

22.06.2012


Fußball-Liturgie

In einer Stunde werden wieder feierliche Hymnen gesungen. Deutschland strebt dann nach Einigkeit und Recht und Freiheit, nach Brüderlichkeit mit Herz und Hand (!) als des Glückes Unterpfand. Griechenlands Hymne soll eigentlich 158 Strophen haben, den meisten Hellenen sind nur etwa 14 bekannt. Gesungen wird wohl die erste: „Ich erkenn' dich an der Schärfe deines Schwerts, der furchtbaren, ich erkenn' dich an dem Blicke der mit Kraft die Erde misst.“
Morgen singen die Franzosen ihre Marseillaise (die erste von sieben Strophen):
„Auf, Kinder des Vaterlands!
Der Tag des Ruhms ist da.
Gegen uns wurde der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben.
Hört ihr im Land
Das Brüllen der grausamen Krieger?
Sie kommen bis in eure Arme,
Eure Söhne, Eure Gefährtinnen zu köpfen!
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!“
  Da haben es die Spanier doch leichter: Ihre Hymne hat keinen (offiziellen) Text. Die Kamera zeigt schweigende Spieler und Funktionäre. Doch da stellt sich die Frage, wie man ohne das Singen überhaupt Fußball-Weltmeister werden kann. 2008 wurde ein Text vorgestellt, der das Ergebnis eines Wettbewerbes des spanischen Nationalen Olympischen Komitees war, da das NOK meinte, die Fußballer müssten vor einem Spiel die Hymne mitsingen können. Aufgrund weitgehend negativer Reaktionen in Politik und Öffentlichkeit wurde dieser Vorschlag jedoch nach wenigen Tagen zurückgezogen.
  Ob Fußball ohne die patriotischen Hymnen pazifistischer wäre? Wohl kaum - das walte BILD & Co. (in allen Fußball-Ländern).

 


 

15.06.2012


Abendmahl

 

Nach der Eroberung Maastrichts 1632 durch die Niederlande erhielt die reformierte Staatskirche zwei Kirchen. Ansonsten blieb die Mehrheit der Maastrichter Bevölkerung (bis heute) katholisch.
  Die St. Janskirche hat die Predigtkanzel an der linken Seite des Mittelschiffs. Die Gemeinde sitzt im offenen Karree davor.
  Faszinierend aber ist der Gebrauch des Chores: hier wird an einem großen u-förmigen Tisch das Abendmahl gefeiert. Der Tisch des Herrn eher nach Leonardo da Vinci als sonst die üblichen Altäre. Hier ist die Abendmahlsgemeinschaft auch tatsächlich Tischgemeinschaft - und das in einem gotischen Gebäude.
  Wenn auch nicht gänzlich kopierbar, gerade mit diesem besonders beeindruckenden Kontext, könnte man sich vielleicht dennoch Anregungen holen, um die Abendmahlsgemeinschaft stärker zur Tischgemeinschaft werden zu lassen. Ein Versuch wäre es wert.

 

 

   

Die reformierte St. Janskirche (Johannes der Täufer) zu Maastricht

 

Abendmahlstisch im Chor

 

(Fotos: wb)

 


 

08.06.2012

 

Wiedertaufe

Viele Freikirchen taufen nur Erwachsene beziehungsweise Religionsmündige, die von den meisten Kirchen praktizierte Kindertaufe lehnen sie in der Regel als ungültig ab. Daher sehen sie es nicht als Wiedertaufe, wenn Menschen, die als Kind getauft worden waren, als Erwachsener noch einmal getauft werden.
  Erstaunlicherweise kennen die Siebenten-Tags-Adventisten auch in ganz seltenen Fällen - in Europa kaum bekannt - eine  wirkliche Wiedertaufe, falls der Betreffende es wünscht, zum Beispiel nach besonderem Abfall vom Glauben. Die Gemeindeordnung erklärt jedoch, dass eigentlich eine erneute Taufe nicht erforderlich sei, sondern damit die Einzigartigkeit der Taufe verwässert werde, denn diese sei auf Dauer angelegt.
  In der Tat kennt die Bibel nur die eine christliche Taufe. In Apg 19,1-7 taufte Paulus eine Gruppe von etwa 12 Gläubigen lediglich noch einmal im Namen Jesu, da sie vorher nur die Bußtaufe des Johannes des Täufers erhalten hatten.
  Erstaunlicherweise gibt es aber in letzter Zeit einige bekanntgewordene Fälle in eher fundamentalistischen adventistischen Kreisen, in der eine Wiedertaufe als Bußtaufe zur Vergebung „schwerer Sünden“ bei einigen „prominenten Sündern“ praktiziert wurde und wird. Über die Gründe und das dahinterstehende Tauf- und Gemeindeverständnis soll an dieser Stelle nicht spekuliert werden. Gleichwohl ist diese Art von Taufe doch recht fragwürdig. Sie entspricht eher der Bußtaufe des Johannes als „der“ christlichen Taufe.
  Die Frage ist ja auch, wie oft und nach welchen Kriterien man so eine eher ablassartige Taufe zelebrieren soll - so mancher Sünder käme unter Umständen nie mehr aus dem Wasser heraus.*

  Vielleicht sollte man es doch einfach nach Epheser 4,5 belassen: „… ein Herr, ein Glaube, eine Taufe …“

 

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*(Nachtrag am 15.06.2012: Vgl. http://spectrummagazine.org/blog/2012/06/08/pipim-rebaptism-canceled-another-victim-identified.)

 


 

01.06.2012

 

Nicht alle Bräute sagen nein

 

Es gibt im Leben von Kirchen - unabhängig von der Konfession - immer wieder intensive Auseinandersetzungen: wie die Einführung eines neuen Gesangbuchs, die Änderung von Gottesdienstordnungen, der Umgang mit der Tradition, das Verhältnis zu anderen Kirchen sowie Struktur- bzw. Verwaltungsfragen. Wenn man Pech hat, dann sind alle diese Themen auf einmal aktuell.
  Im Moment sind gerade in Deutschland Struktur- und Verwaltungsfragen auf vielen Tagesordnungen - oder bewusst nicht. Doch die unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder demographischen Veränderungen erwarten Antworten. Liebgewordenes zu ändern - auch wenn es anachronistisch geworden ist -, bedeutet viel guten Willen, Kraft und Zeit.
  So ringen viele katholische Kirchengemeinden um Fragen der Größe der Pastoralkreise, die ungeahnte Veränderungen im Leben und Wirken der Gemeinden bringen werden.
  Verschiedene Kirchen der EKD versuchen durch Fusionen die Zukunft zu sichern. Das ist äußerst schwierig. So bemühen sich zum Beispiel die Evangelische Kirche von Hessen-Nassau (EKHN) und die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) seit Jahren sich zu vereinen. Einige Projekte trägt man schon gemeinsam. Aber ein Zusammenschluss? „Erst am Tag der Wiederkunft Christi“, meinen so manche, „aber auch dann nicht schon frühmorgens.“
  „Die Braut sagte NEIN“ so die Überschrift in adventisten heute, dem deutschsprachigen adventistischen Gemeindeblatt. Der Norddeutsche Verband der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (NDV) und der Süddeutsche Verband (SDV) kommen nicht zusammen. Der Süden ziert sich noch. Zwar bilden die beiden Verbände zusammen die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland, K.d.ö.R., doch die Exekutive liegt bei den Verbänden. Ein nächster Versuch eines echten Zusammenschlusses kann erst wieder 2017 erfolgen.
  Vorbildlich handelten die evangelischen Kirchen von Mecklenburg, Nordelbien und Pommern: Am Pfingstsonntag, dem 27. Mai 2012, wurde mit einem Festgottesdienst im Ratzeburger Dom die Nordkirche gegründet. Die lange und komplizierte Geschichte dieses Zusammenschlusses kann man auf der neuen Homepage der Nordkirche nachlesen (http://www.kirche-im-norden.de). Erfreulich, dass es dennoch geklappt hat.
  Als Profil der Nordkirche forderte der Vorsitzende der vorläufigen Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich, an erster Stelle eine evangelische Spiritualität, die Gott ins Zentrum rückt - nicht soziologische oder ökonomische Fakten und nicht Kirchenstrukturen. Zudem müsse die Nordkirche den Menschen das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit bieten. Die Nordkirche müsse aber auch wirtschaftlich und finanziell handlungsfähig bleiben.
  Die Nordkirche, so scheint mir, ist auf einem guten Weg, anderen Kirchen Mut zu machen.

 


 

25.05.2012

 

Zappen

Es gab mal Zeiten, da fand ich Talkshows äußerst interessant. Das ist aber schon lange her. Doch kürzlich blieb ich beim Zappen ebendort „hängen“. Ein ehemaliger deutscher Profiboxer aus Mannheim-Waldhof berichtete über sein Leben. Als uneheliches „Besatzungskind“ eines schwarzen GI, der kurz nach der Geburt seines Sohnes zurück in die USA musste, fand er im Boxen einen Weg, um seine durch die Hautfarbe gefühlte Außenseiterrolle zu kompensieren.  Die Medien jubelten ihn zum „Cassius Clay von Waldhof“ hoch. Der der junge Mann verkraftete wohl eine entscheidende Niederlage nicht, sein Selbstbewusstsein war stark angeschlagen - und landete im Mannheimer Rotlichtmilieu. Wegen diverser Delikte in diesem Umfeld saß er über sechs Jahre in Haft. Dort traf er auf den ehemaligen RAF-Terroristen Peter-Jürgen Book. Der Boxer Charly Graf brachte dem schmächtigen Book das Boxen bei. Book wiederum führte ihn in die Welt der Kultur und Literatur ein. Graf lieh sich aus der Gefängnisbücherei die von Book vorgeschlagenen Titel, las sie und Book vermittelte ihm den Kontext und den Hintergrund dieser Literatur. Diese klassische Bildung - neu und faszinierend - veränderte das Leben und Denken, so das Selbstzeugnis von Graf. Book ermutigte Graf, wieder mit dem regelmäßigen professionellen Boxtraining zu beginnen, so dass dieser schon aus dem Gefängnis heraus wieder an Wettkämpfen teilnehmen und nach der Verbüßung seiner Strafe sein Leben wirklich neu beginnen konnte. Heute ist Charly Graf für die Stadt Mannheim Betreuer für sozial auffällige Jugendliche.

Immer wieder faszinierend: Begegnung verändert.

 


 

18.05.2012

 

Stolpersteine

Das Gründerzeithaus in dem wir wohnen hat schon viel erlebt. Den zum Luftschutzraum umgebaute Keller schützt immer noch die schwere Metalltür. Verblichene Wandinschriften weisen den Weg. Vor 30 Jahren noch, vor der Renovierung, sah man an der Außenwand zur Straße hin Spuren von Holzdübeln und Schrauben, die einstmals ein Schild befestigten. „Es gab hier bis zum Krieg mal eine Arztpraxis“,  erklärte ein alter, inzwischen verstorbener Hausbewohner, damals auf meine Nachfrage.

 

Vor einer Woche nun, erhielten dieser Arzt und seine Familie Namen. Auf drei „Stolpersteinen“ werden das Schicksal des Arztes Dr. Werner Hoexter, seiner Frau Alma Hoexter und des Sohnes Ernst Hoexter benannt. Von 1920 bis 1942 wohnten sie hier und Dr. Hoexter betrieb die Praxis. Zuerst als Arzt, dann unter der diskriminierenden Bezeichnung „Krankenbehandler für Juden“.

 

Die Flucht ins Exil nach England gelang lediglich der Tochter, die allerdings in den Jahren darauf das Schicksal ihrer Familie nicht verkraftete.

 

Die Eltern und der Sohn planten die Auswanderung in die Vereinigten Staaten, was unter anderem deshalb nicht gelang, weil der Sohn unter dem Down Syndrom litt und die Eltern ihn nicht allein zurück lassen wollten. Mit Beginn des Krieges war Rettung durch Auswanderung nicht mehr möglich.

 

Als sie die Aufforderung zur Deportation für den nächsten Tag erhielten, gingen sie zusammen mit der Schwester der Ehefrau in den Tod (09.05.1942). Das Familiengrab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, Eckenheimer Landstraße. Noch im gleichen Monat wurde das Wohnungs- und Praxisinventar von den Finanzbehörden versteigert und mit dem restlichen Vermögen zu Gunsten des Reiches eingezogen.

 

Der ins KZ Theresienstadt deportierte Großvater verstarb dort noch im gleichen Jahr.

 

Die Stolpersteine wurden von der Tochter einer ehemaligen Klassenkameradin der Hoexter-Tochter initiiert bzw. gestiftet. Dr. Hoexter ist der Hausarzt der Familie gewesen.
In einer kleinen Zeremonie wurde der ehemaligen Hausbewohner gedacht und die Steine wurden in den Bürgersteig verlegt.

Diese Form des Gedenkens macht aus unpersönlichen Opferzahlen Menschen, jüdische Bürgerinnen und Bürger, politisch oder religiös Verfolgte, Homosexuelle und Euthanasieopfer … Menschen, die einstmals dort arbeiteten und wohnten, wo wir nun unser Leben gestalten.

In Frankfurt sind bisher 619 Stolpersteine verlegt, in etwa 700 Städten in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Polen, Tschechien, der Ukraine und Ungarn sind es bisher 35.000.

Es bleibt noch viel zu tun
.

 

(Fotos: wb)

 


 

11.05.2012

 

 

(Heute auf der AWA-Frühjahrstagung in Eisenach)

 

  


 

04.05.2012


Nimms leicht ...

Infoveranstaltung zum Thema Evolution-Kreationismus. Drei Naturwissenschaftler sind extra aus den USA eingeflogen worden. Sie vertreten die Fächer Wirbeltier-Biogeographie, Wirbeltier-Paläontologie und Molekularbiologie. Interessant. Sie referierten allderdings fast ausschließlich theologische Themen. Wunderbar. Wie einfach kann Theologie sein!! Nachfragen der Theologen wurden zum Teil nicht verstanden - oder mit den Worten „Ich bin kein Theologe“ nicht beantwortet.
  Vielleicht sollte man als Theologe einen Gegenbesuch machen - und über Wirbeltier-Biogeographie, Wirbeltier-Paläontologie und Molekularbiologie referieren!

 


 

20.04.2012


Kein verbotenes Buch

Aufgeregte Journalisten und Politiker. Eine als sehr fundamentalistisch geltende sunnitische Gruppierung der sogenannten Salafisten, bekannt durch einige deutsche Konvertiten, verschenkt in Fußgängerzonen den Koran an Passanten. 300.000 Exemplare sind fürs erste vorgesehen: reine Textausgaben, keine kommentierten Fassungen.
  Weshalb bloß die Aufregung? Der Koran ist hierzulande kein verbotenes Buch. Seit mehr als 200 Jahren ist er in Deutschland käuflich zu erwerben. Er steht in Bibliotheken und Schulen. Vielleicht sollten manche Politiker und Journalisten einfach mal hineinschauen.
  Wahrscheinlich geht es aber den verschenkten Koran-Exemplaren wie so manchen der jährlich 20 Millionen gedruckten Bibeln - sie werden bestenfalls kurz angelesen.

 



13.04.2012


Hafen der Träume


Besuch in der Hamburger „Ballin-Stadt“, dem Museum am Ort der größten Auswandererhallen, einer kleinen Stadt als Warteort für die Schiffspassagen, „the port of dreams“. Drei wiedererrichtete Hallen geben Zeugnis von der Sehnsucht nach einem besseren Leben, sei es, um der Armut und Unterdrückung in der Alten Welt zu entfliehen oder seinen Glauben ohne Diskriminierung leben zu können. Millionen von Deutschen suchten ihr Glück vornehmlich in der Neuen Welt. Hamburg war auch der Hafen für viele Osteuropäer.

 

Aufbruch, Reise, Hoffnungen, erfüllte Träume, auch Enttäuschungen oder Rückkehr. Ja, auch Rückkehr. Forschungsberichte machen deutlich, das ein landsmannschaftliches Umfeld - in den USA gab es ganze Gegenden oder Stadtteile, die deutsch geprägt waren - oder eine Einbindung in einer Kirchengemeinde ersten Halt gaben und das Einleben erleichterten und letztlich die Integration förderten. Zum Beispiel haben adventistische Auswanderer in der Regel recht schnell Fuß gefasst. So berichteten in meiner Kindheit, in den 50er Jahren gab es einen großen Drang zur Auswanderung in die USA, die Auswanderer die meine Familie kannte (erhebt keinen Anspruch darauf, repräsentativ zu sein), über ihre schnelle Einbindung in die amerikanische Gesellschaft Dank der „Glaubensgeschwister“ ihrer Gemeinden.

 

 

"Haus der Adventhoffnung", jetzt "Church of the Advent Hope": Die Inschrift zeugt noch von der ehemaligen Deutschen Adventgemeinde in Manhattan. Heute gibt es hier nur noch vereinzelte deutschsprechende Migranten aus jener Zeit. Die Gemeinde ist jetzt eine multikulturelle lebendige Gemeinde.

 


Anregung: Die adventistische Migration in die USA wäre sicherlich auch ein Thema für eine Master-Thesis oder gar eine Dissertation. Es ist spannend, wenn man sich damit einmal beschäftigt

(Fotos: links FMJ)

 

 


 

06.04.2012

 

Dieser Tag ist wichtig …

1952 war die Welt noch in Ordnung. Die im Grundgesetz von der Weimarer Verfassung übernommene verbürgte Feiertagsgarantie - „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ - veranlasste die Bundesländer zu oft restriktiven Gesetzen. Der damals wohl größte Ausbund an weltlicher Festfreude, die Tanzveranstaltungen (wie auch Unterhaltungs- und gewerbliche Sportveranstaltungen …), wurden für die sogenannten „stillen Feiertage“* untersagt. Diese staatskirchlichen Spuren in der deutschen Gesellschaft wurden in jenen Jahren (fast) klaglos hingenommen. Für die numerische Mehrheit der Bevölkerung waren es wichtige Feiertage, der Staat sorgte dafür, dass sie auch „richtig“ begangen wurden. Mancher mag sich noch daran erinnern, dass auch der Rundfunk an diesen Tagen nur „ernste“ Musik spielte, das frühe Fernsehen zelebrierte ebenfalls ein „angepasstes“ Programm.
  Die immer säkularere Gesellschaft, die unüberschaubare Vielzahl der Medien und eine tolerantere oder gleichgültigere Gesellschaft ließ die Feiertagsgesetze aus der Erinnerungen verschwinden. Bis sich im letzten Jahr die Stadt Frankfurt am Main bemüßigt sah, die Diskothekenbetreiber anzuschreiben, dass diese Gesetze noch gültig seien, auch wenn sie über Jahre nicht konsequent durchgesetzt worden seien.
  Das rief die Jungen Grünen und die Piraten auf den Plan, die für eine Novellierung der bestehenden Gesetze plädierten, da der weltanschaulich neutrale Staat nicht das Recht habe, zu bestimmen, wie die Bürger diesen Tag zu begehen hätten, lediglich den Schutz der Religionsausübung müsse er bewirken. Allerdings sorgte eine öffentliche „Tanzdemo“ zu einem Konflikt mit einer Prozession der kroatischen Gemeinde im Frankfurter Dombereich, der das Anliegen der Demonstranten nicht unbedingt förderte.
   Manche paternalistische Äußerungen von Politikern zur Verteidigung der genannten Gesetze und zum Sinn dieser Feiertage für die heutigen Gesellschaft wirkten jedoch etwas antiquiert und lebensfremd und halfen nicht den Konflikt zu entschärfen, zumal es sich bei Umfragen immer wieder herausstellte, dass gerade viele junge Leute mit der religiösen Herkunft der Feiertage heute kaum etwas anfangen können.
  So ist es nur begrüßenswert, dass die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) eine Aufklärungsoffensive zum Karfreitag startete. Wer zum Beispiel in den letzten Tagen durch Frankfurt oder Darmstadt ging, entdeckte - für manche etwas verstörend - „eigenartige“ Banner und Plakate, zumeist in der Nähe von evangelischen Kirchen, und offene Kirchen mit Veranstaltungen und Projekten. Die Auswertung der Ergebnisse dieser Aktion werden sicherlich spannend sein.
  Die Freikirchen und kleineren Gemeinschaften mussten immer schon versuchen, ihre Positionen überzeugend zu vermitteln - wenn das nicht gelang, konnte und kann die „Abstimmung mit den Füßen“ existenzgefährdend für die Gruppe sein. Das staatskirchliche Erbe der Volkskirchen ließ bisher eine gewisse Trägheit zu. Doch viele bisherige Selbstverständlichkeiten im Verhältnis Staat-Kirchen werden heute anders hinterfragt als in den 50er Jahren. Die diesjährige Aktion der EKHN ist ein guter Anfang. Denn die Kirche(n) hat/haben eine Bringschuld der Gesellschaft gegenüber, von der die Kirchen etwas fordern. Eine sachliche gesellschaftliche Diskussion der anstehenden Fragen mag folgen. Die Notwendigkeit der Novellierung der Gesetzesbestimmungen wird auch von der EKHN gesehn.

 

 

Litfaßsäule auf dem Mathildenplatz in Darmstadt


Die durchbohrte Hand zeigt das Siegeszeichen. „Dualsymbolik“ des Darmstädter Künstlers Ralf Kopp.       

(Foto: S. Krebs/EKHN)

 

 

 

(Siehe auch http://www.karfreitag.de.)

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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*Hier die Tanzverbote für Hessen, jedes Bundesland hat unterschiedliche Feiertagsgesetze
Gründonnerstag (04.00-24.00 Uhr)
Karfreitag (00.00-24.00)
Karsamstag (00.00-24.00)
Ostersonntag (00.00-24.00)
Pfingstsonntag (00.00-24.00)
Volkstrauertag (04.00-24.00)
Totensonntag (17.00-24.00)
Heiligabend (17.00-24.00)
1. Weihnachtstag (00.00-24.00)

 

P.S.: Die Gerichte haben übrigens in unterschiedlichen Instanzen die Tanzdemos verboten. Zu den angekündigten "Flash-Mobs" kamen wohl nur wenige Teilnehmer. 

  

  


 

30.03.2012

 

Entmündigung der Theologen?

In der neuesten Ausgabe von Adventist World (April 2012), der "Internationalen Zeitschrift für Siebenten-Tags-Adventisten", deren deutschsprachige Ausgabe dem deutschen Kirchenblatt adventisten heute beigeheftet ist, werden alle Adventisten aufgerufen, dem von der Vollversammlung der Generalkonferenz (GK) 2010 eingerichteten Ausschuss zur redaktionellen Neuformulierung der adventistischen Glaubensartikel Vorschläge einzureichen, vor allem auch für die von vielen gewünschte „Verdeutlichung“ (eigentlich eher Verengung) des Artikels 6. zur Schöpfung.
  Nun ist es richtig, wie im Interview der Vorsitzende des genannten Ausschusses, der Vizepräsidenten der GK Artur Stele, äußert, dass „die Lehren unserer Bewegung nicht in Stein gemeißelt“ sind.

  In der Präambel der Glaubenspunkte heißt es: „Siebenten-Tags-Adventisten anerkennen allein die Bibel als Richtschnur ihres Glaubens und betrachten die folgenden Glaubensüberzeugungen als grundlegende Lehren der Heiligen Schrift.
Diese Glaubensaussagen stellen dar, wie die Gemeinde die biblische Lehre versteht und bezeugt. Eine Neufassung ist anlässlich einer Vollversammlung der Generalkonferenz (Weltsynode) dann zu erwarten, wenn die Gemeinde durch den Heiligen Geist zu einem tieferen Verständnis der biblischen Wahrheit gelangt oder bessere Formulierungen findet, um die Lehren des heiligen Gotteswortes auszudrücken.“

  Das ist spannend, das lässt Lehrentwicklung zu. Andere Kirchen und Gemeinschaften haben mit ihren Bekenntnisschriften das Problem, sie immer wieder „neu lesen“ zu müssen.
  Die Einbeziehung aller Kirchenmitglieder in den Prozess der Neuformulierung ist ein ganz neuer Schritt. Begründung: „Der Heilige Geist führt die Gemeinde und jedes einzelne Mitglied ist wertvoll. Der Herr kann jedes Gemeindeglied gebrauchen und durch jeden Einzelnen sprechen.“
  Doch hier stellen sich die Fragen. Wie verläuft der Auswahlprozess? Nach welchen Kriterien wird der „Heilige Geist“ gemessen? Gibt es Transparenz der Entscheidungswege? Wird den Theologen nicht getraut - oder haben sie in der Formulierung dann doch das vorletzte (vor der Entscheidung der Vollversammlung der GK 2015) Wort? Geht es um dogmatischen Populismus, angesichts einer konservativeren Theologie der Adventisten in ihren Wachstumsgebieten Afrikas, Südamerikas und auch Osteuropas, gegen die „Liberalen“ in Teilen Nordamerikas, Europas sowie Australiens?
  Doch je mehr man versucht, Dinge zu „verdeutlichen“, „fest“ zu machen, desto mehr wird eingeengt bzw. ausgegrenzt. Das kann wiederum zu immer schnelleren notwendigen Zyklen der Veränderungen, „Nachbesserungen“ führen.
  Irgendwie haben es die Verfasser der altchristlichen Glaubensbekenntnisse (auf deren Grundlage auch die Siebenten-Tags-Adventisten stehen) besser gemacht, seit über 1.600 Jahren dienen diese Texte  (fast) unverändert der Christenheit.

 


  

23.03.2012

 

Helden des Alltags

 

So nannte man früher oft diejenigen, die ohne Pomp und Gloria im und/oder für den Alltag des Menschen etwas leisteten. Vor 60 Jahren stellte sich der Daimler-Ingenieur Béla Barényi gegen das Dogma, dass Autos so starr und fest wie möglich zu bauen seien. Er war der Meinung, man müsse die Aufprallkräfte von den Insassen der starren Autozellen ablenken. So ließ er sich das Prinzip der "Knautschzone" patentieren, das möglichst viel Energie beim Aufprall absorbieren sollte. Es dauerte noch bis 1959 als der erste Wagen, der Mercedes W 111, dieses Prinzip übernahm. Heute ist die Knatschzone nicht mehr wegzudenken, und mit Gurt und Airbag und anderen technischen Mitteln konnte man bis jetzt die verheerenden Folgen von Unfällen früherer Jahre (selbst bei "kleineren" Blechschäden) deutlich und nachhaltig senken.

Allerdings ist die Arbeit am "Faktor Mensch" erheblich mühsamer und langwieriger.

  


 

16.03.2012


Holz & Lehm übertrumpft Beton!

Während in Frankfurt am Main viele Bauten der 50er bis 80er, ja 90er Jahre abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden, selbst Hochhäuser, berichtet die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, dass nach neuesten Untersuchungen das Lutherhaus in Eisenach - hier soll Luther zeitweise gewohnt haben - wohl der älteste Fachwerkbau Thüringens ist. Forscher fanden heraus, dass Bereiche der Fachwerk-Konstruktion aus dem Mittelalter stammen. Die ältesten ermittelten Teile - Eichenbalken in der Lutherstube - wurden auf das Jahr 1269 datiert.
  Das Lutherhaus ist heute ein Museum. „Der Besucher des Lutherhauses wird auf eine faszinierende Reise durch das Leben Martin Luthers und die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses entführt.“ (nach Museums-Homepage).
  Vielleicht finden ja einige Teilnehmer der AWA-Frühjahrstagung in Eisenach (11.-13.05.2012) ihren Weg dorthin. Geöffnet ist das Haus täglich von 10.00-17.00 Uhr.

 


 

09.03.2012

 

„Wenn ich der Teufel wäre ...“

 

„Wenn ich der Teufel wäre, würde ich die Adventisten dahin bringen zu meinen, dass alle ihre Glaubensgrundsätze gleich wichtig sind.
Das klare Gegenteil ist der Fall. Die rettende Beziehung zu Jesus steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie steht auf einer anderen Ebene, als kein Schweinefleisch zu essen. … Die Gemeinde muss darüber nachdenken, welche ihrer Glaubensgrundsätze von primärer und welche von sekundärer Bedeutung sind, was wirklich zentral ist und was zu den Randfragen gehört.“

(George Knight, Adventgemeinde fit für ihre Mission? Advent-Verlag, Lüneburg 2004: 226)

 


 

02.03.2012

 

„Kein anderes Evangelium“

Antworten geben auf die Fragen der Zeit in unterschiedlichen Kulturen und Zusammenhängen. Das ist immer die Aufgabe der Kirche(n) gewesen. Nach den ersten Auseinandersetzungen der frühen Christen in Jerusalem mit ihre jüdischen Tradition und Umwelt, folgte die Begegnung mit der antiken griechisch-römischen Welt. So entstanden die frühen Glaubensbekenntnisse, so wuchs Kirche, denn Begegnung verändert. Doch manche Veränderung ist schmerzlich. Nicht jede Antwort hat sich zudem als nachhaltig erwiesen. Nicht jede Antwort auf Begegnung wurde von allen mitgetragen.
  Religiöse Auseinandersetzungen wecken Leidenschaften - nicht immer die besten. Kein Wunder, dass bei gesellschaftlichen Anlässen das Thema Religion in der Regel tabu ist.
  Bruderkämpfe sind die heftigsten. Luther und Zwingli konnten nicht zueinander finden, die Sache der Reformation war fortan geschwächt. Und die Anerkennung der Reformierten als gleichberechtigte Kirche (neben Lutheranern und Katholiken) im Westfälischen Frieden 1648 versuchten die Lutheraner massiv zu verhindern.
  Innerkirchliche Auseinandersetzungen als Folge der Begegnung mit den jeweiligen Zeitströmungen waren und sind selten zimperlich. Es ist die verräterische vorwurfsvolle Sprache der polemischen Unterstellung - der Zweck heiligt die Mittel -, die alle christliche Liebe und Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit über Bord geworfen hat. Es wird mit der Axt gefochten - nicht mit dem Florett. Es gibt nur gut oder böse.
  Es ist faszinierend, die Entwicklung solcher Bewegungen zu verfolgen. Oft wird die Gegenwart negiert. Gerade viele evangelikale Bewegungen (und nicht nur sie) bewahren sich ihr 19. Jahrhundert als "Insel der Seligen", der Begriff  „Zeitgeist“ ist für sie ausschließlich negativ besetzt.
  In diesen Tagen fiel mir ein Fundus von Publikationen der "Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium«" in die Hände. Anfang der 60er Jahre gegründet, kämpfte sie innerkirchlich gegen das Werk des „liberalen“ Theologen Rudolf Bultmann. Später ging es gegen Scheidung, Ordination von Frauen, Ökumene, neuerdings gegen den Islam und seit Jahren gegen Homosexualität und gegen das Gender-Mainstreaming-Programm (Gleichberechtigung von Mann und Frau) der Bundesregierung (und seine Umsetzung auch in den Kirchen) …
Eine reflektierte Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit und der Begegnungen mit Kulturen findet fast nicht statt, und in der Abwehr der „bösen Welt“ werden alle Fragen zu „Heilsfragen“, jede Auseinandersetzung mit Zeit und Welt degeneriert dadurch zu einer zweifelhaften Apologie. Und natürlich die Sprache … Von christlicher Freiheit und Gelassenheit findet man nicht viel. Doch christliche Freiheit und Gelassenheit braucht man gerade in der Begegnung.

 


 

24.02.2012

 

Zitate

Der „Kandidat der Herzen“ wird in wenigen Wochen für das höchste Staatsamt gekürt werden. Inzwischen sind die Zitatensucher voll im Einsatz. Schlagzeilen machen im Internet die Runde, was er alles gesagt haben soll. Vielleicht wäre es gut, wenn die „Schatzsucher“ die simpelsten (wissenschaftlichen und menschlichen) Regeln beachten würden. Dank Internet ist jedoch vieles sofort nachprüfbar - und siehe: der Kontext der Zitate widerspricht den gewollten Schlagzeilen. Der Mann äußert sich nämlich sehr differenziert. Aber das ist ja bei manchen nicht gefragt.

   Gestern erhielt ich ein religiöses Pamphlet ...

 


 

17.02.2012


Der Jurist

Erst ging es „nur“ um ethische Fragen des politischen Verhaltens. Da sah der Bundespräsident keinen Grund zum Rücktritt, er habe sich ja strafrechtlich nichts zu Schulden kommen lassen. Jetzt streckte die Staatsanwaltschaft ihre Fühler aus. Der gelernte Jurist trat zurück.
  Vielleicht meinte Jesus das in der Bergpredigt, als er von der Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten sprach, die auch schon ganz irdisch nicht tauge (vom Himmelreich ganz abgesehen, Mt 5,20).
  Wie sagten seine Vorgänger - Richard von Weizsäcker: „Ich kann mir humane Politik nur mit der Bergpredigt vorstellen …“ -  und Johannes Rau: „Wie kann man denn ohne Bergpredigt Politik machen?“

 


 

10.02.2012

 

Damit Du groß und stark wirst …

So war das früher, selbst wenn es nicht um die Wurstscheibe - wie für Dirk Nowitzki im bekannten Fernseh-Werbespot - ging. Auch das Kind auf der Verpackung von Brandt Markenzwieback zum Beispiel zeigte sich in meiner Kindheit sehr viel pausbäckiger.
  Die Fülle der Zuschriften zu dem genannten Werbefilm auf die Facebook-Seite der IngDiba Bank hat wohl auch das Geldinstitut überrascht. In der Tat liefern sich dort Fleischesser, Vegetarier und Veganer ein Festival der Humorlosigkeit.
  Tja, groß und stark reicht wohl nicht. Wie wär es mal mit reif ...

 


 

03.02.2012

 

Eisblumen

 

Sie sind selten geworden, die Eisblumen. Die Häuser werden baulich immer energiesparender. Das ist gut. Doch damit verlieren die seit Kinderzeiten geliebten Eisblumen ihre Lebensgrundlage. Die derzeitige Kältewelle machte es möglich, dass am Freitag morgen des 03.02.2012 diese fast ausgestorbene Spezies an einem Fenster des Haupthauses des Schulzentrums Marienhöhe für kurze Zeit nostalgisch Asyl finden konnte.
  Sofort kamen assoziativ winterliche Bilder aus dem Fundus der Kindheits-Erinnerungen zu Tage. Richtige, tolle Winter waren es damals. Schneemänner, Iglus bauen, Schneeballschlachten … herrliches Schlittenfahren - möglichst den ganzen Nachmittag -, Mutproben bei Steilhängen oder Unterfahren von Stacheldrahtzäunen. Heulen, wenn Hände, Füße und Ohren schmerzhaft wieder warm wurden. Bei den Großeltern - wohnhaft in einem Schloss - sogar in der Wohnung gut eingemummelt, der uralte Ofen schaffte es nicht, den hohen saalartigen Raum richtig zu heizen. Großvaters Futterhäuschen lockte die vielen unterschiedlichen Vogelpopulationen des Parks an …
 

Gute alte Zeit? Nur in der kindlichen Erinnerung. Tatsächlich verlangten diese Winter den Menschen einiges ab. Nachdem viele Jahre die Winter hierzulande lediglich Stippvisiten gaben, wird jetzt jeder kurze Kälteeinbruch fast zur nationalen Katastrophe - eher zur „Luxuskatastrophe“ in gut beheizten und klimatisierten Räumen und mit polarerprobter „Outdoor-Kleidung“ - medial hochstilisiert. Die „gute alte Zeit“ wäre heute wohl kaum mehr zu ertragen.

 


 

 

27.01.2012

 

Der Glaube der Hessen - was nun?

Anlässlich der 1.000. Horizonte-Sendung - einer Religionssendung des Hessischen Rundfunks - hat der HR durch das Zentrums für kirchliche Sozialforschung Freiburg (Zekis) eine repräsentative Umfrage erstellen lassen: „Was glauben die Hessen?“
  Manche Ergebnisse sind verblüffend. So finden es 75% gut, dass es Kirchen gibt, als Sinnstifter jedoch haben diese ihre Rolle wohl verloren: über 80% stimmten dem Satz zu, dass das Leben nur dann einen Sinn habe, wenn man ihm selber einen Sinn gebe. Mehr als zwei Drittel gaben sogar an, dass die Kirchen auf Fragen, die sie wirklich bewegen, keine Antwort haben. Nicht einmal mehr jeder zweite Befragte kann der Aussage, „dass sich Gott in Jesus zu erkennen gegeben hat“, zustimmen, darunter auch viele Protestanten und Katholiken. 65% sind allerdings der Meinung, dass Kinder religiös erzogen werden sollten. Knapp zwei Drittel der Befragten glauben an die Existenz von Gott oder etwas Göttlichem, an die Existenz des Teufels nur knapp 25%.  70% glauben, dass es Wunder gibt, fast 50% rechnen mit der Existenz von Engeln, etwa 45% glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat. Der traditionelle Aberglaube spielt übrigens kaum eine Rolle. Von den Befragten waren 20% konfessionslos. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass jede Religion einen wahren Kern habe. „Missionare“ und Fundamentalisten, so die Studie, sind nur wenige zu finden.
  Religion ist, so scheint es, privater und selbstbestimmter geworden. Die Kirchenvertreter stellten sich auf der Horizonte-Jubiläums tapfer den Ergebnissen. Überzeugende Antworten brauchen aber wohl ihre Zeit.

 

(Für weitere Infos sie hr-online)

 


 

20.01.2012


Giftalarm

„Sie sind alle infiziert“, soll gestern ein 25jähriger Student in einem morgendlichen Regionalzug nach Frankfurt erklärt und Zettel an die Pendler verteilt haben. Daraufhin habe eine Frau und später noch vier Reisende über Kribbeln, vor allem Unwohlsein und zum Teil auch über Taubheitsgefühle in den Händen geklagt. Diese Reisenden steigen in Langen aus, dort werden sie in einem Dekontaminationszelt des Roten Kreuzes untersucht und dann nach Hanau in die Quarantänestation des Krankenhauses gebracht. Der Zug wird im Frankfurter Hauptbahnhof von der Polizei weiträumig abgesperrt, in Schutzanzügen vermummte Feuerwehr-Spezialkräfte untersuchen bis in den Abend hinein den Zug. Keine Ergebnisse. Auch die Zettel werden untersucht. Keine Spur von Gift oder ähnlichem. Der textliche Inhalt sei wirres Zeug gewesen. Der Student wird ermittelt. Er erklärt, er habe das Gefühl gehabt, den Menschen helfen zu müssen, seine leicht verwirrten Angaben verhelfen aber nicht zur Aufklärung.
  Heute erklären die Behörden, die Symptome der Fahrgäste seien gestern nachmittag abgeklungen. Die ausgedehnten Untersuchungen im Krankenhaus und in der Bahn hätten nichts ergeben, die Ermittlungen seien eingestellt. Weitere Kommentare, auch auf Nachfrage der Presse, unterbleiben.
Ratlosigkeit allerseits.

 


 

13.01.2012


Bibelfest?

Es ist erfreulich, wenn unsere Politiker, die sich immer auf die jüdisch-christliche Tradition berufen, etwas Bibelkenntnis zeigen. Aber aufgepasst, man sollte auch wissen, wie man richtig aus dem Kontext zitiert. Bundespräsident Christian Wulff bemühte in seinem berühmten Fernsehinterview vom 04.01.2012 Jesu Wort aus Joh. 8,7: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein …“

  Doch dem Satz fehlen noch zwei Wörter: „… auf sie.“ Gemeint ist die Ehebrecherin, die von den Schriftgelehrten und Pharisäern zu Jesus geschleppt wurde. Jesus verwendet sich für diese Frau - es geht hier also nicht um den Versuch, eigenes Verhalten zu relativieren.
  Es bleibt zu hoffen, dass der Bundespräsident auch noch weiter gelesen hat, denn die Erzählung endet mit dem Jesuswort an die Sünderin: „… geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

 


 

06.01.2012

 

Mühsam und spannend

 

Er war bekannt als Meteorologe (war dabei ein wagemutiger Ballonfahrer) und Polarforscher. An der Uni Marburg war er Privatdozent für Meteorologie, praktische Astronomie und kosmische Physik, später Professor an der Uni Hamburg und der Uni Graz. Unsterblich jedoch wurde er als „Vater der Plattentektonik“ und „Kopernikus der Geowissenschaften“.
  Das hatte sich aber wohl keiner auf der Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung vor genau 100 Jahren, am 06.01.1912, im bekannten Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main vorstellen können, als - fachfremd -  Alfred Wegener (1880-1930) seine Theorie der Kontinentalverschiebung darlegte. Gelächter, Hohn und Spott schallte ihm entgegen.

  Maximal zehn Jahre, so meinte später Wegener, würde es brauchen, bis seine Thesen anerkannt würden. Das geschah jedoch erst in den 60er/70er Jahren, als immer mehr Forschungen und Messungen ihn bestätigten. Das Bild der Erde als „schrumpfender Apfel“ hatte ausgedient, das Wissen um die permanente Kontinentalverschiebung prägt das heutige Modell der Plattentektonik. 

  Der Pfarrerssohn erlebte dies aber nicht mehr. 1930 verstarb er auf einer Grönlandexpedition und liegt dort im ewigen Eis begraben.

Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt ehren Alfred Wegener unter anderem mit wissenschaftlichen Veranstaltungen und einer Ausstellung in Frankfurt am Main.


Der Weg der Erkenntnis ist lang, oft steil, kurvig, steinig und wird auch nicht immer von Sackgassen verschont, zudem bringt jede Erkenntnis immer neue Fragen. Das macht wissenschaftliche Forschung so spannend.

 


 

30.12.2011


Zwischen Endzeitstimmung und Hoffnung,


so erlebten viele Menschen das Jahr 2011, ein Jahr von extremer Dichte, wie einige Kommentatoren schreiben, ein Jahr, von dem man den Eindruck habe, dass die „Geschichte es eilig hat“, in dem viele Gewissheiten dem Unsicheren weichen mussten. Die Fülle des Menschseins in allen Facetten, verstärkt durch die Medien einer scheinbar immer kleiner gewordenen Welt, die kaum noch Distanz lässt, irritiert viele. Doch gibt es glücklicherweise immer noch (oder mehr?) Menschen, die sich herausgefordert fühlen, für die Gesellschaft, für diesen Globus zu wirken und nicht passiv dem Fatalismus verfallen wollen. Ob in Initiativen, NGOs, Hilfsorganisationen, Kirchen, Religionsgemeinschaften, Vereinen, Parteien oder ganz unspektakulär in Familie oder Nachbarschaft - diese Menschen sind ein Hoffnungszeichen für Zukunft. Lux lucet in tenebris - Das Licht leuchtet in der Finsternis (und nicht umgekehrt!).

 


 

23.12.2011


Weihnachten


Weihnachten ist schon ein faszinierendes Fest. Die Christenheit feiert den Geburtstag Jesu Christi. Allerdings ist weder Tag noch Monat bekannt, nicht einmal das genaue Jahr. So wurde und wird dieser Feiertag aus unterschiedlichen theologischen, liturgischen oder kalendarischen Traditionen nicht von allen Christen am gleichen Tag gefeiert. Die westliche Christenheit hat sich wohl seit dem 3. Jahrhundert für den 25. Dezember entschieden. Der Geburtstag unter anderem als Siegeszeichen Christi über den römischen „unbesiegbaren“ Sonnengott Sol Invictus. „Jesus meine Sonne“, Jesus als Licht der Welt, das in die Finsternis wirkt, der helle Morgenstern, der in die Zukunft scheint. Die Nächte werden von Weihnachten an immer kürzer ...
  Der lukanische Bericht von der Begegnung des Himmels mit den Hirten und dem Jesuskind kündet von Freude und dem „Fürchtet Euch nicht …“. Gerade diese Freude wird immer wieder in Gottesdiensten, Krippenspielen und Weihnachtskonzerten thematisiert.
  Erstaunlich, wie viel Bräuche im Umfeld dieses Festes entstanden sind. Luther regte an, die Sitte des Beschenkens von Nikolaus, auf Weihnachten zu verschieben, um weg von der Heiligenverehrung den Blick auf Christus zu lenken.
  Neben vielen lokalen Bräuchen, die das Weihnachtsgeschehen in das jeweilige kulturelle Umfeld zu interpretieren versuchten, wurden zwei Traditionen weltumspannend: der im Elsass zuerst nachgewiesene Tannenbaum, als „Protestantenbaum“ anfangs von den Katholiken abgelehnt, und der im „Rauhen Haus“ von Johann Hinrich Wichern, dem Begründer der Inneren Mission 1839 eingeführte Adventskranz. Auch den Herrnhuter Lichterstern findet man weltweit.
  In reformierten Kirchen fand die Weihnachtsfeier eher zögerlich Eingang. In manchen Gruppen des Gemeinschaftschristentums wurde dieses Fest sogar als zu „kirchlich“ abgelehnt.
  Auf diese unterschiedlichen Traditionen traf die aus den USA stammende Adventgemeinde bei ihrer Europa-Mission gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ellen G. White führte in Basel, dem Zentrum der damaligen europäischen Adventisten, den Weihnachtsbaum in der Kirche ein, wie auch alternativ eine Weihnachtskrippe. Die Adventgemeinde Frankfurt am Main, die 1890 von Basel aus gegründet wurde, setzt zum Beispiel bis heute diese Tradition fort, vor allem den Baum, gelegentlich auch Baum und Krippe.
  Das führte manchmal schon zu interessanten Situationen, so als eine südosteuropäische Adventgemeinde aus dem Rhein-Main-Gebiet den Kirchsaal für eine Taufe nutzte - und der neben dem Taufbecken stehende Weihnachtsbaum auf die strenge antiweihnachtliche Einstellung dieser Menschen traf.
  Weihnachten hat aber schon längst seine religiösen Grenzen und Bräuche überschritten. Ob säkulares Familienfest oder weltweites Fest des Schenkens und des Kommerzes - es ist auf jeden Fall ein Fest der vielseitigen Freude geblieben - von welchem Fest kann man das schon sagen.

 


 

16.12.2011

 

Die ethische Macht der Kunden

„(Los Angeles, CA/USA, 16.12.2011/APD) Eine kleine, aber wachsende Zahl von religiösen Gemeinschaften in den USA ziehe ihr Geld von Wall-Street-Banken ab, um damit gegen die aus ihrer Sicht unfairen Zwangsversteigerungen von Wohnhäusern zu protestieren und gegen die Weigerung der Großbanken, kleinen Unternehmen Kredit zu geben, wie der Religious News Service (RNS) meldete. Eine Koalition von Gemeinden, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Einzelpersonen habe die „Move Our Money“-Kampagne gegründet, mit der eine Milliarde US-Dollar von den Großbanken zu lokalen oder Genossenschaftsbanken transferiert werden solle, so RNS.
„In gewisser Weise haben die Banken unsere Gemeinden, vor allem Gemeinden von Farbigen, beraubt“, sagte Ryan Bell, Pastor der Freikirche der Siebenten-Tags-Ad-ventisten in Los Angeles. „Im Grunde sagen wir der Bank of America mit der Kampagne, dass sie in unsere Gemeinwesen investieren soll, und solange sie dies nicht tut, legen wir unser Geld auch nicht mehr bei ihr an“, unterstrich der Geistliche. …“

(Den gesamten Bericht siehe unter http://www.apd.info )


Der Kunde ist König. Man kann sich die Banken aussuchen, die nach den eigenen ethischen Kriterien arbeiten. Je mehr Kunden das tun, desto besser und größer die Angebote, ebenso die Transparenz. Es gibt solche Banken, die bewusst ethisch verantwortlich mit dem Geld der Kunden umgehn. Weitere Banken werden folgen - sie wollen schließlich Gelds verdienen.

 


 

09.12.2011

 

Neue Erde

 

Sie heißen Corot-9b, Gliese 581 g oder der neueste Exoplanet Kepler 22b, Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, die für die Forscher Indizien aufweisen, dass dort eventuell Leben möglich wäre, gar von Menschen bewohnt werden könnten.
  Das Weltraum-Teleskop Kepler soll seit 2009 mehr als 140 erdähnliche Planeten aufgespürt haben. Manche Schätzungen sprechen von rund 100 Millionen dieser Himmelskörper in unserer Milchstraße.
  Bei jeder neuen Entdeckung wird dann in den Medien spekuliert, ob das ein Ziel für die Menschen sein könnte. So eine Art „go west“ ins All, um den Problemen dieser Erde zu entfliehen.
  Abgesehen davon, dass der Mensch technisch noch gar nicht in der Lage wäre, überhaupt dorthin zu kommen - auch wenn der wohl nächste Kandidat (HD 85512) nur 36 Lichtjahre entfernt ist: egal wohin der Mensch geht, er nimmt sich immer mit. Da würde aus der „neuen Erde“ schnell wieder ein Abklatsch der alten. Alle Versuche, schon auf diesem Globus, möglichst abgeschottet von der bösen Welt ein Utopia aufzurichten, sind daran bisher gescheitert.



 

02.12.2011

 

Eine unendliche Geschichte ...

Am 8. Mai 1945 endeten für Deutschland die Kampfhandlungen des 2. Weltkriegs. Die Folgen dieses Krieges waren in Europa gewaltig. Eine Hinterlassenschaft ist immer noch mörderisch und fordert sogar nach 66 Jahren regelmäßig Opfer: Es sind die nicht explodierten Bomben, Minen und Granaten, die in der Erde oder in Seen und Flüssen „schlummern“, fast 6.000 werden jährlich entdeckt, entschärft und vernichtet, mindestens 100.000 vermutet man noch, von den Tonnen von Munition ganz abgesehen.
  Am Sonntag müssen nun 45.000 Menschen in Koblenz ihre Wohnungen verlassen, die Altenheime (7), Krankenhäuser (2) und sogar ein Gefängnis. Die „Jahrhunderttrockenheit“ hatte das Bett des Rheins in weiten Teilen trocken gelegt - und damit eine Fülle von Waffenfunden ans Tageslicht gebracht.
  Der gefährlichste Fund ist eine 1,8 Tonnen schwere Luftmine, die jetzt entschärft werden soll (neben weiteren Bomben und Nebelfässern). Die Experten sind eigentlich überzeugt, dass dies gelingen werde. Zur Sicherheit nun aber die Evakuierung, denn sollte die Luftmine explodieren, wird es im gesamten geräumten Bereich unter anderem keine Fensterscheiben mehr geben, im Radius von zwei Kilometern rechnet man mit größeren Schäden.

In über 30 Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten seit 1945 sind weitflächig Gebiete nachhaltig betroffen. In Vietnam zum Beispiel belegten die Amerika das Land mit doppelt soviel Sprengstoff wie im 2. Weltkrieg, Millionen von Blindgängern liegen noch in der Erde.
  Allein Minen führten weltweit in den letzten 30 Jahren zum Tod von ca. 1 Million Menschen. Davon waren 20% Militärs und 80% Zivilisten, die den Minen oft erst nach Beendigung des Konflikts zum Opfer fielen - selbst in europäischen Ländern wie Bosnien ... Insgesamt sind ca. 25% der Opfer Kinder.
  Und immer noch sind 40 UN-Mitgliedstaaten der „Ottawa-Konvention“ der UN (1997) zur Ächtung der Anti-Personen Landminen nicht beigetreten, darunter Ägypten, China, Indien, Iran, Israel, Pakistan, Russland, Syrien und die USA. Das EU-Land Polen muss diesen Vertrag noch ratifizieren.
  Und immer noch sterben Menschen (s.o.) an diesem nachhaltigen Geschäft mit dem gestreuten, heimtückischen Tod.

 


 

25.11.2011

 

Bartabschneider


Sogar BILD berichtete darüber, so skuril ist dieser Fall. Ein Amish-Bischof und seine Großfamilie aus Ohio/USA, die sich - aus welchen Gründen auch immer - von ihrer bisheriger Amish-Gruppe getrennt hatten oder ausgestoßen worden waren, bildeten nicht nur eine neue, noch strengere Gruppe, sondern rächten sich, indem sie nachts ihre ehemaligen Glaubensbrüder überfielen, um Ihnen die Bärte abzurasieren. Jetzt stehen sie vor Gericht - ihnen drohen zehn Jahre Gefängnis.
  Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass diese pazifistischen Menschen überhaupt zu solchen Gewalttaten fähig sind. Jedoch ist es kein Geheimnis, dass innerhalb vieler Amish-Gruppen sehr starker Druck auf die Mitglieder ausgeübt wird. Immer wieder gibt es zudem nach heftigen Auseinandersetzungen um Lebensformen und -regeln Trennungen. Außenstehenden vermitteln sich viele dieser Auseinandersetzungen um Knöpfe oder Reißverschlüsse, Farben von Traditionsgewändern, Nutzung von Technik etc. etc. nicht.
  Das sich Abschließen vor der „bösen Welt“ ist kein Wunderrezept für friedliches Zusammenleben. Je abgeschlossener eine Gruppe ist, um so größer werden Nichtigkeiten. Wer nicht zwischen wichtig und unwichtig oder zumindest weniger wichtig unterscheiden kann, verliert das Eigentliche aus den Augen. Nicht nur das - aus dieser eingeschränkten Binnensicht wird auch die „Welt“ eigenartig wahrgenommen.
  Diese Gefahren bestehen bei so manchen religiösen Gruppen. Nicht immer zeigt sich das anfangs so deutlich wie bei einigen Amish-Gruppen, die dies fast karikaturhaft zelebrieren.

 


 

18.11.2011


Verschwörungstheorien

Am 31.10.2011 erschien auf der Website vom Spectrum Magazine, der Zeitschrift von Adventist Forum, der amerikanischen Schwesterorganisation des AWA, ein Artikel von Ron Osborne, „The Dark Fantasy World of Walter Veith“, der reichlich auf Interesse stieß.
  Der AWA hatte sich schon im Rahmen der Frühjahrstagung 2003 in Bad Homburg mit dem Thema „Verschwörungstheorien“ mit Walter Veiths Vorträgen befasst und sie einer vernichtenden Analyse unterzogen (siehe STUFEN Nr. 67/68, 33. Jg. 2004-I/II). Daher setze die Redaktion den Artikel von Osborne als Link auf die AWA-Homepage.
  EANN – Unabhängige Zeitschrift für Religion, Kirche und Gesellschaft (Hg. von Martin Haase) brachte zudem diesen Artikel als Reportage in deutsch auf ihr Internet und auch auf Facebook.
  Auf beiden Websites (Spectrum und EANN) setzte in den Foren eine ungewohnt heftige Diskussion von Anhängern und Gegnern Veiths ein. Wieder einmal wird deutlich, dass Anhänger von Verschwörungstheorien immun gegen sachliche Auseinandersetzung sind - jedes Gegenargument bestärkt sogar ihre Position.
  Es wäre vielleicht ganz sinnvoll gewesen, wenn die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten schon vor Jahren deutlicher gemacht hätte, dass dieser Mann am Rande der Kirche (eher sogar außen) steht und seine Positionen nicht diejenigen der Kirche sind. Eine Politik, die die adventistischen Fans von Walter Veiths nicht vergrätzen möchte, und weil man gelegentlich das, was er als Kreationist äußert, möglicherweise wenigstens teilweise gern hört, macht sich der augenzwinkernden Komplizenschaft schuldig. Das ermutigt nur Jugendliche, den obskuren Theorien Veiths zu folgen. Die Folgen sind in den Forumsbeiträgen deutlich.
  Im übrigen wäre es vielleicht auch eine Aufgabe der Freikirchenleitung, sich Gedanken zu machen, weshalb überhaupt Adventisten so einer Scharlanterie zum Opfer fallen können.



Diesmal am 13.11.2011


Pfarrhaus


Über den Segen des evangelischen Pfarrhauses ist schon viel geschrieben worden. In der evangelischen Gemeinde meines Stadtteils zeigte sich erfolgreich eine moderne Variante: die zwei Pfarrstellen wurden von einem Ehepaar wahrgenommen. Als faszinierendes Team wirkten sie 13 sehr erfolgreiche Jahre für ihre Gemeinde, aber auch mit Ausstrahlung in die weitere Gesellschaft. Salz der Erde …
Heute war der Abschiedsgottesdienst für die Pfarrerin, sein Abschied folgt in einem halben Jahr. Höhere Aufgaben warten.
Schade für die Kirchen, die einer Frauenordination zögerlich gegenüber stehen. Sie werden so ein Erfolgserlebnis nicht erleben können. Schade auch für die Kirche des Pflichtzölibats - sie muss derzeit in Deutschland immer mehr Priesterstellen abbauen.

 



05.11.2011


Antibiotika zunehmend wirkungslos


Es ist erschreckend, wie immer mehr Antibiotika wirkungslos werden. Verantwortungsloser und unsachgemäßer Umgang lassen dieses Segensmittel der Medizin versagen: unnötige Verschreibung, zu geringe Dosen, zu kurze Anwendung - und nicht zuletzt den immer noch massenhaften Gebrauch in der Tierzucht, zum Beispiel in den Hühnermastbetrieben. Die Zahl resistenter Keime wird immer größer …
  Und die Entwicklung neuer Antobiotika findet kaum statt: zu teuer die Entwicklung (auch durch hohe Zulassungshürden), zu kurz die Einnahme der Medikamente und die Aussicht, dass auch diesen Mitteln eine vergleichsweise kurze Vermarktungszeit beschieden ist.
Bald werden wieder wie bei unseren Altvorderen für uns gewöhnliche und beherrschbare Infektionen zu einer akuten Lebensgefahr werden.
  Erstaunlich, wie eine Gesellschaft es hinnimmt, dass die Fragen um Gesundheit und Tod von der Frage des kurzfristigen Gewinns Einzelner abhängig gemacht werden. Dabei kann es jeden treffen.
  „Um des Menschen Willen …“ ist auch ein biblischer Ansatz des verantwortlichen Bewahrens der Schöpfung. So sind nicht zuletzt gerade auch Kirchen und Religionsgemeinschaften gefordert, hier ihre Stimme zu erheben.

 


 

28.10.2011


Schulden

 

In meiner Kindheit lernten wir in der Schule, dass mehr auszugeben als man einnähme, etwas Schlechtes sei. Der Begriff Schulden für Privatleute war negativ besetzt. Wer in die Insolvenz gehen musste, der war gesellschaftlich erledigt, konnte nur noch den Wohnort wechseln - und das möglichst weit.
  Es dauerte gar nicht so lange, da waren Ratenkauf, Konsumentenkredite etc. im Wirtschaftswunderland etwas Selbstverständliches. Über einen Bekannten, der sich nicht beirren ließ und seine Anschaffungen (auch Auto und Immobilien) erst dann tätigte, wenn er das Geld tatsächlich hatte, wurde gelästert, wie altmodisch er sei …
  Ob Private, Kommunen, Länder oder die Bundesrepublik - die wachsenden Neuschulden verringern die Freiheit des Handelns.

Mit 2.051.831.714.526 € zeigte eben eine der vielen Schuldenuhren die staatlichen Schulden. Immerhin will man sparen. Ab 2020 sollen keine staatlichen Schulden mehr gemacht werde. Doch das erfordert einen kollektiven Mentalitätswandel, die Schuldigen an Finanzkrisen sind zudem immer die Anderen ...

 


 

21.10.2011


Die Protestanten sind schuld ...

 

Kurienkardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rares zur Förderung der Einheit der Christen, erklärte laut „kathpress“ in seiner Rede zur Eröffnung des neues Studienjahres im Stift Heiligenkreuz (Österreich) Neuevangelisierung für notwendig. Diese sei aber nur dann erfolgreich, wenn die Kirchenspaltung überwunden wird.
  Die Kirchenspaltung in Folge der Reformation habe erst einem Säkularismus Tür und Tor geöffnet, der die Kirchen in der Öffentlichkeit marginalisiert und Religion ins Private verdrängt habe.
  Die Protestanten sind also schuld am Säkularismus. Wäre doch ganz interessant zu wissen, wie sich Kardinal Kurt Koch "die gute alte (vorreformatorische) Zeit" für heute vorstellt.

 


 

14.10.2011

 

(Heute auf der AWA-Herbstakademie in Le Domaine de La Reynaude, Les Sonnaillets, Auron en Provence)

 


 

07.10.2011

 

Musée du Désert - Symbol der Gewissensfreiheit

 

Symbol der Gewissensfreiheit nannte sichtlich tief bewegt der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy das "Musée du Desert" Les Mas Soubeyran (Nähe Mialet) der Hugenotten, das besonders die Verfolgung des 17. und 18. Jahrhunderts deutlich macht. Zum 100. Gründungstag besuchte erstmals ein französisches Staatsoberhaupt diese Institution. Er würdigte den Kampf für Religionsfreiheit gerade in den Cevennen gegen einen übermächtigen Ludwig IV. Die Gewissensfreiheit sei das Geschenk der französischen Protestanten an ihr Land, die in den unveräußerlichen Menschenrechten seit der Revolution Grundlage der Nation sei.
  Das in Aigues-Mortes von der eingekerkerten Hugenottin Marie Durant im Tour de Constance eingeritzte "résister" war den Bewohnern der Cevennen auch in der Zeit des Vichy-Regimes bzw. der deutschen Besatzung selbstverständlich. Sie versteckten in den Höhlen und Grotten der Cevennen, die schon ihren Vorfahren gedient hatten, Juden, Resistence-Kämpfer und andere Verfolgte. Sie nahmen jüdische Kinder auf und ermöglichten ihnen eine (fast) unbefangene Kindheit und Schulbildung.
  Gerade das Beispiel dieser jüngeren Geschichte zeige, dass es nicht reiche, wenn Gewissensfreiheit auf dem Papier stände, sondern dass sie immer neu gelebt sein müsse. Frankreich sei Erbe dieser Mission und damit auch Europa.

Den heute als (elitär empfundene) Minderheit in Frankreich lebenden Protestanten wird diese Würdigung sicherlich gut tun, ihren formal zwar katholischen, in der Mehrheit aber eigentlich säkularen Landsleuten erscheint die kalvinistische Strenge eher etwas fremd. Jedoch wird das überdurchschnittliche soziale und politische Wirken der Protestanten in der Gesellschaft durchaus anerkannt.

Das Museum ist in der Tat sehr eindrucksvoll. Meine Frau und ich hatten zudem vor einigen Jahren in dem in der Nähe liegenden Ort Aulas eine tief bewegende Begegnung mit einigen zu einem "Ehemaligentreffen" gekommenen oben genannten (inzwischen alt gewordenen) Kindern, die uns unvergesslich bleiben wird.
Die Bewahrung der Menschenwürde ist nicht nur ein Wort.

 


 

30.09.2011

 

Selbstgemachter Glaube


Der Papstbesuch in Deutschland wird noch lange nachhallen. Genügend Stoff zur Nacharbeit gibt es ja. Das Gesagte, das Ungesagte und das zwischen den Zeilen. Staat, Kirche, Ökumene ... Gerade das Wort im letzteren Kontext vom "selbstgemachten Glauben" - in der Rede im Augustinerkloster zu Erfurt, anlässlich der Begegnung mit den Vertretern der EKD, wiederholt auf der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 28.09.2011 in der päpstlichen Rückschau der Reise, wird nicht so schnell verdaut sein.

 


 

23.09.2011


Hörsaal im Reichstag


Papst Benedikt XVI. hält am Donnerstag eine akademische Vorlesung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages im Reichstag zu Berlin. Manchen Gesichtern der Zuhörer kann man das Erstaunen ablesen, anderen die Anstrengung des Zuhörens. Der akademische Dienst des Bundestages wird sicherlich viel zu tun haben, um einigen Abgeordneten die Basis für eine Exegese der Papstworte zu liefern. Bis heute abend haben sich nur wenige so geäußert, dass man von einer wissenschaftlichen Auseineindersetzung reden könnte. Vielleicht sind Theologie und Philosophie doch komplizierter als gedacht.

 


 

16.09.2011

 

 

POST TENEBRAS LUX

Das markante weiße Felsennest - 900 x 200 m - ragt eindrucksvoll aus der Hügelkette der Alpillen empor. Wer dort die Macht hatte, beherrschte die Umgebung. Eine der mächtigen und stolzen Ritterfamilien führte ihre Herkunft sogar auf den König Balthasar der legendären „Heiligen drei Könige“ zurück und führte deshalb den Stern von Bethlehem im Wappen. Mancher Dichter und Schriftsteller ließ sich von der wechselvollen Geschichte dieses Ortes gefangennehmen und inspirieren.
  Seit 1632 lagen Burg und Ort in Ruinen. Die Soldaten Ludwigs XIII. hatten ganze Arbeit geleistet. Dem mächtigsten Mann des Reiches, Kardinal Richelieu war dieser Platz, der zuletzt über ein Jahrhundert von der hugenottischen Familie Manville regiert wurde, ein Dorn im Auge, da er sich immer mehr zu einem Hort des Protestantismus entwickelte.
  Das Ancien Régime endete in der französischen Revolution. Seit dieser Zeit setzten sich Menschenrechte und Religionsfreiheit durch, für uns in der westlichen Welt heute selbstverständlich.
  Ein Spruch über einem Fenster der hugenottischen Kirche hat die Zerstörung überlebt: POST TENEBRAS LUX 1571 ("Nach dem Dunkel das Licht") Er sollte Recht behalten, auch wenn die Dunkelheit der Verfolgung noch lange anhielt.

(Foto: wb)

 


 

09.09.2011

 

9/11

 

Zehn Jahre 11. September. Die Bilder haben sich eingebrannt, als wäre dieses Ereignis gestern gewesen. Jeder kann sagen, wo er an diesem Tag war und wie er es erfahren, erlebt oder verarbeitet hat. In allen Medien: Kommentare, Erinnerungen, Einschätzungen, Berichte, Einordnungen, Thesen, Ausblicke … Auch die Kirchen äußern sich in vielfältiger Weise. Ein ganzes Spektrum an Gottes-, Menschen- und Weltbildern tritt dabei zu Tage.
  Ein Text eines Kirchenführers fiel mir besonders auf: Die Erde sei ein Schlachtfeld, der große Kampf zwischen Gott und Satan tobe um uns herum, das Böse habe scheinbar schon gewonnen. Doch alles Leid werde dermaleinst - besser: bald enden, auf der neuen Erde. Bis dahin heiße es auszuhalten in Hoffnung und im Glauben auf diese Zukunft und auszuschauen nach der nahen Wiederkunft Christi … daher: „let's renew our efforts to share hope“.
  Nein -  diese Welt, Gottes Welt, auf ein Schlachtfeld plus Vertröstung auf ein Jenseits zu reduzieren verkürzt das Evangelium. Das Reich Gottes, so die neutestamentliche Botschaft, hat schon begonnen. Der Christ steht in der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und der Vollendung dieses Gottesreiches. Dabei geht es nicht um passives Erdulden und Ausharren, sondern um verantwortungsvolles Handeln. Dieser Auftrag aus Genesis 1 gilt bis heute. Paulus (1Kor 13) spricht nicht nur von Glaube und Hoffnung, sondern vor allem von der Liebe, die unter den dreien die „größte“ sei.
  Glaube, Hoffnung und Liebe befähigen und ermutigen uns, diese Welt in Gemeinschaft verantwortungsvoll zu gestalten und am Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft mitzuarbeiten.
  „Die Spannung von »schon« und »noch nicht« geht mitten durch uns Christen hindurch, und jeder einzelne von uns muss sie immer wieder neu aushalten, sich immer wieder neu von ihr in Frage stellen lassen und sie in verantwortlich gelebtes Leben umsetzen.
Trotz aller Widerstände und Sackgassen, in die wir dabei geraten, müssen wir an dieser Aufgabe nicht verzweifeln, sondern dürfen uns freuen, denn den an uns gestellten Ansprüchen geht ... der Zuspruch Gottes voraus. Wir dürfen und sollen am angebrochenen Gottesreich unter ganzem Einsatz unserer Existenz, mit ganzem Herzen und vollem Engagement mitarbeiten - aber es ist Gottes Reich, und deshalb brauchen wir Menschen uns um seine Zukunft nicht zu sorgen.“* Man mag hinzufügen: das gilt auch nach dem 11.09.2001.

*[Peter Kliemann, Glauben ist menschlich, Stuttgart 51995: S. 137f.]

 


 

02.09.2011


Midnight in Paris

Der Altmeister Woody Allen versteht es auf poetische-zarte, elegante und humorvolle Weise in seinem neusten Film, den Zuschauer auf frappierende Zeitreisen in Paris mitzunehmen. Tagträume werden scheinbar Wirklichkeit. Die Suche nach dem „goldenen Zeitalter“ führt in verschiedene Stufen der Vergangenheit. Jede Epoche blickt sehnsuchtsvoll zurück auf die „gute alte Zeit“. Ein Glück, dass die Hauptperson des Films gerade noch die Kurve kriegt - denn die vermeintliche „gute alte Zeit“ gibt es nicht, wer sich zu sehr den Versuchungen seiner rückwärts gewandten Träume hingibt, verpasst das Glück und die Chancen der Gegenwart.
  Das gilt sicher auch für die Träumer einer „good old time religion“ - die es so nie gab -, jede Generation hat ihre Fragen, Herausforderungen, Aufgaben und Möglichkeiten. Eine Zeitreise ist kein wirkliches Leben und gibt keine wirklichen Antworten.

 


 

26.08.2011

 

Beten als Wahlkampf

Er war einmal der Wahlkampfleiter in Texas für den ehemaligen demokratischen Vizepräsidenten und jetzigen Umweltaktivisten Al Gore. Inzwischen ist er schon in dritter Wahlperiode - als Nachfolger von George W. Bush - republikanisch rechts außen positionierter Gouverneur von Texas: Rick Perry.
  Von Präsident Obamas Sozialgesetzen hält er nichts, sie würden die Menschen versklaven. Er ist Befürworter der Todesstrafe (Texas ist der Staat mit den meisten Hinrichtungen in den USA), ist für strenge Abtreibungsgesetze und für Sondergesetze gegen Homosexuelle. Zudem fordert er die Einschränkung der Gewaltenteilung: der Kongress müsse missliebige Entscheidungen des Obersten Gerichtshof ungültig erklären können. Seine politischen Gegner halten ihm eine der schlechtesten Ergebnisse im staatlichen Schulsystem in Texas vor, die höchsten Armutsraten in den USA und eine verheerende Ökobilanz - derzeit werden elf neue Kohlekraftwerke in Texas gebaut, eine Regulierung der Treibhausgas-Emissionen lehnt er aus wirtschaftlichen Gründen ab, zumal er der Meinung ist, dass es keinen globalen Klimawandel gäbe, da die Daten lediglich von Wissenschaftlern gefälscht seien, damit sie Forschungsgelder bekämen … Im übrigen sei die Wirtschaftskrise eine Lektion Gottes, um Amerika wieder zu alten religiösen Grundsätzen zurückzuführen.
  Der streng konservative evangelikale Perry, der sich in diesem Monat als republikanischer Präsidentschaftskandidat erklärt hat und derzeit in Umfragen vor seinen Parteikonkurrenten führt, verkündete nun seinen Weg zur Rettung Amerikas: Beten. Ungeachtet der amerikanischen Trennung von Kirche und Staat rief der Gouverneur mit einigen konservativen Gruppen zu nationalen Gebetstagen im August auf: gegen alle Übel der USA bzw. gegen das, was er dafür hält, sogar gegen die derzeitige Trockenheit und die Waldbrände. Selbst Kirchen war diese zynisch anmutende Wahlpropaganda zu viel. Wer seine „Hausaufgaben“ nicht erledige, sollte nicht das Gebet politisch missbrauchen.

 


 

19.08.2011

 

Īdu l-Fitr - Fest des Fastenbrechens

 

Früher wurden die angelandeten Nordseekrabben in Heimarbeit rund um die Häfen gepult. Das ist laut EU-Verordnung aus hygienischen Gründen nicht mehr möglich. Für diese Arbeiten in Fischfabriken in Deutschland findet man kaum Arbeitskräfte. So werden die Krabben nach dem Fang eingefroren und zum größten Teil nach Marokko per Flugzeug verfrachtet, um dort preiswert ihrer Schale ledig und gleich wieder die 2.500 km zurückgeflogen zu werden.  Das klappt schnell und gut.
  In diesem Jahr fällt nun mitten in die letzte Augustwoche das Ende des Ramadan mit dem Fest des Fastenbrechens (auch Zuckerfest genannt). Ähnlich wie bei uns zu Weihnachten werden Familienbesuche gemacht, Geschenke ausgetauscht, wird gut gegessen und auch der Armen gedacht. Drei Tage dauert es. Das gibt zwei Brückentage, also wird niemand in dieser Woche Krabben pulen.
  Der holländische Krabbenhändler, der die ganze Sache abwickelt, hat die deutschen Fischer früh genug informiert. Eine Woche also ohne Krabbenverkauf. Wütend schimpft nun der Vorsitzende des Verbandes See- und Krabbenfischerei Nordsee in einer Pressemitteilung über „Ramadan für deutsche Krabbenfischer“.

  So ist das halt mit der Globalisierung - auch die Folgen der Feiertage werden global, ob Weihnachten, Zuckerfest, Thanksgiving, 14. Juli …
 


 

12.08.2011

 

Das Lied

Freikirchler im ländlichen konservativ-landeskirchlich geprägten Nordhessen der 50er Jahre zu sein, war nicht einfach. Tapfer bemühten sich diese Menschen Zeugnis von ihrem Glauben in einem festgefügten Umfeld zu geben, oft genug brachte sie das in eine gesellschaftliche Außenseiterrolle. Von Ökumene noch keine Spur.
  Immer wieder mal seit Mitte des 19. Jahrhundert war es ihnen gelungen, Themen anzusprechen, die auf manches offene Ohr trafen, vor allem in Not-, Kriegs- und Umbruchzeiten. Immer wieder mussten sie sich allerdings neu die Frage stellen, wie man die Herzen der Menschen erreichen könnte. Denn das war weder planbar noch voraussehbar.
  Der neue adventistische Pastor, aus Ostpreußen stammend und zuletzt Pastor in Detmold/Lippe, hatte als eine der ersten Amtshandlungen eine Beerdigung auf einem Dorffriedhof zu halten. Fast alle Bewohner gaben dem Verstorbenen die letzte Ehre, die wenigen Adventisten nah am Grab, die anderen Dorfbewohner mit etwas Abstand.
  Enttäuscht und irritiert sprachen ihn nach der Beerdigung viele Dorfbewohner, aber auch die eigenen Schäfchen an, warum denn „das Lied“ nicht gesungen worden sei. Manche, so stellte es sich heraus, waren gerade wegen „des Liedes“ gekommen.
  Nein, „das Lied“ war kein prächtiger Choral, sondern ein schlichter, einfacher Gesang nordamerikanischer Herkunft, den ich als Junge als etwas kitschig empfand. Ein Lied das sich wohl zuerst in einem baptistischen Liederbuch des 19. Jahrhundert findet, das im adventistischen Gesangbuch „Wir loben Gott“ von 1981 nicht einmal mehr einen Platz unter  „Lieder der Väter“ gefunden hat (auch im derzeitigen amerikanischen Liederbuch ist es nicht mehr aufgeführt):
  „Sehn wir uns wohl einmal wieder/ Dort im hellen ewgen Licht,/ Wo kein Schmerz uns mehr drückt nieder,/ Dort vor Gottes Angesicht“ … * In insgesamt fünf Strophen wird diese Frage ausgeweitet: Wiedersehn vor des Lammes Thron, im himmlischen Jerusalem, bei den himmlischen Chören … und immer wieder beantwortet mit dem Refrain: „Ja, wir sehn, ja wir sehn, ja wir sehn uns einmal wieder/ In dem hellen, ewgen Licht,/ Dort vor Gottes Angesicht.“ Natürlich darf eine mahnende Schlussfrage nicht fehlen:** „Nur noch eins, das macht uns Schmerzen:/ Treffen wir die Unsern dort?/ Ach, wie liegt es uns am Herzen,/ Sie zu sehn an jenem Ort. … Ja, wir sehn …“
  Dieses mit tiefer Inbrunst gesungene Lied öffnete manches Herz, führte Menschen in die Adventgemeinde. Die Missions-, Gemeindewachstums-, Evangelisations- und Erweckungsplaner jener Zeit hatten „das Lied“ ganz sicher nicht auf ihrer Agenda.

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*Die Übersetzungen in deutschen Liederbüchern sind unterschiedlich, das Grundschema ist gleich. So heißt es im baptistischen „Neuen Evangeliumssänger“, Oncken Verlag, Kassel 1950: „Sehn wir uns an jenem Strande …?“


**Ebd. heißt die letzte Strophe „Ja, gewiß, wir sehn uns wieder in dem Land der Herrlichkeit, singen selig unsre Lieder, wenn wir recht gekämpft im Streit.“ Diese Strophe fehlt im „Evangeliumssänger“ von 1919.

 


 

05.08.2011

 

Canticum Canticorum

Seitdem das Hohelied, manchmal auch Hohelied Salomos genannt, Bestandteil des  biblischen Kanons von Juden und Christen ist, irritiert „das schönste aller Lieder“ (so die Bedeutung des hebräischen Titels) seine Leserinnen und Leser. So wurde dieses sehr sinnlich-erotische Buch mit seinen herrlichen orientalischen Bildern unter anderem in alter Zeit, in einigen jüdischen Gruppen bis heute, zu Hochzeiten gesungen und getanzt, sehr zum Stirnrunzeln der Rabbinen, die in diesem Text die Darstellung der engen Verbindung Jahwes zu seinem Volk sahen. Die christliche Tradition übernahm dies und deutete es auf die Beziehung Christi zu seiner Kirche (Braut Christi), wie auch im Mittelalter die Marienverehrung einige der Bilder aufgriff.
  Es sollen hier nicht die ganzen religions-, traditions- oder textgeschichtlichen Diskussionen nachvollzogen werden. Dem ganzheitlichen Menschenbild der Bibel mag wohl die „irdische“ Lesart der Texte mit ihren - bei allem Bildgebrauch -  unverblümten Schilderungen der Liebessehnsucht, sexuellen Begierde und Lust und Erfüllung am besten entsprechen, keine Spur von Leibfeindlichkeit. Das kann aber möglicherweise der Grund sein, weshalb heute in Theologie und Predigt der Kirchen das Hohelied kaum vorkommt.
  Natürlich hat das Hohelied immer wieder die Komponisten und Musiker fasziniert, sowohl Katholiken und Protestanten. Recht getan. Denn „das schönste aller Lieder“ sollte man singen, musizieren - unabhängig von aller theologischen Einordnung.
  So wie das inzwischen berühmt gewordene Vokalensemble „Stile Antico“ aus Großbritannien in der Wiesbadener Lutherkirche. Unter den floralen Jugendstil-Ornamenten des beeindruckenden Gotteshauses mit phantastischer Akustik erweckte diese Gruppe die ausgewählten Hoheliedvertonungen aus dem 16.-17. Jahrhundert zum Leben. Ein wahrer Sabbatanfang.
  Den Ängstlichen sei gesagt, alle Texte waren in Latein.

 


 

29.07.2011

 

Container

 

Noch zeugte die Wohnung vom Leben der letzten Bewohnerin, von all dem, was ihr wichtig war, von dem, wie sie ihr Umfeld gestaltete. 34 Jahre an diesem Platz, die letzten zehn als Witwe.
  Nun war es an der Zeit, die Familiendokumente zu sichern, den Nachlass aufzuteilen, das Inventar zu stiften, zu verschenken … aus einer Generation, deren Lebenserfahrung es war, möglichst wenig wegzuwerfen - es könnte ja noch einmal gebraucht werden.
  Jetzt die leere Wohnung, die schon wieder für die nächsten Bewohner renoviert wurde, der leere Keller und Dachboden. Und vor der Tür der große, schon verschlossene Container - für all das, was vor Wochen noch Bestandteil eines Lebens war, jetzt aber für niemanden mehr zu gebrauchen.

  Was bleibt? Das vielfältige Wirken eines Menschen in Familie, Umfeld, Beruf, Gemeinde und Gesellschaft als lebendige Erinnerung für mehr als eine Generation.

 


 

22.07.2011

 

Aus einer anderen Zeit

Die multikulturelle Stadt Frankfurt am Main ist es gewohnt, dass Menschen aus allen Teilen der Welt gerade in der Innenstadt auf vielfältige Weise durch Musik oder Kunst Aufmerksamkeit heischen und noch viel mehr - ob Einzelpersonen, Bürgerinitiativen, Projektgruppen, Religionen, Parteien ... -, die ihre Botschaft oder Ideologie verbreiten möchten, Anhänger, Unterschriften oder Spenden suchen. Manche stoßen auf Unverständnis, Kopfschütteln oder gar Aggressionen, andere schaffen es, wenigstens für einen begrenzten Zeitraum den hektischen Großstädter im Gewühl der Zeil (Haupteinkaufsstraße) ansatzweise zu interessieren.
  Dabei änderten sich die Themen, Zeiten, Vorlieben. Die peruanischen Gruppen mit ihren Panflöten, Gitarren und Trommeln sieht man nur noch vereinzelt, die klassischen Musiker aus Russland kommen nur noch zu Weihnachten, die Akkordeonspieler suchen eher die Straßencafés heim und die Kellyfamilie brachte es inzwischen zu Weltruhm, auch der Stil der Pflastermaler ändert sich. So haben immer wieder neue Gruppen und Einzelpersonen eine Chance der Bewährung. Die dargebotenen Themen und Weltanschauungen wechseln ohnehin.
  Nein, eine Gruppe hat sich nicht verändert. Seit vier Jahrzehnten gibt sie in der B-Ebene der Hauptwache ein- oder zweimal wöchentlich Zeugnis von ihrem Glauben, wie die Teilnehmer durch das „tiefe Sündental“ nun die Erlösung durch Jesu Opfer erfahren haben und jetzt „an der Hand des Heilands“ ein „glückliches Leben der Heiligung“ führen ... Zwischen den Zeugnissen, die ohne Verstärker akustisch kaum wahrgenommen werden, singen sie in Begleitung von zwei oder drei Gitarren „Evangeliumslieder“, die schon in den 20er Jahren gesungen wurden.
  Vor vier Jahrzehnten war es noch mehr Personen, doch die Kleidung blieb gleich - Bluse und längerer Rock der Frauen und Mädchen (meist mit Haarknoten), die Männer in einem Stil, der schon damals irgendwie altmodisch wirkte.
  In den 70er Jahren ernteten sie noch Widerspruch, nicht nur von Studenten, später spotteten öfters mal Vorübergehende. Inzwischen wirkt es eher gespenstisch: eine religiöse Sprache sprechend, die kaum jemand inhaltlich versteht, unverdrossen Lieder singend, die niemandes Zeitgeschmack treffen, die man nicht kennt oder versteht, in einem Outfit, das bestenfalls in ein Museum der 50er Jahre passt und immer weniger, zumeist ältere Personen, auf eine gewisse Art zeitlos wirkend. Noch schlimmer: niemand bleibt stehen, niemand hört zu. Es ist so, als ob sie gar nicht da wären, rührend oder tragisch, vielleicht haben sie sich schon daran gewöhnt oder merken es nicht, diese Boten aus einer anderen Zeit.

 


 

 

15.07.2011

 

Verwundet im großen Kampf zwischen Licht und Finsternis

Seine Botschaft war klar: gegen allen Liberalismus, gegen Ordination der Frau, „Treu den Prinzipien“, gegen Aufweichen in Fragen der Moral und Ehescheidung, gegen Homosexualität, für klaren, engen Kreationismus, gegen die historisch-kritische Auslegungsmethoden der Bibel …
Ein Mann, der die Jugend begeistern konnte und einen großen Einfluss auf viele Konservative seiner Kirche hatte. Begeistert begrüßte er die Wahl des neuen, konservativen Kirchenoberhauptes.

  Und nun auf einer Überseereise „a moral fall“, „a temptation of a moment“ - er wurde den eigenen Kriterien nicht gerecht. Nein, so schreibt er nicht ohne Selbstmitleid in seinem Kündigungsschreiben an die Kirche und in weiteren Verlautbarungen („Counsel from a wounded soldier“), nicht wie alle Sünder, sondern ein „verwundeter Adler“, abgestürzt im großen Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Christus und Satan, dessen Wucht er jetzt erst richtig verstehe, ein Sünder wie Mose und Aaron, die das verheißene Land nur sehen durften.
  Der jetzt zwar am Boden liegende „verwundete Soldat“ werde aber nun nach der Niederlage durch Satan in diesem großem kosmischen Kampf seine Mission fortsetzen, wie einst der verwundete Simson gegen die Philister.
  Zelebration eines Sündenfalls und Relativierung der eigenen Verantwortung. Doch weder Satan, noch ein kosmisches Ereignis, noch sonst jemand ist schuld, sondern der Sünder selbst - nun abhängig von Gottes Gnade und Barmherzigkeit - wie alle Sünder, nicht mehr und nicht weniger.

 


 

08.07.2011

 

„Der christliche Hausfreund“

Bei der Abarbeitung des Nachlasses meiner Eltern fanden sich auch eine Reihe meiner Briefe. Interessant, sie nach vielen Jahren zu lesen, zu sehen was ich schrieb - und was ich nicht schrieb. Manches hatte ich auch glatt vergessen. So zum Beispiel einige Aspekte der Arbeit der „Buchevangelisation“, die damals als Praktikum zum Theologiestudium am Darmstädter Theologischen Seminar Marienhöhe notwendig war. Man konnte sich zudem damit sein Stipendium verdienen.
  Mein erstes Arbeitsgebiet war das schon ziemlich säkulare Ruhrgebiet. Täglich ging ich von Haus zu Haus, um Gesundheitsliteratur, Kinderbibeln und frommes Schrifttum zu verkaufen. Recht bald - so erinnerten mich meine Briefe - nahm ich an Gewicht ab, trotz regelmäßiger Mahlzeiten verlor ich pro Woche ein Kilo, damals war ich ohnehin eher schlaksig. Der Arzt stellte bald eine schwere Gastritis fest. Die wirklich harte Arbeit - auch wenn sie das notwendige Auskommen gab - schlug mir im wahrsten Sinn auf den Magen. Was war der Grund?
  Zum einen war die pietistisch geprägte religiöse Literatur für das Ruhrgebiet völlig weltfremd. Sie passte nicht in die Welt der Bergarbeiter. Dort unter anderem eine Zeitschrift mit dem Namen „Der Christliche Hausfreund“ anzubieten, erntete mindestens Gelächter. Und für Gesundheitsliteratur hatten die Familien der Bergleute auch keine Ader - sie lebten ja nach ihrer Vorstellung gesund, fast alle hielten Ziegen. Ziegenmilch und Gerstensaft, da braucht man, wie die Frau eines Kumpels meinte, kein dickes Buch „Nutze die Heilkraft unserer Nahrung“.
  Nachhaltig war für mich das Kennenlernen der Wohnverhältnisse von Menschen ganzer Städte und Stadtteile. Aber auch das konnte einem zuweilen ordentlich auf den Magen schlagen.
  Später, im frommen, eher idyllischen Siegerland war es einfacher, die Landbevölkerung war religiöser Literatur gegenüber aufgeschlossen, jedoch konfessioneller geprägt. So passierte es meinen Studienkollegen, dass in „ihren“ Dörfern vom Pfarrer vor den fremden Buchverkäufern gewarnt wurde.
  Ich hingegen ging zuerst ins Pfarrhaus, stellte mich und meine Literatur dem Pfarrer vor. In der Regel sahen sie diese als „ungefährlich“ für ihre Schäfchen an und wünschten mir Gottes Segen. Mehrmals wurde ich auch von ihnen zum Essen (und Diskutieren) eingeladen. Einmal gab mir der Pfarrer gleich einen Stapel hektografierter Gemeindebriefe  zum Verteilen mit, ein andermal wurde ich gebeten, den Bläserchor beim nächsten Sonntags-Gottesdienst zu unterstützen.
  Während damals, in den 60er Jahren, noch fast alle Ehefrauen ihren Tag mit Hausarbeit gestalten mussten, begann sich schon Anfang der 70er Jahre langsam das Ende der Buchevangelisation abzuzeichnen: immer mehr Frauen waren beruflich tätig, kaum jemand war tagsüber zu Hause. So beendete kurioserweise die (absolut notwendige!) Emanzipation der Frau eine missionarische Arbeit, die seit Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlage für die Gründung vieler Adventgemeinden in Deutschland war.

 


 

01.07.2011


Wehrpflicht ausgesetzt

Nach 55 Jahren ist heute der erste Tag ohne Wehrpflicht. Wenn auch nicht abgeschafft, so doch ausgesetzt. Das Kind des „kalten Krieges“ hatte im neuen Kontext keine sicherheitspolitische Begründung mehr.
  „Die allgemeine Wehrpflicht stellt einen erheblichen Grundrechtseingriff dar. Ihre konkrete Ausgestaltung und Durchführung ist deshalb auf ihre weitere Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit hin regelmäßig zu überprüfen. Als Ergebnis einer auf den verfassungsrechtlichen Auftrag der Bundeswehr bezogenen umfassenden Abwägung der Grundrechte der jungen Männer, sicherheits- und gesellschaftspolitischer Gesichtspunkte sowie wirtschafts- und allgemeinpolitischer Aspekte soll die Bundeswehr neu ausgerichtet und die gesetzliche Verpflichtung zur Wehrdienstleistung nach dem Wehrpflichtgesetz außerhalb des Spannungs- und Verteidigungsfalls ausgesetzt werden. Insbesondere die dauerhaft veränderte sicherheits- und verteidigungspolitische Lage kann den Grundrechtseingriff durch gesetzliche Pflichtdienste nicht mehr rechtfertigen.
  Mit der Aussetzung der Pflichtdienste wird die Wehrpflicht nicht abgeschafft. Vielmehr sollen die Pflichtdienste künftig nach der im Grundgesetz geregelten Feststellung des Spannungs- oder Verteidigungsfalles wieder aufleben.“ (Begründung des Wehränderungsgesetzes vom 24.03.11)
  Damit wurde ein längst überfälliger Schritt getan, die höchst ungerechte Zwangsrekrutierung, die erheblich in die Grundrechte und die Lebensplanung junger Männer eingegriffen hat, auszusetzen. Obwohl früher die grundgesetzlich verbürgte Verweigerung des Wehrdienstes vor einer oft kleinlich, schikanös und parteiisch empfundenen Gewissensprüfung vor einem Prüfungsausschuss begründet werden musste, machten seit Mitte der 70er Jahre immer mehr Männer davon Gebrauch, erst recht nach der Einführung des schriftlichen KDV-Verfahrens (1983).
  Nun muss sich das neue System der Freiwilligen- und Berufsarmee bewähren, wie auch der Bundesfreiwilligendienst (BFD) als Ersatz für den Zivildienst.
  Mancher mag dieses neue Gesetz kritisch beäugen, da vor allem wohl Finanzzwänge eine herausragende Rolle bei der Entscheidung spielten. Doch für säkulare und religiöse Pazifisten ist dieser Tag ein guter Tag. Im Übrigen bleibt die Bundeswehr eine Parlamentsarmee - keine Armee der Regierung.

 


 

24.06.2011


Kleine Schritte

Nach Wahlen erklären oft Menschen, die Ihre Stimme nicht abgegeben haben, man könne ohnehin nichts bewirken, die Politik, vor allem auch die Kommunalpolitik bringe nichts für die Menschen.
  Es ist richtig, dass in einer Demokratie (Gott sei Dank) die Entscheidungsprozesse lange dauern - wären sie kürzer, wären sie zumeist weniger demokratisch. Auch das demokratische Procedere in seiner gelegentlichen Kompliziertheit ist nicht jedem gleich verständlich.
  Wenn aber Projekte - gerade auch in der Stadtplanung - gelingen, sind dann häufig alle Querelen vergessen, die Bevölkerung nimmt es an.
  Fast zwei Jahrzehnte dauerte es, dann war aus einem ehemaligen Industriegelände, auf dem u.a. Munition und Autos hergestellt wurden, ab 1992 ein sehr vielfältig gestalteter großer Park entstanden, in dem Menschen aller Altersgruppen sich erholen und erfreuen - ob Rollstuhlfahrer oder Scater, Sonnenhungrige und Gartenfreunde. Grundschulklassen nutzen die letzten Tage vor den Ferien mit Ballspielen. Verliebte verabreden sich, Jogger zeigen ihre Dynamik, Arbeitnehmer genießen vor den Wasserspielen ihre Mittagspause und die Nou-nou führt die Kleinen aus … für Schüler und Studenten besonders erfreulich ist das freie WIFI/WLAN (Internet), das jeder in den Pariser Parks täglich zwei Stunden in Anspruch nehmen kann. Kein Wunder, dass der Parc Citroën als ein Projekt für die Menschen auch von diesen mit Selbstverständlichkeit und Begeisterung genutzt wird.

  Das sind die kleinen, langfristig erfolgreichen Schritte - größere („Schwerter zu Pflugscharen“) wollte ich in diesem Zusammenhang nicht bemühen.
 


 

17.06.2011


Umkehr

Die Medien melden heute, dass Deutschlands älteste Atomkraftwerke in Biblis (A und B), nur 45 km von Frankfurt am Main entfernt, nicht wieder hochgefahren werden. Es gibt also auch gute Nachrichten, Nachrichten vom (möglicherweise) Erkennen der nachhaltigen Verantwortung für die Schöpfung und der Möglichkeit der Umkehr.
  Das Wort zu Exaudi passt auch noch nach Pfingsten: „… überall, wo Menschen hinschauen, sich ihren Verletzungen stellen und geheilt werden, da leuchtet etwas auf vom Reich Gottes, genauso wie überall, wo Menschen sich zu ihren Verfehlungen bekennen und Irrwege nicht fortsetzen, so wie es bei der Atomkraft ja lange der Fall war." (Ulrike Trautwein, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Bockenheim zu Frankfurt am Main, am 05.06.2011 in der Abschlusspredigt auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden).

 


 

10.06.2011


Indianer, Ritter und andere Flüchtlinge

In Frankfurt am Main kann man in der U-Bahn sehr viel lernen. So sitzt mir ein Indianer gegenüber, richtig schön nach Karl May. Nein, kein Abkömmling der indianischen Völker Amerikas, auch kein übrig gebliebener von Fastnacht, Karneval oder Kindergeburtstag, sondern ein Mensch, der für sich in seiner Freizeit ganz das indianische Leben, oder wie er es sich vorstellt, in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten auf einem großen Vereinsgelände nachvollzieht, in Kleidung, Wigwams, Hütten etc., aber auch mit engagiertem Studium von entsprechenden Quellen.

  Ebenso beginnt auch die Zeit der Ritterspiele, Mittelaltermärkte und weitere Events dieser Art. Auch hier gibt es Menschen, die in ihrer Freizeit mit Anderen Mittelalter nachleben - und das in einer irritierenden Ernsthaftigkeit. Sicherlich gibt es gelegentlich Ergebnisse für die Wissenschaftler, wenn aus dem Praktizieren Rätsel über das Funktionieren von Waffen, Werkzeugen u.a. gelöst werden können.

  Ohne auch nur irgendwie etwas bewerten zu wollen, für Außenstehende bleibt zumeist das fragende Staunen: ist es die Lust am Verkleiden, ist es die Flucht aus dem Alltag, ist es die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ (die es so nie gab) …

  Das Phänomen des Versuchs des Eintauchens in vergangene Zeitalter findet sich ja auch im religiösen Bereich, mit (fast) allen Fasern bei Gruppen wie den Amischen, oder eher partiell (zeitlich und mental), wie bei manchen Gruppen oder Einzelnen, vor allem aus dem Bereich des Gemeinschaftschristentums, auf der Suche nach der „good old time religion“.

  Doch ein Problem hat die ganze Geschichte für die Betreffenden: Wir sind nicht im Mittelalter oder in der vorgestellten Indianerwelt oder in der Lebenswelt der „good old time religion“ etwa des 19. Jahrhunderts. Der Kontext stimmt nicht! Und so löst dieses Abtauchen keine Probleme von heute, sondern beschäftigt sich ghettohaft mit Scheinproblemen und -lösungen der Vergangenheit. Aber es hat einen (scheinbaren) Vorteil: man muss sich nicht verantwortlich mit der Gegenwart auseinandersetzen. Das erklärt möglicherweise das erstaunliche Wachstum dieser Gruppen - bei gleichzeitig kaum wahrnehmbarer Relevanz für die Gesellschaft.



03.06.2011


Gedanken in der Thomaskirche zu Leipzig

Während in Frankfurt am Main etwa 50% der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, sind es in Leipzig 20%. Zwar sind die Kirchengebäude noch Teil des traditionellen Stadtbildes und der Kultur, doch wird das oft äußerst engagierte und vielseitige  Wirken der Kirchen und Gemeinschaften immer weniger wahrgenommen.
  In Leipzig ragen zwei Kirchen aus dem üblichen Bild heraus, machen deutlich, dass sie für das Image der Stadt unverzichtbar sind.
  Die Kirche St. Nikolai wird im kollektiven Gedächtnis in Erinnerung bleiben, als ein Ort des Schutzes, der Hoffnung und der Friedensgebete, eine Keimzelle der Freiheit, die mehr als nur eine Stadt im Aufbruch bewegte und stärkte und 1989 den Herrschenden den Boden unter den Füßen wegzog. Eine Kirche zur rechten Zeit am rechten Ort.
  Die Thomaskirche, Ort des Wirkens von Johann Sebastian Bach (1685-1750), lebt bis heute in besonderer Weise von und mit ihrem Kantor. Doch nicht nur als Kulturort, sondern gerade mit ihm als Ort des Gottesdienstes. Es gibt der „Fünfte Evangelist“  mehr als 360 Jahre nach seinem Tod, neben den großen Festgottesdiensten oder den Konzerten, zweimal wöchentlich in überfüllten Motetten, die als Gottesdienst gestaltet sind, Zeugnis von dem „Soli Deo Gloria“, das alle seine Werke signiert.
  So sitzen denn nun auch heute abend Menschen aus aller Welt in dieser Kirche und lassen sich - unabhängig von dem Grund ihres Besuches - von Musik und Wort gefangennehmen.

 


 

 

27.05.2011

 

Gedanken zum Sabbatanfang heute auf der AWA-Frühjahrstagung in Frankfurt am Main

 

 


 

20.05.2011

 

Grand Jury

Jesu meisterhafte Gleichnisse machten 2.000 Jahre lang in fast allen Teilen der Welt seine Botschaften Generationen übergreifend verständlich. Angesichts einer globalen Urbanisierung sind die selbstverständlichen Bilder einer weitgehend landwirtschaftlich geprägten Welt aber inzwischen selbst erklärungsbedürftig. Bestenfalls eine Säemaschine kennen zum Beispiel meine Schüler/innen - doch damit lässt sich das Gleichnis „Es ging ein Säemann aus zu säen …“ kaum mehr verstehen.
Ebenso stößt manche Bilderwelt der frühen amerikanischen adventistischen Vorfahren des 19. Jahrhunderts an die Grenzen der in anderen Kulturkreisen lebenden Nachgeborenen. Was für die „Pioniere“ der Adventbotschaft beispielsweise zum Verstehen Gottes Heilshandelns regelrecht als Aha-Erlebnis Hilfe wurde, wie etwa das Bild vom sogenannten „Untersuchungsgericht“ (heute auch „Gericht vor der Wiederkunft Jesu“ genannt), war (und ist) außerhalb der amerikanischen Rechtstradition oft nur schwer zu vermitteln. Wenn aber die Bilder die Relevanz des Inhalts nicht deutlich machen können, bleibt es bestenfalls bei Formalwissen.
Wir Europäer haben selten Möglichkeiten, uns in die Tiefen des amerikanischen Rechtssystem zu versenken. Doch die adventistische Tradition des Zeitunglesens (W. Mueller, Schulleiter, Afrika-Missionar, Divisionsvorsteher 1951-62: „Adventisten lesen die Zeitung neben der Bibel und die Bibel neben der Zeitung“) schafft in diesen Tagen Abhilfe: Der derzeit ranghöchste Sünder, der eben zurückgetretene Präsident des IWF, Dominik Strauss-Kahn, musste gestern in New York so ein Untersuchungsgericht über sich ergehen lassen. Eine Grand Jury (mit 12-23 Geschworenen, also Laienrichter) musste entscheiden, ob gegen DSK (wie er in Frankreich genannt wird) Anklage erhoben wird oder nicht. In diesem Fall wurden wohl die Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft für einen Prozess zugelassen und der Angeklagte vorläufig gegen eine Millionenkaution und diversen Auflagen in einen Hausarrest freigelassen. Jetzt wartet er auf seinen Strafprozess, was noch eine längere Zeit dauern kann.

Die Grand Jury kann Anklagepunkte verändern, aber auch genauso gut entscheiden, dass diese für einen Strafprozess nicht ausreichen und der Angeklagte ein freier Mensch ist. Im Unterschied zum späteren Gerichtsverfahren tagen Grand Jurys unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Weder der Verdächtige, noch sein Anwalt sind während der Vernehmung der Zeugen anwesend. Die Institution der Grand Jurys führt sich, als Rechtsschutz gedacht, im angelsächsischen Rechtssystem bis zur Magna Charta 1215 zurück. Heute gibt es die Grand Jury nur noch in den USA auf Bundesebene und in wenigen Bundesstaaten.
Dem einen oder anderen bleibt aber dennoch die Frage, wieso manche so sicher sind, dass im Himmel die amerikanische Rechtstradition gilt. Vielleicht hilft auch hier das Melanchthonwort unserer Homepage.

 


 

13.05.2011

 

Von politischer Klugheit

 

Man hatte sich in Frankfurt am Main arrangiert. In den vergangenen Jahren ging die Stadt moderat mit der Durchsetzung des absoluten Tanzverbots für „stille Feiertage“ von 1952 für die Osterfeiertage um und tolerierte nicht öffentlich auffällige Tanzveranstaltungen, zum Beispiel in Diskotheken. Der derzeitige Ordnungsdezernent durchbrach nun diese liberale Handhabung und ordnete strenge Kontrollen an, denn Gesetz sei Gesetz.

 Es ist erstaunlich, wie selbst erfahrene Politiker „das Pferd von hinten aufzuzäumen“. Anstatt zuerst einmal die Frage zu stellen, wie zeitgemäß solch ein Gesetz heute noch in einer pluralen Großstadt wie Frankfurt am Main sei und zu versuchen, die anachronistischen Teile des Gesetzes dahin zu bewegen, dass der Schutz und die Ungestörtheit der religiösen Osterveranstaltungen und -gottesdienste im Vordergrund stehen, wurde durch die Verfügung des Dezernenten eine sicherlich nicht gewollte öffentliche Grundsatzdiskussion in Gang gesetzt, die kaum im Interesse der Volkskirchen sein kann. Denn nun stehen sie in Erklärungszwang, in Verteidigungsposition, das macht Überzeugungsarbeit nicht leichter, zumal ja die Stimmen lauter werden, überhaupt das Verhältnis Staat Kirche neu zu überprüfen und die vergessenen Grundgesetzforderungen (z.B. Ablösung der staatlichen Dotationen) endlich durchzusetzen.

Es ist auch die Aufgabe der Politik, Gesetze und staatliches Handeln überhaupt der Bevölkerung zu vermitteln. Wer das versäumt, braucht sich nicht zu wundern, wenn Politikverdrossenheit eintritt oder das Gesetz des Handelns aus der Hand gleitet.

In der Diskussion des Verhältnisses Staat-Kirche arbeitet die Zeit sicherlich nicht für die Volkskirchen. Stereotype Floskeln reichen einer neuen Generation, die sehr weit von der Nachkriegswelt Welt der 50er Jahre entfernt ist, kaum mehr aus.

 

P.S.:
In den ruhigen Ostertagen der vergangenen Jahren fielen die (versteckt in den Diskotheken) stattgefundenen „Tanzveranstaltungen“ überhaupt nicht auf, es ist nicht bekannt, dass sich irgend jemand bisher gestört fühlte, nicht einmal die Kirchen.

 


 

06.05.2011

 

Es wird erzählt ...

Es wird erzählt, dass es neuerdings an der berühmten adventistischen Loma-Linda University bei Los Angeles/Kalifornien strengere Bekleidungsrichtlinien für Mitarbeiterinnen gäbe: längere Röcke, kein Schmuck …
Wenn es denn so sein sollte - wird jetzt besser operiert, liebevoller gepflegt, mehr Zuversicht und Hoffnung vermittelt, intensiver geforscht, häufiger publiziert, freundlicher und barmherziger miteinander umgegangen, glücklicher gelebt, treuer gebetet, fröhlicher geglaubt …?

 


 

29.04.2011

 

Alterstrost?

Bisher fiel mir diese Literaturgattung nie auf: Ratgeber aller Couleur für Alte, das Altern, das Älterwerden, Leben mit dem Alter, fit bleiben im Alter, dem Leben einen Sinn im Alter geben, Trost im Alter, Sehnsucht im Alter, Segen des Alters, Ernährung für Alte, Psalmworte für Alte (mit Farbfotos und in Großschrift), Krankheit im Alter, Verzicht im Alter, Abschied nehmen im Alter, Freude im Alter, Alter genießen, Vorsorge für das Alter, Sport im Alter, Kreativ im Alter, Zitatsammlungen aller Art über das Alter, Kochbuch für Alte, Reisen für Alte, Humor im Alter …
Die Auflösung der Wohnung meiner Eltern bringt eine Fülle gut gemeinter Buchgeschenke an den Tag, zumeist auf Hochglanz. Ein Horrortrip. Deprimierend. Die Autoren/innen, ob säkulare oder religiöse, sind in der Regel viel jünger als die Zielgruppe, die aus der evangelikalen Ecke sind sich ihrer Texte besonders sicher.
Während sich in vielen Büchern meiner Eltern Spuren des Lesens und intensiven Studiums befanden, wirkte diese Literatur (erfreulicherweise) geradezu jungfräulich. Gott sei Dank, lebten meine Eltern ihr Leben, altersgerecht, bewusst, nicht frei von Mühsal, aber dankbar.
In dieser Woche erreichte ich die offizielle deutsche Altersgrenze. Die Seniorentarife in Museen und Hotels genieße ich gern. Doch Wehe ...

 


 

22.04.2011

 

Der Faktor Mensch


Die französische Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet erklärte im französischen Fernsehen, Frankreich habe die sichersten Atomkraftwerke der Welt (Frankreich bezieht mehr als 80% seines Stroms von Atomkraftwerken), die einzige Schwachstelle sei der Faktor Mensch …, aber man arbeite dran.



15.04.2011


„Für die Bevölkerung keine Gefahr …“


Menschen im Umfeld von Atomkraftwerken kennen das schon: Störfälle, die selbstverständlich keine Gefahr für die Bevölkerung bringen. Denn die Reaktorblöcke sind natürlich bisher intakt. Deutschland hat ja, so die Betreiber, die sichersten Atomkraftwerke der Welt … auch wenn sich diese Objekte nicht versichern lassen. Biblis liegt zwar im Erdbebengebiet - bisher führten die Beben aber nicht zu Schäden - und die Blöcke in der Nähe des größten deutschen Flughafens sind nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert … Tapfer verteidigen die Bewohner von Biblis „ihr“ Werk, die Grünen haben dort keine Chance. Denn bei den vielen Störfällen geht es doch „nur“ um defekte Schalter, falsche Dübel, ausgefallene Notaggregate, fehlende Leitungen, kaputte Warnleuchten, verstopfte Rohre … die Liste ließe sich fast unendlich verlängern.

 

Am 04.04.2011 meldete RWE, der Betreiber von Biblis, wieder eine dieser „Störungen“, die Stromversorgung von außen, die das Werk braucht, um die Kühlung (auch des derzeit stillgelegten Reaktors A) war ausgefallen:
„Am 4. April 2011 kam es im derzeit abgeschalteten Block A des Kraftwerks Biblis kurz vor 23 Uhr zu einer Störung der Anbindung an das öffentliche Hochspannungsnetz. Ursache hierfür war ein Brand in der Umspannanlage Bürstadt des Übertragungsnetzbetreibers. Bei der in diesem Fall erforderlichen automatischen Umschaltung auf das zusätzliche Reservenetz haben zwei von vier Stromversorgungsschienen nicht umgeschaltet, da die im Leistungsbetrieb üblichen Verbraucher im aktuellen Betriebszustand bereits abgeschaltet waren. Daraufhin wurden zwei der vier vorhandenen Dieselaggregate von Block A auslegungsgemäß automatisch gestartet. Die Eigenbedarfsversorgung des nicht in Betrieb befindlichen und drucklosen Blocks war somit auch in diesen 50 Minuten gewährleistet.
Eine Gefährdung des Personals, der Umgebung oder der Anlage war mit dem Vorgang nicht verbunden. Die Aufsichtsbehörde wurde vorab unterrichtet. Die abschließende Ursachenklärung läuft.
Das Vorkommnis wurde gemäß den deutschen Meldekriterien in die Kategorie N (Normal) eingestuft und wurde der Behörde fristgerecht innerhalb von fünf Werktagen gemeldet. Nach der internationalen Skala zur Bewertung von Vorkommnissen (INES) ist es der Stufe 0 (unterhalb der Skala = keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung) zuzuordnen.“

 

In Fukushima haben die Reaktorblöcke dem Erdbeben und dem Tsunami standgehalten. Das Problem war die Infrastruktur: Rohre, Leitungen, Aggrgate, Pumpen, externe Stromversorgung ...

 

P.S.:

Am 13.04.2011 meldete die FAZ, dass die deutsche Notfallmedizin auf einen Reaktorunfall weiter unvorbereitet sei.

 


 

08.04.2011


Heldentum

Ein Autor schreibt ein Buch. Ein Rezensent kritisiert. Da kann es auch mal ordentlich zur Sache gehn. Das ist sogar kürzlich richterlich bestätigt worden.

Ein Rezensent kritisiert. Ekkehardt Mueller vom Bible Research Institute, General Conference of Seventh-day Adventists, verreißt geradezu im neuesten The BRI Newsletter (April 2011) ein Werk, in viereinhalb von fünf Spalten werden dem Autor „serious shortcomings“ vorgeworfen.

Es geht allerdings um kein neues Werk, es erschien schon 2008, der Rezensent brauchte auch nicht auf eine Übersetzung zu warten, denn Mueller ist Deutscher. Es handelt sich um das in den deutschsprachigen Gemeinden weit verbreitete Büchlein von Rolf J. Pöhler, Hoffnung, die trägt: Wie Adventisten ihren Glauben bekennen. Advent-Verlag Lüneburg, 224 S.

Warum also jetzt erst eine Rezension eines Werkes von 2008? Was war 2008 oder 2009 oder 2010 anders?

 

Das Vorwort des Buches schrieb damals Jan Paulsen, bis Sommer 2010 Präsident der Generalkonferenz der Siebenten-Tags-Adventisten.

Jetzt also wagt es der tapfere Rezensent … wahrer Heldenmut.

 


 

11.03.2011

 

In diesen Tagen wurde die interessante Autobiographie von William G. Johnsson (*1934) veröffentlicht. Zuletzt Chefredakteur von Adventist Review und Adventist World, den weltweiten offiziellen Kirchenzeitschriften der Siebenten-Tags-Adventisten, diente der gebürtige Australier seiner Kirche als Pastor, Heimleiter, Lehrer (u.a. in Indien) und Prof. für Neues Testament (an der Andrews University, Berrien Springs/USA). Er arbeitete mit drei Präsidenten der Generalkonferenz eng zusammen und vertritt auch weiterhin die Kirche in offiziellen Gesprächen mit anderen Konfessionen und Religionen. Eine Rezension dieses Werkes, das erfreulicherweise nicht nur die adventistische „Schönwetterseite“ betrachtet, soll an anderer Stelle erfolgen.
Heute möchte ich nur assoziativ einen Satz herausnehmen, der mir ganz typisch für Menschen scheint, die sich besonders aktiv für eine Kirche oder Institution einsetzen, ob nun im religiösen oder säkularen Bereich. Johnsson folgt in seiner Großfamilie als einziger seinem adventistischen Vater, lässt sich mit 16 Jahren taufen und ist von nun an in seiner Heimatgemeinde aktiv, bevor er dann später seinen Beruf wechselt und Theologie studiert. In dem Bericht über diese Zeit in seiner Heimatgemeinde fällt eher beiläufig der Satz, von dem meinen könnte, dass der Autor ihn bewusst positiv meint, im Beschreiben seines Verhältnisses zur Kirche: „Mittlerweile hatte ich nur Adventisten als Freunde …“* Die folgenden Verweise auf seine Gemeindeaktivitäten und seine Freizeitbeschäftigungen verdeutlichen das noch. Sein späteres intensives berufliches Wirken wird da nichts geändert haben.
Nun ist das keine adventistische Besonderheit. Gerade Menschen, die beruflich mit Herzblut arbeiten, geraten mehr und mehr in ein berufliches und privates Getto. Wer jedoch für Menschen arbeitetet, vor allem im religiösen Bereich, entfernt sich leicht unmerklich vom wirklichen Leben, die Prioritäten zählen nur im verengten Raum. So richtet man sich gut in seiner kleinen Welt ein, man braucht die weite Welt nicht mehr.
Sicherlich ist es bequemer, im vertrauten Kreis die Freund- und Bekanntschaften zu pflegen, man muss,sich nicht besonders erklären, Sprache, Lebensstil und Themen sind ähnlich und man tritt in eine kollektive Geschichte ein, die verbindet.
Jedoch nimmt man sich die Chance der wirklichen Begegnung „nach außen“, die eigentlich auch notwendig für „innen“ wäre. Die frühe Kirche ist gerade durch ihre Begegnung mit der antiken Welt außerhalb des Judentums zu einer Weltkirche geworden, und durch die Begegnung musste auch die Verkündigung des Evangelium auf die neuen Fragen eingehen und die Antworten neu definieren.
Ich bin dankbar für meine Freunde und Bekannten aus den vielseitigsten Lebens- und Kulturkreisen - und möchte sie nicht missen!


 

*William G. Johnsson, Das Unmögliche wagen. Lüneburg 2011: S. 40.

 


 

04.03.2011

 

Fehlstart

Nicht einmal 90 Minuten im Amt, erstaunte der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich mit der Bemerkung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Damit wiederholte er seine Kritik an Präsident Wulffs letztjähriger Feststellung, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland. Regierungssprecher Seibert versuchte zu glätten, er sei überzeugt, dass der neue Innenminister die Islamkonferenz mit Kreativität und Engagement vorantreiben werde.

Inzwischen kritisieren Politiker aus allen Fraktionen das Ministerwort, rätseln, was denn den neuen Minister zu diesem (ich würde gerne sagen: törichten) Statement bewogen haben mag.

Nun ist der Minister kein ausgewiesener Historiker, von dem man erwarten könne, sich über die  mehr als 1.000jährigen vielfältigen Beziehungen Deutschlands und Europas zum Islam differenziert zu äußern, sich daran zu erinnern, dass gerade die Begegnung mit der damals zivilisatorisch überlegenen islamischen Welt Deutschland einen Zivilisationsschub (z.B. durch die Kreuzzüge) gab, dass der heutige Bezug Europas auf das antike Erbe vor allem durch den Umweg über die arabischen Wissenschaftler, die arabischen Universitäten in Spanien - und der Zusammenarbeit von Moslems, Juden und Christen daselbst erst möglich ist. Immer wieder setzten sich deutsche Geistesgrößen, seien es nun Luther oder Goethe ganz unterschiedlich mit dem Islam und mit dem Orient auseinander. Man muss auch nicht an die Moschee erinnern, die Friedrich der Große für seine muslimischen Soldaten erbaute.

Inzwischen leben schon seit mehreren Generationen Moslems inmitten der deutschen Gesellschaft - und wie die Statistik zeigt, in der Mehrzahl gut integriert. Die Moscheen verlassen die Werkstattgebäude und Hinterhöfe (wie es vor einigen Jahren auch die Gemeindezentren, Kirchen und Gebetsstätten der Freikirchen taten).

Der Innenminister ist immer auch der „Verfassungsminister“ (der neue Minister ist promovierter Jurist), damit Hüter der Grundrechte. Die aber sind unteilbar. Religionsfreiheit gilt für jeden Bürger dieses Staates. Der Staat ist weltanschaulich neutral. Das kollektive Gedächtnis der Freikirchen weiß, dass es lange genug gedauert hat, bis diese Grundgesetzartikel auch wirklich in der Gesellschaft angekommen sind.

Friedrichs Vorgänger Thomas de Maizière und Wolfgang Schäuble hatten das früh verstanden und setzten auf Dialog und Integration. Dieses Erbe darf der frischgebackene Minister nicht verspielen, aus welchen Gründen auch immer. Es macht keinen Sinn, die genannten Islamkonferenzen fortzusetzen, wenn man den Teilnehmern abspricht, dass sie Teil der hiesigen Gesellschaft und Teil dieses Landes sind.

Im Übrigen hat der Satz des Bundespräsidenten vom 3. Oktober: „Der Islam gehört zu Deutschland“ inzwischen auch außenpolitisch Türen aufgestoßen. So erklärte der türkische Präsident eindeutig: „Das Christentum gehört zur Türkei“.

Das ist eine Grundlage für einen respektvollen Dialog der Religionen auf der Basis des Grundgesetzes.

 


 

25.02.2011

 

Weg der Erinnerung

Ein herrlicher Spätsommertag am französischen Mittelmeer. Ein Teil der Gruppe nutzt den herrlichen Sandstrand zum Baden, der andere zum Shopping und Bummeln im kleinen Fischerstädtchen. Dann ein kurzer Anruf aus Deutschland: Das New Yorker World Trade Center stehe durch Terroristen in Flammen. Ein Blick auf den Fernseher eines naheliegenden Gartenrestaurants zeigt das wahre Ausmaß der Katastrophe mit den Bildern des 11. Septembers 2001, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Die Teilnehmer der Tutorenfahrt (Abschlussfahrt vor dem Abitur) brauchen mehr als 24 Stunden, um mit der Situation fertig zu werden, nachdem die erste Panikreaktion „nichts wie nach Hause“ ist. Es bleibt ein herrlicher Spätsommer mit tollen Erlebnissen - doch viel Nachdenklichkeit prägt nun alle Gesprächen mit. Dass sich auch in Darmstadt etwas geändert hat, meldet schon bald der Rundfunk - alle amerikanischen Einrichtungen seien jetzt besonders geschützt, so sei zum Beispiel die Zufahrt Cooperstraße zum Gymnasium Marienhöhe in Darmstadt gesperrt.

Einige Tage später kehrt die Gruppe heim. Die verbliebene Straße „Am Steinernen Kreuz“ ist für Busse dieser Größe nicht geeignet (erst später wurde die Strecke ausgebaut), man verabschiedet sich an der Heinrich-Delp-Straße.

Fast zehn Jahre später - nach langem Ringen mit der Bundesvermögensverwaltung und der Stadt Darmstadt - ist (hoffentlich) die Zeit der großen Staus auf dem Weg zur und von der Schule beendet: Die Stadt finanzierte die Reaktivierung der Straße, das Schulzentrum und die bisher geplagten Anwohner der Marienhöhe und der Straße „Am Steinernen Kreuz“ den Zaun zum Schutz der seit zwei Jahren verlassenen amerikanischen Siedlung und Einrichtungen, die demnächst umgewandelt werden sollen. Am 23.02.2011 wurden in einer offiziellen Zeremonie die  Barrieren weggeräumt.

Nachdem ich das letzte Mal mit dem Bus zur Tutorenfahrt 2001 die Straße passiert hatte, ging ich nun bewusst diesen Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Es war wie früher. Die Summe der Assoziationen von Erinnerungen aus vielen Jahren erschlug mich fast. Doch es war nicht wie früher: es geht nun durch eine verlassene Geisterstadt, und was in den nächsten Jahren dort entsteht, wird etwas völlig Neues sein. So bleibt die Tutorenfahrt tatsächlich das letzte Passieren einer Straße, die es so eigentlich nicht mehr gibt.

 Das vermittelt vielleicht etwas davon, dass Erinnerung immer in einem speziellen Kontext steht. So manche "Heimwehtouristen" mussten das bitter beim Besuch der Heimat in heute nicht mehr deutschen Gebieten erfahren. Auch manche, die sich nach der vermeintlich "good old time religion" sehnen, geraten mit sich und anderen in Konflikte. Es ist aber auch sinnvoll, sich immer wieder nach der Rezeption und dem derzeitigen Kontext der Erinnerungen zu befragen - sowohl im privaten Bereich als auch im gemeinschaftlichen religiösen. Darüber soll aber zu einem anderen Zeitpunkt ausführlicher reflektiert werden.

 


 

18.02.2011


Lichtgestalt

 

Eine alte Dame erzählt begeistert, ja schwärmerisch und ausführlich von dem Kriegskameraden - fast eine Lichtgestalt - ihres Mannes. Auch nach dem Krieg hielten die Familien wohl noch guten Kontakt. Einmal allerdings, Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre, hätten sie gemeinsam den Fronleichnamstag zu einem Besuch des Niederwald-Denkmals genutzt. Vielleicht sei es der Erinnerung an den flachsigen Umgangston in gemeinsamen Kriegszeiten geschuldet: als sie an einer Fronleichnamsprozession vorbeikamen konnte der protestantische Kriegskamerad es nicht lassen, einige als despektierlich empfundene Äußerungen anzubringen. „Ich habe ihm seinen Glauben doch auch gelassen,“ so die Katholikin mehr als 60 Jahre später - immer noch betroffen. Das habe doch gar nicht zu ihm gepasst.

 „Auf einem sauberen Kleid stört der kleinste Fleck“*, so Dag Hammarskjöld. Vielleicht sollte man hinzufügen: „… selbst oder gerade bei 'Lichtgestalten'.“
*(Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, München 1965: 95).

 


 

04.02.2011


Projekt Andacht

Am Schulzentrum Marienhöhe in Darmstadt ist es alte Tradition, zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde in allen Klassen und Kursen jeweils eine kurze Andacht zu haben. Je nach Altersstufe wird etwas aus einem der verschiedenen vorhandenen Andachtsbüchlein vorgelesen und gegebenenfalls gemeinsam besprochen, oder die Lehrkräfte oder die Schülerinnen und Schüler erarbeiten das reihum selbst.

Derzeit wird als Projekt in den Religionskursen der Jahrgangsstufe 11 ein neues Andachtsbuch gestaltet. Brainstorming am Anfang: „Was zeichnet eine gute Andacht aus?“, „Was erwarte ich?“

Die Antworten kommen klar und sicher: Die richtige Länge, ein ansprechendes Thema oder ein interessanter Bibeltext oder Sinnspruch, gute Beispiele, übertragbar, verständlich, aufs Leben bezogen, aktuell, spannend, nicht langweilig, ermutigend, mit Fragen zum Nachdenken und „etwas zum Mitnehmen“.

In der nächsten Woche werden Sie es umsetzen. Schließlich sind sie Fachleute - haben doch manche seit der 5. Klasse über 1.200 Andachten erlebt, genossen, ertragen, erlitten ...

Im Studium erklärte der Professor für Homiletik, man solle so predigen, als ob es die einzige Predigt wäre, die ein Hörer miterlebt. Vielleicht sollte man aber auch in dem Bewusstsein predigen oder Andachten halten, dass die Hörerinnen und Hörer eventuell schon tausende von Predigten, Ansprachen, Andachten erlebt, genossen, ertragen, erlitten … haben.
 

 


 

28.01.2011

 

Jeans


In einem Interview in der FAZ von gestern (27.01.11) erklärte der Pariser Modezar Karl Lagerfeld nach der Präsentation der neuesten Chanel-Kollektion, dass Jeans heute zur Haute Couture gehören: „Jeans und T-Shirt sind (heute) die Basis der Garderobe …“

Wer hätte das gedacht, zum Beispiel als ich in der 4./5. Klasse war und Rektor und Klassenlehrer in Nordhessen eindringlich mahnten, ja keine „Nietenhosen“, „Amihosen“, „Röhrenhosen“ zu tragen (wir trugen damals allerdings eher meist Lederhosen oder Knickerbocker), oder als ein Mitglied der adventistischen Kirchenleitung des damaligen Westdeutschen Verbandes seinen Sohn, Student des Theologischen Seminars und mein Zimmerkollege in den 60er Jahren, bei einem Besuch auf der Marienhöhe in Jeans „erwischte“ - nicht einmal Bügelfalten hätten diese Cowboyhosen, oder als die Mädchen im Internat der Marienhöhe zum großen Ärger der Internatsleitung sogar damit begannen, dieses Bekleidungsstück in der Schulandacht zu tragen (Eintrag im Internatszeugnis meiner Schwester: „G. trug nicht den Anlässen entsprechende Kleidung“).
Welche Assoziationen und Ängste die damalige Elterngeneration mit diesem Kleidungsstück verband, zeigt der Versuch Dr. L.E. Träders, in den 70er Jahren auf adventistischen Jugendtagungen dieses Kleidungsstück zu entmythologisieren: „Jeans ja, Jeansmoral nein!“
Es ist kaum noch nachzuvollziehen, mit welcher Vehemenz und mit welchem Zeitaufwand sich Gesellschaft und Kirchen mit solchen „Jeansfragen“ beschäftigten. Das Gemeinschaftschristentum, in seinem häufig kleinbürgerlichen Kontext, war da besonders aktiv, witterte immer den Einbruch der „Welt“ in die Gemeinde. Mancher mag sich noch an die „Bubikopffrage“ erinnern (deshalb tragen heute noch gelegentlich ältere Damen dieser Kirchen und Gemeinschaften ihre traditionelle Knotenfriseur, auch spöttisch „Halleluja-Zwiebel“ genannt), an die Auseinandersetzungen um die langen Haare (u.a. "Beatles-Frisur") und Bart der jungen Männer, die Diskussionen um Minirock und wallende „Hippiekleidung“ der Mädchen, selbst einer Abgeordneten im Hosenanzug wurde der Zutritt zum Bundestag verweigert. Modeschmuck ja oder nein …

 Zum Ärger mancher Menschen spielen allerdings derzeit solche Auseinandersetzungen zum Glück kaum eine Rolle. Denn eine Gesellschaft, eine Kirche, die sich mit solchen Fragen intensiv verzettelt, geht an den wirklich wichtigen Fragen vorbei, möglicherweise ohne es zu merken.
Die Jeans haben sich übrigens als äußerst praktisches und strapazierfähiges Kleidungsstück erwiesen. Es gibt kaum ein Kind, Junge oder Mädchen, in den Schulen, das keine Jeans trägt. Schon lange vorbei die Zeiten, als die Marienhöher Theologiestudenten immer mit Klappkissen herumliefen, die sie brauchten, um ihre „heiligen“ Hosen vor Glanz oder Beschädigungen zu schützen.

 


 

21.01.2011

 

Begegnung verändert III

 

Jahrgangsstufe 12 Religion. Formen religiösen Lebens im Alltag, in Gesellschaft  in unterschiedlichen Denominationen. Deuten und Verstehen von diesen Formen des religiösen Lebens. Aufgabe: Zu zweit eine fremde Konfession/Religion zu besuchen, sie zu beschreiben, das Kultgebäude (Kirche, Kapelle, Synagoge, Moschee, Gemeindezentrum …) in seiner Funktion zu erklären, an einem Gottesdienst teilzunehmen und diesen wie ein Journalist zu beschreiben und eine eigene Stellungnahme abzugeben..
Ängste stehen am Anfang. Deshalb ist es gut, nicht allein zu sein. Dann die Begegnung. Übereinstimmender Bericht: völlig anders als erwartet. Keine Sorge, niemand hat die Konfession gewechselt. Aber die jeweilige Konfession/Religion trat aus dem Abstrakten. Man begegnete Menschen. Man lernte Respekt. Manche lernten in der Auseinandersetzung mit dem Anderen die eigene Position neu kennen und schätzen. Übereinstimmendes Votum: dieses Erlebnis der Begegnung würde unvergessen bleiben.
Meine Gedanken gehen zurück. Mit elf Jahren erlebte ich zum ersten Mal einen evangelischen Gottesdienst durch mein Zugehörigkeit zu einem evangelischen Posaunenchor. Soll ich ich die Hände beim Gebet mit falten oder ist das „Götzendienst“, war mir eine kurze Frage. Nein, diese Frage kam nicht durch das Elternhaus, einem adventistischen Pastorenhaus, sondern eher durch die liebe „Kindertante“ vom Kindergottesdienst. Ich entschied mich für Mitbeten. Ich bin dankbar für meine adventistische Sozialisation - aber auch für die gleichzeitige Sozialisation in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck für einige Jahre. Ich habe das nie als Gegensatz, sondern als große Bereicherung empfunden. Häufig war ich in evangelischen Pfarrhäusern zu Gast. Damals hatte das etwas Exotisches für beide Seiten, war keine alltägliche Geschichte, in einer Zeit als Baptisten, Methodisten, Adventisten und andere Freikirchen in landeskirchlichen Predigten und Äußerungen noch als „Sekten des Verderbens“ diffamiert wurden.


Begegnung verändert - Gott sei Dank!

 


 

14.01.2011

 

Der "Große Frankfurter Judenbrand" 1711

 

 

 

Der Große Judenbrand war eine Feuersbrunst, die sich vom 14.-15. Januar 1711 in der Frankfurter Judengasse ereignete. Sie war eine der größten Brandkatastrophen in der Frankfurter Geschichte.

Innerhalb von 24 Stunden waren bis auf ein Hinterhaus alle 200 Gebäude des dicht besiedelten Ghettos niedergebrannt. Die mittelalterliche enge, größtenteils nach oben hin vorkragende Fachwerkbebauung, mangelnder Brandschutz, starke Winde und panisch-chaotischer Umgang mit der Brandsituation förderten das sich immer schneller ausbreitende Feuer. Erstaunlich, dass nur vier der mehr als 3.000 Menschen ums Leben kamen. Zahlreiche Kostbarkeiten gingen verloren, darunter Bücher, Handschriften und Thorarollen. Viele Einwohner verloren durch den Brand ihre gesamte Habe. Aus einer der reichsten jüdischen Gemeinschaften wurde eine der ärmsten.

Diese Katastrophe ist aber auch ein Beispiel, wie Menschen unterschiedlich reagieren und wie vielseitig die Folgen sind. Da beim Oberrabbiner das Feuer ausgebrochen war, wurde er als Schuldiger erst einmal in Haft genommen, da er wohl verdächtigt wurde, mit einem Talisman gegen Feuer herumexperimentiert zu haben, es damit erst auslöste. Das Verhör schien das nicht zu bestätigen, gegen Kaution kam er frei. Die hohe Summe erbrachten auswärtige jüdische Kaufleute. Die Gemeinde hatte aber das Vertrauen zu ihm verloren, schließlich hatte er das Löschen verzögert, da er sich vom Brand in seiner Wohnung abwandte und wie erstarrt erst einmal lange in Richtung Synagoge im Gebet erstarrte. Er erklärte später, der Brand sei eine Strafe Gottes. Daher wurde für Generationen der Jahrestag des Unglücks nicht nur mit Gottesdiensten und Bußgebeten begangen, sondern auch jeweils mit 14tägiger Absage an alle Lustbarkeiten (außer Schach).

Auch die Christen sahen das Geschehen als besonderes Zeichen Gottes - hatte der sich drehende Wind schließlich ihre Wohnvierten verschont, wie auch den benachbarten (gut gefüllten) Pulverturm.

Die Christen hatten gleich helfen wollen - aus alten Erfahrungen hielten die Bewohner des Ghettos aber die Tore aus Angst vor Plünderungen verschlossen. Als sie schließlich aufgebrochen wurden, kam die Hilfe schon zu spät. Wie berechtigt aber die Furcht war, zeigt der Befehl des Kaisers an die Stadt, alles geraubte Gut den Juden zurückzuerstatten.

Die Juden ohne Aufenthaltsrecht wurden sofort der Stadt verwiesen, die ärmeren der regulären Bewohner mussten Unterkunft im Umland suchen, die es sich leisten konnten, durften bei Christen in Frankfurt zur Miete wohnen.

Manche christlichen Offiziere, Kaufleute undHandwerker protestierten gegen den geplanten Wiederaufbau. Doch die Stadt setzte sich durch, schließlich war es der Befehl des Kaisers, des Schutzherrn der Juden. Mit ihm wollte man es sich aus merkantilen Gründen nicht verscherzen,  zumal auch eine Vertreibung der Juden teurer geworden wäre als der Verbleib. Die Baupläne zeigten nun auch bessere Brandvorsorge.

1796 fiel de facto der Ghettozwang, 1811 schließlich de jure: Juden konnten wieder wie vor 1462 überall frei in der Stadt wohnen.
 


 

07.01.2011

 

Abschied von Kodachrome

 

Er galt Generationen von Amateur- und Profifotografen als unverzichtbar - der Diafilm mit den warmen, optimistischen Farbtönen. Berühmte Zeitschriften wie „National Geographic“ ließen uns mit ihm diese Welt betrachten. Erstmals nutzte ich ihn in den 70ern auf einer archäologischen Exkursion. Die Agfa-Filme waren versehentlich zu Hause geblieben. Aber Kodak fand sich ganz selbstverständlich in einem Basar einer syrischen Kleinstadt. Zu meinem Erstaunen gaben diese Dias mein Verständnis der Farbatmosphäre des Orients am besten wieder. Anders als von seiner Konkurrenz wurde der Kodachrome zudem ganz amerikanisch-praktisch fertig in Papprähmchen geliefert.

 Vor einiger Zeit noch für unverzichtbar gehalten, beendete das Digitalzeitalter den Siegeszug des legendären Films. So wurde zum Beispiel im Sommer 2009 auf einem archäologischen Kongress in Paris ein älterer britischer Referent von den jungen, agilen Assistenten milde belächelt, als er auf einen Dia-Projektor für seine Kodachrome-Dias bestand. Immerhin gab es dieses Gerät noch - doch sonst waren die Beamer für die Power-Point-Präsentationen das Maß.

Nach 75 Jahren wurden am 31. Dezember 2010 die letzten Patronen entwickelt. Seit längerem fand das komplizierte Verfahren ohnehin nur in einem kleinen Familienunternehmen in Kansas/USA statt. Auch die notwendigen Chemikalien werden nicht mehr von Kodak hergestellt. Weltweit produziert wohl nur noch Fuji Dia-Filme.

 Das digitale Bildzeitalter hat unbestreitbar sehr viele Vorteile, der faszinierende Fortschritt macht atemlos. Wie es in 75 Jahren aussehen wird, kann man sich heute überhaupt nicht vorstellen. Aber nie wieder wird man voller Spannung die Sendung des Labors erwarten, um zu sehen, ob und wie die Dias geworden sind. Fortschritt entzaubert manchmal auch.

 


 

31.12.2010

 

33 Tage


„Wie jedes Jahr machten wir uns auf den Weg in Richtung Saint-Amour, unseren Fixpunkt zwischen Jura, Bresse und unterem Burgund. Wir fahren am 11. Juni neun Uhr morgens los. Wir rechnen damit, dass wir gegen fünf nachmittags ankommen, ohne uns zu hetzen. (S. 10) …
Wir haben Paris am 11. Juni 1940 verlassen. Es war (jetzt) der 13. Juli.  (S. 189) …“ (Léon Werth, 33 Tage. München 1996).
Eine Fahrt in den üblichen Urlaub dauert statt acht Stunden 33 Tage - und ändert das Leben für die nächsten dreieinhalb Jahre. Und auch danach wird Europa, wird die Welt nicht mehr sein wie vorher.
Dieser Bericht der 33 Tage - kriegsbedingt verschollen und erst 1992 wieder aufgetaucht -, aufgezeichnet „von einer wachen Intelligenz des Humanen“ (Lothar Baier), von Léon Werth, dem Freund von Antoine de Saint-Exupéry, ist immer spannend am Anfang des Jahres zu lesen. Die Welt  kann ganz anders sein, das ganze persönliche Umfeld, in dem man sich eingerichtet hat - und natürlich die Menschen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein interessantes neues Jahr und Freundinnen und Freunde, die dazu beitragen, dem möglichen Ungewissen und Ungewohnten, wie auch dem scheinbar Gewohnten, mit Gelassenheit und Humor, vor allem aber mit „einer wachen Intelligenz des Humanen“ zu begegnen.

 


 

24.12.2010

 

Weiße Weihnacht

Heilig Abend am Freitag abend. Wäre doch eine gute Gelegenheit den Auseinandersetzungen der Christenheit über das rechte Datum des Geburtstags Jesu nachzugehen, oder den Konsum, die Hektik der Vorweihnachtszeit zu beklagen, oder noch einmal darüber zu diskutieren, ob man wirklich Weihnachten feiern dürfe, wie das im Gefolge der Reformation oder im Puritanismus geschah, oder den Streitereien, gerade im Gemeinschaftschristentum über Weihnachtsbaum, Adventskranz, Krippen- und Krippenspiel etc. nachzuspüren Hier treffen sich in den deutschen Adventgemeinden schließlich mehrere Traditionen. So hat die Gemeinde Frankfurt am Main-Zentrum zum Erstaunen mancher adventistischer Gäste aus anderen Gemeinden traditionell einen großen Weihnachtsbaum in ihrer Kirche. Entstand diese Gemeinde doch 1890 mit Hilfe und langjähriger Betreuung aus Basel. Dort hatte Ellen White den Weihnachtsbaum und gelegentlich alternierend die Weihnachtskrippe eingeführt.

Nein, am Fest des Friedens sollte man weder an alte noch an neue Schlachten denken, schließlich gibt es gerade zu Weihnachten viele Gründe sich zu freuen. Zum Beispiel in diesem Jahr über „Weiße Weihnacht“. Sollte es wirklich bei Maria und Joseph um den bethlehemitischen Stall geschneit haben? Wohl kaum. Doch unserem Fest tut es gut. Der weiße Schnee deckt alles gleichmäßig zu, dämpft den Lärm, bringt all unsere Hektik zum Erliegen, legt Frieden über das Land. Lichter und Kerzenschein leuchten anders als sonst.

Und wir Menschen lernen unsere Grenzen kennen. Ob die teuren großen Autos auf den mehrspurigen Autobahnen oder die pfeilschnellen Superzüge der europäischen Eisenbahnen oder die Riesenvögel, die Länder und Kontinente miteinander verbinden, sie alle müssen sich den Naturgewalten unterordnen. Die „just in time-Produktion“ der großen Fabriken leidet ebenso - die Heerschar der Lastkraftwagen wird zu einer schlitternden Parade der ungewollten Abhängigkeiten.

Nun tritt langsam Frieden ein. Das traditionelle Frankfurter Stadtgeläut wird man weiter hören als sonst, die Stadt ist weihnachtlich leise. Ein sabbatlicher Heilig Abend.

P.S.:
Es gibt noch Menschen, die in ihrer Kindheit „richtigen“ Winter und weiße Weihnacht mit tiefem Schnee erlebt haben. Gern schaute ich als Kind nach der Bescherung vor dem Schlafengehen oft länger aus meinem Zimmer auf die winterliche Altstadt in Nordhessen, dann fiel mein Blick auch auf das etwas entferntere Bahnviadukt. Unverdrossen trotzten die großen D-Zug-Lokomotiven dampfend und schnaubend mit lautem Signal sicher den Elementen. Doch weiße Weihnacht mit zuverlässigen Dampfloks - das gibt es wohl nur noch in der Erinnerung oder im Film.


 

17.12.2010

 

"Ehrenmord"

 

Die Presse vermeldet einen „christlichen“ Ehrenmord in der Türkei. Das irritiert viele Menschen: Das darf nicht sein, „Ehrenmord“, ist das nicht etwas Islamisches!

Wie es scheint, hatte ein Mädchen aus christlicher Familie (Vater armenischer Christ, Mutter chaldäische Christin, die Familie aus dem äußersten Südosten der Türkei stammend) standesamtlich einen Moslem geheiratet, gegen den  eigentlichen Willen der christlichen Familie, ohne Probleme bei islamischen. Selbst einer christlichen Trauung stimmten letztere zu. Doch der Bruder der Braut wollte die Schmach rächen, die Ehre seiner Familie wieder herstellen, wie er später ausgesagt haben soll, und erschoss das Paar.
Vielleicht wäre es gut zu realisieren, dass die sogenannten „Ehrenmorde“ aus vorchristlicher und vorislamischer Zeit stammen, diese Tradition haben einige Gebiete des Orients über alle Zeiten hinweg beibehalten - unabhängig von Religionen. Die Menschen in jenen Gegenden leben im gleichen Rechtsbewusstsein, die Durchsetzung des eigentlichen jeweiligen modernen, gültigen Landesrechts gestaltet sich da schwer.
Vielleicht könnte man das adventistische Studienheft zur Bibel für das 4. Viertel 2010 um ein Kapitel erweitern: „Dina und ihre Brüder“ (Gen 34) oder „Absaloms Rache an Amnon“ (2Sam 13-14) ...

P.S.:
Die traditionellen deutschen Ehrenmorde nannte man Duell. Zwar war dies seit 1871 verboten, wurde aber nur milde (z.B. mit nicht als unehrenhaft angesehener kurzer Festungshaft) bestraft. Das letzte tödliche Opfer eines Duells war wohl Karl Borwin, Herzog zu Mecklenburg-Strehlitz, am 24.08.1908. Auch hier ging es um seine Schwester. Im 1. Weltkrieg wurden die Duelle bis zum Friedensschluss aufgeschoben. Erst seit 1969 (!) wird ein Duell wie jede andere gefährliche Körperverletzung oder Totschlag etc. behandelt.

 


 

10.12.2010

 

Heimunterricht

 

Die Berichte über Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen, nehmen zu. Ob aus religiösen, pädagogischen oder vielfältigen anderen Gründen machen sich Eltern strafbar, indem sie die gesetzliche Schulpflicht ablehnen. Dabei nehmen es sogar streng religiöse Eltern auf sich, den Staat zu täuschen und zu betrügen, lassen ihre Kinder sogar im Verborgenen leben.

Sicherlich wird es in den nächsten Jahren ausführliche wissenschaftliche Forschungen darüber geben, die unter anderem auch die Folgen für die Kinder protokolliert.

Dem will ich nicht vorgreifen. Doch halte ich es für ein Gemeinwesen sinnvoll, dass sich Kinder aus allen Bereichen der Gesellschaft schon früh treffen, früh lernen, dass man unterschiedlich sein und dennoch miteinander leben kann. Dass man lernt, sich mit dieser Vielfalt auseinander zu setzen.

Bis zum siebten Lebensjahr in einer Villengegend aufgewachsen, kannte ich nur wenige Kinder, dazu die Kinder des regelmäßigen Kindergottesdienstes und einige Kinder, die zum Schloss gehörten, in dem meine Großeltern nachkriegsbedingt lebten. Im ersten Schuljahr musste ich daher erst lernen, in einer Klasse mit 53 Kindern zurechtzukommen, musste lernen, mich zu behaupten. Da mich bis dahin zum Beispiel niemand belogen hatte, musste ich schnell üben, gelegentlich skeptisch zu sein.

Der Beruf des Vaters brachte es mit sich, dass ich bis zur Mittleren Reife sechs Schulen besuchte. Dafür bin ich heute sehr dankbar, auch wenn der Wechsel der sozialen Gruppen nicht immer einfach war. Doch diese Erfahrungen möchte ich nicht wissen. Schade, wenn Kindern dies versagt ist und sie manches erst im reiferen Alter nachholen müssen. Sozialkompetenz einzuüben ist keine Trockenübung.

 


 

03.12.2010

 

Begegnung verändert II


„Insgesamt betrachtet, ist das Bewusstsein vom Potenzial kultureller Bereicherung und Vielfalt, das in anderen Religionen und in der Pluralisierung des Religiösen verborgen liegt, in Deutschland geringer ausgeprägt als in anderen Ländern Westeuropas. Die Deutschen sehen die religiöse Pluralität und dabei insbesondere den Islam überwiegend negativ. Sie haben eine geringere Sensibilität für die Ambivalenzen des Religiösen und nur ein schwaches Bewusstsein für die in der kulturellen Vielfalt liegenden Chancen.“ (Detlef Pollack, Leiter der Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ zu Einstellungen gegenüber religiöser Vielfalt in Europa, in: FR vom 02.12.2010).

 Dabei wird deutlich, dass die Akzeptanz der religiösen Vielfalt, zum Beispiel des Islams, dort am höchsten ist, wo die Begegnung am häufigsten stattfindet, so etwa in Frankreich, und dort am geringsten ist, wo kaum eine Möglichkeit der Begegnung besteht, wie in Ostdeutschland.

 Viele Freikirchler, die in landeskirchlichem Umfeld aufgewachsen sind, mag diese Studie kaum überraschen, die Irritationen der Mehrheit über Minderheiten sind Teil ihrer Biografie.

 Es bleibt zu hoffen, dass auch in Deutschland die Mehrheitsbevölkerung in Selbstbewusstsein und Gelassenheit zu den westeuropäischen Staaten aufschließt: „Übung lehrt Toleranz“, so die Überschrift eines Zeitungs-Kommentars.

 


 

26.11.2010


Begegnung verändert I

Noch zu meiner Kindheit hatten viele Adventisten in der nordhessischen Provinz einen recht unbefangenen Zugang zum Alten Testament. War doch die Welt der Bibel in vielen Bereichen der eigenen näher als es heute der Fall sein kann.

Die Begegnung mit verschiedenen, den meisten unbekannten Personen des Alten Testamentes in diesem Vierteljahr, im Zuge der sabbatlichen Gesprächskreise, löste und löst bei vielen Irritationen aus. So hat man sich die biblischen Zeiten und Kulturen nicht vorgestellt.

Nun hat in den letzten Jahrzehnten - trotz wachsender Literatur über die Welt des Alten Orients - die Kenntnis des Kontextes selbst bekannter Bibeltexte deutlich abgenommen. Viele Bibelleser kennen gerade noch die Schöpfungserzählungen aus Genesis, die Zehn Gebote aus Exodus und einige Psalmen. Adventisten sind zudem partiell mit dem Buch Daniel vertraut. Da kann die einmal andere Begegnung mit Personen und Erzählungen des Alten Testaments nur ein Kulturschock sein. Die bunten Bilder aus „Menschen in Gottes Hand“ (Kinderbibel) halten der Realität kaum stand: Zwangsehe, Betrug, Mord, Patriarchat, Blutrache, eigenartige Menschen-, Gottes- und Weltbilder, Krieg, Streit, sexueller Missbrauch, Ehrenmorde, Hass, Leidenschaft, Lust, Verletzung der Menschenrechte, Ausbeutung der Armen, Sklaverei, allerdings auch Liebe, Barmherzigkeit, Gnade, Großmütigkeit ...

Vielleicht kann aber die Begegnung mit der biblischen Welt auch ein Anreiz sein, diese fremde Welt besser zu verstehen. Denn nur wer den biblischen Menschen kennt und versteht, versteht auch die biblischen Texte. in ihrer Tiefe. Das wird dann eine lebendige, spannende Zeitreise der Begegnung. Dann wird das nachvollziehbar, was in den und durch die biblischen Erzählungen deutlich werden soll: Gott begegnet den Menschen in ihrer Welt, ihrem kulturellen Umfeld. Die Begegnungen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs mit den Patriarchen lösen etwas aus. Die Begegnungen Jahwes mit Einzelnen und seinem Volk verändern. Nichts bleibt so wie vorher.

So wird durch diese Erzählungen auch der Leser gefordert. Wie gesagt, Begegnung verändert.

 


 

19.11.2010

 

Dauerthema: Kirchliche Printmedien im Wandel

 

Die vom 17.-20.11.2010 in Frankfurt am Main tagende Synode der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau hat beschlossen, das vier mal im Jahr erscheinende Mitglieder-Magazin „echt“, das kostenlos an alle Haushalte geschickt wurde, mit Ende des Jahres  2011 aus Kostengründen einzustellen. Das (kostenpflichtige) Abonnementsblatt „Evangelische Sonntagszeitung“ soll weitergeführt werden.
Solche und ähnliche Meldungen aus einer sich verändernden kirchlichen Medienwelt häufen sich. Vielerorts ist man ratlos, ob die Printmedien noch eine Zukunft haben, oder ob nur noch die „Gemeindeblättchen“, Mitteilungsblätter der örtlichen Gemeinden - die inzwischen den größten Teil der religiösen Zeitschriften/Zeitungen ausmachen, und Internetauftritte überleben.
Auch die Siebenten-Tags-Adventisten in Europa und den USA kennen dieses Problem. Das seit der Kirchengründung bestehende Organ „Review & Herald“ kämpft mit rapide sinkender Auflage, der  in vielen Sprachen erscheinende Ableger „Adventist World“ soll dies kompensieren.
Das kostenpflichtige Abonnementsblatt „Adventecho“ der deutschsprachigen Adventisten wurde 2010 in die für alle adventistischen Haushalte kostenlose, in den Gemeinden ausliegende Zeitschrift „adventisten heute“ umgewandelt und redaktionell umstrukturiert. Eingeheftet ist unter anderem die deutsche Übersetzung der oben genannten, in den USA redigierten Zeitschrift „Adventist World“.
Für ein Gesamturteil ist es sicherlich noch zu früh. Fragt man jedoch bei Gemeindegliedern nach, wird ein wenig dem alten „Adventecho“ nachgetrauert - vor allem wegen der dort erschienenen Personalia (Geburt,  Tod, Taufen, Jubiläen …), es fehlt jetzt ein persönlicher Bezug zur „Großfamilie“ Adventgemeinde. Die angebotene Internetseite, die das ersetzen soll, ist für viele Ältere kein Ersatz.
Dafür „fremdeln“ viele mit „Adventist World“. Der kulturelle Abstand scheint gelegentlich  doch zu groß, manche Themenauswahl irritiert. So findet sich zum Beispiel in der November-Ausgabe direkt nach dem Leitwort des neuen Präsidenten der Generalkonferenz (Welt-Kirchenleitung), Ted N.C. Wilson, „Eine Erweckung wahrer Frömmigkeit“, der Aufsatz „Was tun bei Bettwanzen?“ ...

 


 

12.11.2010

 

Good News

Einheit ist für die adventistische Weltkirche ein hohes Gut. Das führt dazu, dass aus zum Teil theologischen, vor allem aber aus kulturellen Gründen - gerade vieler südamerikanischer, afrikanischer sowie mancher asiatischer und auch osteuropäischer Delegierter - auf den letzten Weltsynoden (Generalkonferenz) eine Mehrheit für die Ordination weiblicher Pastoren bisher nicht möglich war, auch nicht die Delegierung dieser Frage an die adventistischen Kirchenleitungen bzw. -gremien der unterschiedlichen Länder oder Kontinente.

Bisher behalf man sich in manchen Ländern mit der Ordination der Frauen zu „Ältesten“, die von der Gemeindeordnung gedeckt ist, die jedoch nur für den jeweiligen Dienstbezirk gilt (in einzelnen amerikanischen Bundesstaaten wurden inzwischen auch Frauen vollgültig als Pastorinnen ordiniert, auch die Chinesen kümmern sich in dieser Frage nicht um die Weltkirche - sondern ordinieren Frauen - die etwa die Hälfte der Pastorenschaft ausmachen).

Auch wenn die Weltkirchenleitung Schritt für Schritt inzwischen auch einzelne hochrangige Posten ihrer Departments mit Frauen besetzt hat, u.a. als Leiterin des adventistischen Erziehungswerkes Dr. Lisa Beardsley (AWA-Referentin auf der AWA-Frühjahrstagung 2009 auf der Marienhöhe), seit 2005 wurde auch eine Vizepräsidentin der Generalkonferenz berufen, so sind doch per Satzung Frauen durch ihre Nichtordination bisher nach den verschiedenen Kirchensatzungen von wirklich leitenden Funktionen ausgeschlossen (von einzelnen Ausnahmen abgesehen).

Nun hat die Nordamerikanische Division der Generalkonferenz (zuständig für die USA, Canada, Bermuda und den Inseln Saint Pierre und Miquelon) mit überwältigender Mehrheit am 07.11.2010 beschlossen, für ihren Bereich die Kirchenordnung so zu ändern, dass für die Leitungen der Vereinigungen (Conferences and Missions) nicht nur ordinierte Pastoren, sondern auch nichtordinierte (commissioned) Pastoren/innen berufen werden können.
Die Nordamerikanische Division ist unterteilt in 9 Verbände (Unions), diese wiederum in insgesamt 56 Conferences (meistens einem Bundesstaat entsprechend).

 

Ein erster, hoffentlich auch für weitere Gebiete ermutigender Schritt.
 


 

05.11.2010


Integration

 

Trotz einer arbeitsreichen Woche nach der AWA-Herbsttagung bleibt doch noch manches Erlebnis lebendig - der bunte Herbst am Rhein, die guten Begegnungen, die interessanten Referate und Workshops, das phantastische Konzert von Melanie Sandrine Arnhold und Christian Ludwig …

Ein Aspekt des Tagungshauses (DJH) sollte erwähnt werden: es war ein Ort der Vielfalt. Ein Blasorchester, ein großes Klarinetten-Ensemble, ein Kinderchor und eine Reihe weiterer Gruppen. Gelegentlich nahm man (nicht ganz freiwillig) akustisch teil und das Gedränge in den Speisesälen führte auch zu Nähe. Dennoch war es eindrucksvoll, dass so viele junge Menschen aus dem gesamten Spektrum der sozialen Schichten und unterschiedlichen Landsmannschaften gemeinsam in Aktivgruppen ein kreatives Wochenende erlebten. Unspektakulär. Ganz selbstverständlich. Doch das eignet sich wohl nicht für BILD & Co..

 


 

29.10.2010

(Heute auf der AWA-Herbsttagung in Oberwesel)

 

Nachhaltigkeit


Besonderes Symbol für Nachhaltigkeit ist der Olivenbaum. Er braucht lange, zumeist mehr als sieben Jahre, um Ertrag zu bringen. Die Bäume können Jahrhunderte alt werden, die knorrigen sollen die besten Früchte bringen. kein Wunder, dass der Ölbaum als Friedensbaum gilt.

Auf dem tunesischen Stand der EXPO 2000 in Hannover war ein römisches Grabmosaik mit Inschrift aus dem 5. Jahrhundert zu sehen:


"F.V. Dion hat 80 Jahre in Frieden gelebt und 4.000 Ölbäume angebaut."

 

Gibt es einen schöneren Text?

Von Martin Luther soll das Wort stammen, wenn morgen die Welt unterginge, wolle er heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Dann pflanze ich einen Ölbaum.



 

22.10.2010

 

Laïcité

 

Mit der Aufklärung, den amerikanischen Schlussfolgerungen aus den europäischen Erfahrungen - manifestiert in Unabhängigkeitserklärung und Menschenrechten -, der Französischen Revolution mit ihrer Erklärung der Menschenrechte und der zum Teil revolutionären Entwicklungen in den anderen christlichen Staaten Europas setzte sich das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche (mehr oder weniger mühsam) als Grundlage der individuellen und gemeinschaftlichen Religionsfreiheit bis ins 20. Jahrhundert durch. Dabei gingen die Staaten unterschiedliche Wege. Während in Deutschland eine „hinkende Trennung“ von Kirche und Staat praktiziert wird (über die jetzt nicht weiter reflektiert werden soll), beschloss Frankreich - nach vielen Varianten der Religionspolitik seit 1789 - mit dem strikten „Gesetz zur Trennung von Religion und Staat“ von 1905 den Weg der sogenannten Laizität (laïcité) zu gehen.

 

Im Zuge der Durchsetzung wurden unter anderem die bestehenden Kirchen-Immobilien samt Inventar zu einem Stichtag verstaatlicht - um nach Inventur diese wieder den entsprechenden Religionsgemeinschaften zur Nutzung zu überlassen. Da vorher Staat und Kirche miteinander verflochten waren, war es für die Gesetzgeber nur logisch, dass das Volkseigentum blieb. (Die nach 1905 erbauten Kirchen und Immobilien der Religionsgemeinschaften und Kirchen gehören nicht dem Staat).


In einigen ländlichen Gegenden Frankreichs stieß diese Staatsaktion auf Widerstand der katholischen Geistlichkeit und Bevölkerung. So musste in Mazan (Luberon) 1906 das Militär, nachdem die Bewohner fast neun Monate die Kirche besetzt hielten, den Zugang über einen Seiteneingang mit der Axt erzwingen. Unter Absingen von Chorälen verließen nun die Menschen die Kirche. Die Tür zeigt bis heute jenes Ereignis deutlich an.


Auch wenn seit 1905 die Priester und Pastoren nicht mehr vom Staat bezahlt werden, auch Kirchensteuer ist unbekannt, die Kirchen sich selbst materiell organisieren müssen (für die 1905 deutschen Gebiete Elsas-Lothringen gelten andere Gesetze), hat das Eigentumsrecht des Staates für die nutzendenden Kirchen und Religionsgemeinschaften allerdings den Vorteil, dass den größten Teil der Kosten des Bauunterhalts (die meisten Kirchen stehen zudem unter Denkmalschutz) eben der Staat zahlt.

 


 

15.10.2010

 

Schnelle Antworten

Als Gerhard Perk, einer der ersten Adventisten des Zarenreiches wegen seines neuen Glaubens die Heimat verlassen musste, arbeitete er in der Schweiz und Deutschland als Evangelist, Buchevangelist, Prediger und später als Vorsteher (auch in Rumänien). Er gründete viele Gemeinden, so auch 1890 die erste adventistische Gruppe in Frankfurt am Main. Doch blieb er hier nur ein Jahr - die Menschen seien zu säkular,  hätten dort zu wenig christliches Basiswissen, man könne allein mit den „Unterscheidungslehren“ nicht viel ausrichten …

Nordhessen in den 1950er Jahren: Bruder P. aus R. berichtete in einer Zeugnisstunde der Gemeinde T., er habe in der vergangenen Woche den Bauern XY seines Dorfes getroffen und ihm in einer halben Stunde „die ganze Wahrheit“ (Synonym für „Adventbotschaft“, also adventistische Lehre) gesagt. Nun habe XY vor Gottes Gericht keine Entschuldigung mehr.

Es scheint, als habe auch der Mensch des Jahres 2010 Sehnsucht nach den schnellen und scheinbar klaren Fragen und Antworten. Die differenzierte Wirklichkeit macht viele ängstlich. Ob Diskussionen zu Politik, Gesellschaft oder Religion … Populismus versucht hier zu punkten.

Es ist wohltuend zu wissen, dass es in allen Bereichen der Gesellschaft Gruppen und Foren gibt, die nicht nur „schwarz-weiß“ Denken. 

 


 

08.10.2010

 

Buchmesse 2010

„… des vielen Büchermachens ist kein Ende“, stöhnte schon der Kohelet. „Wer soll das alles Lesen?!“ klagten manche Theologiestudenten des Seminars Marienhöhe in den 70er Jahren, wenn sie das Büro des Bibliothekars betraten und all die Neuerwerbungen sahen. Ein Glück, dass Bücher für viele Menschen noch etwas Faszinierendes haben, sonst wäre in diesen Tagen Frankfurt am Main erfüllt mit Jammern und Weinen. Füllt doch die größte Buchmesse der Welt mit 400.000 Büchern und Verlagsprodukten die Regale der fast 8.000 Aussteller aus 111 Ländern. 171.790 m2 werden von 300.000 Besuchern bevölkert.

Diese Woche ist immer wieder beeindruckend. Gutenberg wäre stolz, das zu erleben. Doch seine Kunst fordert noch heute die Mächtigen heraus (die sich oft nur mit dem Machtmittel der Zensur helfen können), trennt und vereint Menschen oder überfordert viele, die vor der Überfülle des Gedruckten kapitulieren. Aber sie bereitet ebenso dem Fortschritt, der Freiheit und der Menschenwürde die Bahn. Natürlich fordert sie seit 550 Jahren den Menschen heraus, aus der Fülle des Wissens zu wählen und zu beurteilen.

„… und viel Studieren macht den Leib müde … alles ist gehört“, setzt der Kohelet pessimistisch fort. Doch der spannende Prozess der Rezeption und Abwehr macht nicht wirklich  müde (noch ist „alles gehört“), sondern ermutigt für die Zukunft.

 

P.S.: Ohne das gedruckte Wort hätte es weder die Reformation noch  die Adventgemeinde gegeben.

 


 

01.10.2010

 

„Einen Planeten in lebensfreundlicher Bahn entdeckt“


Amerikanische Astronomen jubilieren. Gliese 581g - ein Planet im Sternbild Waage - scheint möglicherweise lebensfreundlich für Höhere Lebewesen zu sein. Einige Forscher träumen schon von purpurnen Wäldern und schwarzen Wiesen, beleuchtet von ewigem Abendlicht, wie die Presse berichtet.
Mir würde es schon genügen, wenn die grünen Wälder und Wiesen der Erde erhalten bleiben und wir Menschen lernen, die Ressourcen unseres Planeten fair zu teilen und die Möglichkeiten, die wir haben, intelligent nutzen.
Auch wenn Gliese 581g „nur“ 20 Lichtjahre entfernt ist, benötigen wir unseren Globus noch eine Weile ...

 


 

24.09.2010

 

Selbstbewusste Bescheidenheit

Auch denken wir in Wahrheit nicht,
Gott sei bei uns alleine.
Wir sehen wie so manches Licht
auch anderer Orten scheine.

Da pflegen wir denn froh zu sein
und uns nicht lang zu sperren;
wir dienen ihm und ihm allein,
dem einen großen Herren.


Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, 1700-1760, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine.
Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine, Herrnhut und Bad Boll 1967: 379.

 


„Siebenten-Tags-Adventisten haben niemals behauptet, die einzig wahre Kirche auf Erden zu sein. Wir schreiben Lehren, die wir schätzen, große Bedeutung zu; aber wir haben immer die Meinung vertreten, dass Gott seine Kinder überall dort hat, wo Menschen dem Licht, das sie haben, gehorchen.“


John Nevin Andrews, u.a. Präsident der adventistischen Generalkonferenz, erster adventistischer Missionar in Europa und Namensgeber der heutigen  Andrews-Universität  in Berrien Springs: (R&H 1870).

 


 

10.09.2010

 

„Wie Cherubim und Seraphim“


Ein Jugendorchester macht eine Sommertournee. Ein Eliteorchester - das Gustav Mahler Jugendorchester, die Talentschmiede für europäische Orchester. Nur die besten von jährlich 2.000 Bewerbungen werden in einem strengen Auswahlverfahren aufgenommen und nehmen dann an den verschiedenen Projekten des Orchesters, geschult von den besten Solisten und Dirigenten, teil. Bekannt sind ihre Tourneen durch die großen Konzertsäle weltweit.

Herbert Blomstedt, der Dirigent der diesjährigen Tournee, schwärmte schon vor dem Konzert in der Frankfurter Alten Oper von seinen jungen Leuten. Absolute Professionalität, Hingabe und Begeisterung des Orchesters beeindruckte auch das Publikum des ausverkauften Hauses (selten erlebt man zum Beispiel 12 [!] begeisterte und begeisternde Bässe). Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ und  Anton Bruckners unvollendete 9. Symphonie zogen die Zuhörer in ihren Bann. Großer Jubel. Eindrucksvoll auch das spürbare mitreißende Verhältnis zwischen dem großen alten Dirigenten und den Jugendlichen (bis 26 Jahre). Sie dankten ihm mit einem besonderen Applaus. Mit erfrischender Freude über das gelungene Werk fielen sie sich auch gegenseitig um den Hals. Ein außergewöhnlicher Abend.
P.S.: Im Lehreralltag wünscht man sich bei seinen Schülern öfters diese Begeisterung und Professionalität. Da tut es gut zu erfahren, dass die Orchestermitglieder jenseits ihrer Musik auch ganz einfach Jugendliche sind ...

 


 

 03.09.2010

 

Verantwortung


Ein Mann schreibt ein Buch. Er erklärt in den Medien, er habe ein Anliegen. Er ist Volkswirtschaftler. Er ist promoviert. Das gibt Gewicht. Er ist in einer der wichtigsten wirtschaftlichen Positionen des Landes. Damit kann man Vertrauen heischen. Er war lange Jahre Landespolitiker. Der Mann scheint Erfahrung zu haben. Er bezieht sich mit seinen Thesen auf verschiedene neueste wissenschaftliche Ergebnisse. Allerdings agiert er hier fachfremd. Die zitierten Wissenschaftlicher wehren sich mit Händen und Füßen, so interpretiert zu werden. Der Autor habe die angeführten Quellen und Methoden nicht verstanden. Seine Schlussfolgerungen seien nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch falsch. Der Mann kann das nicht verstehen. Der Mann polarisiert und provoziert. Er macht Angst. Er beleidigt pauschal Minderheiten. Sein Menschenbild macht die Beobachter ratlos. Die gefühlte Respektlosigkeit verwundert ihn. In Bedrängnis erklärt er die am meisten auffälligen Seiten seines Buches als „Satire“ …

Dieser Mann war lange Jahre Landespolitiker. Er ist nicht bekannt geworden, die Probleme, von denen er schreibt, damals angepackt zu haben - obwohl seine Position eine Schlüsselstellung war. Dieser Mann hat es geschafft, dass ein wichtiges Thema fahrlässig am Thema vorbei diskutiert wird. Dieser Mann war Verantwortungsträger. Er ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.

Wer mit mit Menschen arbeitet braucht keine kontraproduktive Populisten oder Selbstdarsteller, wer mit Menschen arbeitet braucht Ermutigung - Tag für Tag.

 


 

27.08.2010


Prioritätenwechsel

Für einen Augenblick hielten die Politik, Medien und Gesellschaft in dieser Woche den Atem an. Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, sich für einige Wochen aus der Politik zurückzuziehen, da er seiner schwerkranken Frau Elke Büdenbender eine Niere spenden werde.
Plötzlich standen Liebe und Beziehung, das Menschsein im Vordergrund, waren die üblichen  „wichtigen Dinge“ in weite Ferne gerückt.

 


 

20.08.2010

 

Unvorstellbare Katastrophe


Die Größenordnung des pakistanischen Unglücks lässt sich kaum erahnen. Jede Hilfe mag entmutigend nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein scheinen. Es ist gut, dass die weltweite Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA auch in diesem Land schon eine gewisse Inrastruktur hat. Laut  APD (20.08.2010) baut sie eine Einsatzzentrale in Rawalpindi/Pakistan auf, ein ärztliches Team des adventistischen Krankenhauses in Karachi konzentriere die medizinische Hilfe ADRAs in der Stadt Nowshera im Norden Pakistans. Von dort aus werde später auch den Menschen in der Provinz Punjab geholfen. In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden soll in Schulen, Ambulatorien und Gemeindezentren eine medizinische Grundversorgung aufgebaut werden. Dazu gehöre auch die Unterweisung in Hygienemaßnahmen, welche Erkrankung verschmutztes Wasser auslösen können und wie derartige Krankheiten zu behandeln sind. Nach Angaben von ADRA verteile das Team Medikamente und kümmere sich um Kinder und Erwachsene, die an Durchfall, Grippe, Malaria, Hautkrankheiten, Augeninfektionen und an Verletzungen leiden. Unterstützt werde das Team durch Mitarbeiter der adventistischen Zahnarztklinik in Peschawar.

 „Das ist die größte Katastrophe in unserer Geschichte“, sagte Mian Iftikhar Hussain, der Informationsminister der Provinz Khyber Pakhtunkhwa im Norwesten Pakistans. Nach Angaben der pakistanischen Regierung seien bereits 1.475 Menschen gestorben und 15,4 Millionen von der Flut betroffen. „Die Ganze Infrastruktur, die wir in den letzten 50 Jahren aufgebaut haben, wurde zerstört“, teilte der Provinzsprecher für Katastrophenhilfe mit.

 An der ADRA-Soforthilfe für Pakistan in Höhe von 102.000 US-Dollar (79.000 Euro) beteiligen sich neben ADRA International die ADRA-Landesorganisationen Australien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Großbritannien, Kanada, Österreich, Niederlande, Neuseeland, Portugal, Finnland und Südkorea, auch ADRA Schweiz hat Hilfe zugesagt.
ADRA Deutschland arbeitet mit dem Bündnis “Aktion Deutschland hilft” zusammen. Nach dessen Angaben sei die Verteilung von 4.000 Decken, 1.000 Hygienepakten sowie Planen und Wellblech zum Bau von Notunterkünften vorgesehen.

 


 

06.08.2010

 

Kuriosa

 

Zufälligerweise fällt der Blick beim Entsorgen von Zeitungen auf einen kleinen Artikel: auch in der Schweiz wird ein Burka-Verbot diskutiert. Nein, eine Burka-Verschleierte hat kaum jemand in der Eidgenossenschaft gesehen, wie die Außenministerin Micheline Calmy-Rey, deutlich machte, daher gäbe es kein Burka-Problem. Das sehen anscheinend einige in Genf - der Stadt der UNO, der Ökumene, des Roten Kreuzes ... - anders. Man könne doch das seit 1875 in der Stadt Calvins bestehende Verbot für katholische Würdenträger, in der Öffentlichkeit des Kantons Soutane zu tragen, auf die Burka anwenden oder erweitern. Nein, einheimische Burkaträgerinnen hat wohl noch niemand in Genf gesichtet, jedoch kommen jedes Jahr unzählige Scheichs mit verschleierten Frauen, um ordentlich Geld auszugeben. Die hätten jedoch nichts zu befürchten: das Soutane-Verbot gilt nur für Einheimische ...

 


 

30.07.2010

 

Versöhnung nach 500 Jahren

Philipp der Großmütige, Landgraf von Hessen, der im Gegensatz zu den anderen Fürsten und den Reformatoren Luther und Melanchthon, gegen die Todesstrafe für die Täufer plädierte und in seinem Territorium Toleranz und Ausgleich praktizierte, hätte seine Freude - hat sich doch der Lutherische Weltbund (LWB) auf seiner Vollversammlung in München vor wenigen Tagen mit der Bitte um Vergebung für die Verfolgung der Täufer an die Mennoniten gewandt.

Dies geschah nach mehrjährigen Konsultationen. Die Mennoniten sind die direkten Erben der Täuferbewegung der Reformationszeit, auch die meisten Freikirchen (Baptisten, Adventisten u.a.) haben dort viele Wurzeln, so in der Tauffrage oder (partiell) in dem Pazifismus.
Die verschiedentliche Verdammung der Täufer im Augsburger Bekenntnis von 1530 und anderen reformatorischen Schriften wird bleiben, soll aber neu gelesen und interpretiert werden.

So ist das mit den Traditionen.

 

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ERKLÄRUNG

Beschlussfassung zum lutherischen Erbe der Verfolgung der „Anabaptisten”


Wenn Lutheranerinnen und Lutheraner sich heute mit der Geschichte der Beziehungen zwischen Lutheranern und Mennoniten im 16. Jahrhundert und danach beschäftigen, wie sie im Bericht der Internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommission dargestellt wird, empfinden sie tiefes Bedauern und Schmerz über die Verfolgung der Täufer durch lutherische Obrigkeiten und besonders darüber, dass lutherische Reformatoren diese Verfolgung theologisch unterstützt haben. Deshalb will der Rat des Lutherischen Weltbunds im Namen der weltweiten lutherischen Familie öffentlich sein tiefes Bedauern und seine Betrübnis darüber zum Ausdruck bringen.
Im Vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte, bitten wir deshalb Gott und unsere mennonitischen Schwestern und Brüder um Vergebung für das Leiden, das unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert den Täufern zugefügt haben, für das Vergessen oder Ignorieren dieser Verfolgung in den folgenden Jahrhunderten und für alle unzutreffenden, irreführenden und verletzenden Darstellungen der Täufer und Mennoniten, die lutherische AutorenInnen bis heute in wissenschaftlicher oder nichtwissenschaftlicher Form verbreitet haben.
Wir bitten Gott, dass er unseren Gemeinschaften Heilung der Erinnerungen und Versöhnung schenken möge.

Wir verpflichten uns,
die lutherischen Bekenntnisschriften im Licht der gemeinsam beschriebenen Geschichte von Lutheranern und Mennoniten zu interpretieren;
dafür Sorge zu tragen, dass diese Entscheidung des Lutherischen Weltbunds Einfluss darauf hat, wie die lutherischen Bekenntnisse an den Hochschulen und in anderen Bereichen des kirchlichen Unterrichts gelehrt werden;
die Untersuchung von bisher ungelösten Fragen zwischen unseren beiden Traditionen im Geist wechselseitiger Offenheit und Lernbereitschaft fortzuführen, vor allem was die Taufe und das Verhältnis von Christen und Kirche zum Staat betrifft;
den gegenwärtigen Konsens, der in den Erfahrungen unserer Kirchen über Jahrhunderte gewonnen worden ist, zu bekräftigen, dass der Gebrauch der Staatsgewalt zum Ausschließen oder Aufzwingen bestimmter religiöser Überzeugungen zu verwerfen ist; uns dafür einzusetzen, dass Religions- und Gewissensfreiheit in den politischen Ordnungen und in den Gesellschaften gewahrt und aufrechterhalten werden;
unsere Kirchen und vor allem die Ortsgemeinden anzuspornen, Wege zu suchen, um die Beziehungen zu mennonitischen Gemeinden fortzuführen und zu vertiefen durch gemeinsame Gottesdienste und Bibelstudien, durch gemeinsames humanitäres Engagement und durch gemeinsame Arbeit für den Frieden.


Der im Juli 2010 stattfindenden Elften LWB Vollversammlung vom LWB-Rat im Oktober 2009 zur Beschlussfassung empfohlen.

 


 

23.07.2010


Argonner Wald

Die Argonnen - ein liebliches, grünes Hügelland. Wälder, Wiesen, Felder, Flüsse, kleine Dörfer und Städte - eine friedliche Gegend, ideal zum Auspannen, Wandern, Fahrradfahren …

Doch die Gegend zwischen der Champagne und Lothringen war stets umkämpft. Schon Goethe war bei der Kanonade von Valmy dabei. Der Argonner Wald selbst war allerdings eher von Kämpfen ausgespart. Das änderte sich im 1. Weltkrieg drastisch. Deutsche und französische Truppen krallten sich hier fest, gruben sich ein, schufen Tunnel und Befestigungen. Am Ende blieb eine Mondlandschaft, die heute gnädig vom Wald bedeckt wird. Über eine halbe Million Soldaten fielen allein in einem nur 18 km langen Bereich des Argonner Waldes direkt den Kämpfen zum Opfer - genauer: krepierten (viele Verwundete starben später, Antibiotika gab es noch nicht, Abertausende waren für ihr Leben gezeichnet).

Unzählige der Toten wurden nie gefunden, beziehungsweise finden sich immer noch. 50 Tonnen Stahlsplitter sollen in dem Bereich pro Hektar in der mehrfach umgepflügten Erde liegen. Unzählige Reste der Kriegs-Infrastruktur sind noch sichtbar („Kronprinz-Abris“, „Kaisertunnel“) - und vor allem Gräber und Denkmäler.

Das Elend des täglichen Kampfes in Schlamm, Laufgräben und Stacheldraht, die Hölle der industriellen Kriegsführung, der Zynismus der Heerführer und schließlich die Erschöpfung der kriegsführenden Parteien hat zwar eine ganze Generation von Männern traumatisiert, aber den 2. Weltkrieg nicht verhindert. Erst danach geschah das Wunder der Aussöhnung von Deutschen und Franzosen.


 

16.07.2010

 

Montmédy

 

Das STUFEN-Bild der Woche (auf der AWA-Startseite) zeigt verschiede Treppen in einer friedlichen grünen Sommerlandschaft. Wer dort steht, kann weit ins Land schauen. Hier möchte man bleiben. Jedoch war dieser Ort viele Jahrhunderte kein Platz des Friedens, sondern des Krieges. Um die Stadt, Burg und spätere Festung Montmédy kämpften nicht erst Karolinger, Burgunder, Habsburger oder Franzosen, wie überhaupt der größte Teil Lothringens ein immerwährender Zankapfel war. So kämpften Deutsche und Franzosen 1870/71 um die von Vauban ausgebaute Zitadelle, wie auch im 1. und 2. Weltkrieg.

Heute dient dieser Ort eher als bröckelndes Monument der Sinnlosigkeit von Kriegen. Wieder einmal wird deutlich, dass Burgen, Festungen, Wälle, Mauern oder Gräben nicht von Dauer sind. Ob die sumerische Martu-Mauer gegen die in Mesopotamien eindringenden Beduinen oder der Limes oder die chinesische Mauer oder der „Eiserne Vorhang“ - sie eint nachhaltige Erfolglosigkeit. Der Limes und die chinesische Mauer schafften es wenigstens zum UNESCO-Kulturerbe.

Mauern, Wälle, Gräben schaffen keinen Frieden - das können nur Menschen im bewussten Miteinander.

 


 

09.07.2010

 

Fundsache 2

Die Ferien erlauben das Aufräumen und Sortieren. Dabei fiel mir wieder ein Zitat aus einer Religionsklausur eines Kurses der 12. Jahrgangsstufe von 2008 in die Hände. Die Schülerin beantwortete die Frage, was man unter der Feministischen Theologie verstünde, kurz und bündig:


„Die Feministische Theologie beschäftigt sich mit der Erforschung der Bibel mit feministischen Hintergedanken.“




 

02.07.2010

 

Fundsache 1

 

"Es ist besser, wir irren auf dem Wege der Barmherzigkeit als auf dem Wege zu starrer Gesetzlichkeit."

 

(G.W. Schubert, Vorsteher der Mitteleuropäischen Division der STA, auf einer Predigertagung in Friedensau 1934)

 

 


 

25.06.2010

 

Von Jan Paulsen zu Ted Wilson

 

Die Vollversammlung der Generalkonferenz, die Weltsynode der Siebenten-Tags-Adventisten, wählte heute den 60jährigen Ted Wilson,  bisher einer der Vizepräsidenten der Generalkonferenz, zum neuen Präsidenten der Wahlperiode bis 2015. Die Ära von Jan Paulsen (seit 1999), einem Norweger, Dr. theol der Universität Tübingen, der nun mit 75 Jahren in den Ruhestand ging, ist damit unwideruflich zu Ende.

Ted Wilson, so seine Kritiker, verkörpere eine konservative Wende. Die ersten Stellungnahmen des Neugewählten scheinen dies zu bestätigen. Es wird berichtet, dass die Freude so mancher konservativen Leitfiguren groß sei, sie hofften u.a. auf eine weitere Verengung der kreationistischen Position der Kirche, Verschiebung der Frage der Ordination der Frauen im Pastorendienst, deutlichere Position gegen Lesben und Schwule in der Kirche ...

Immerhin hat der neue Präsident schon im ersten Statement vor der historisch-kritischen Auslegung der Bibel gewarnt.

Ob die Positionen Ted Wilsons es schaffen, die Einheit des weltweiten und vielfältigen Adventismus zu erhalten, oder ob alle Blütenträume der Konservativen wahr werden, mag die Zeit entscheiden. Mit mehr als 16 Millionen getaufter Mitglieder (nach volkskichlicher Zählung mindesten doppelt so viele) ist die Kirche in einer Position, die es nicht so einfach macht, vom rechten Rand her zu "regieren".

In der Frauenfrage zumindest bröckelt die Einheit. In einigen amerikanischen Gebieten werden Frauen ohne wenn und aber vollgültig ordiniert, in ganz China ebenfalls: dort sind mehr als die Hälfte der adventistischen Pastoren Frauen.

Quo vadis Adventgemeinde? Die STUFEN werden es verfolgen.

 


 

11.06.2010

 

Gericht bestätigt mögliche Unmöglichkeit

Eigenartig, nach dem Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche kann die Zugehörigkeit eines getauften Katholiken zu seiner Kirche eigentlich gar nicht beendet werden, wie auch vor einiger Zeit der Vatikan bestätigte. Dennoch muss es - da von den ehemaligen Staatskirchen die Möglichkeit der Einziehung einer Kirchensteuer durch den Staat genutzt wird - einen für den Staat gültigen Kirchenaustritt geben. Das geschieht - je nach Vertrag mit den Kirchen - in der Regel beim Amtsgericht.

Ein katholischer Kirchenrechtler wollte sich jüngst diese Diskrepanz zunutze machen und lediglich aus der deutschen römisch-katholischen „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ austreten. Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte jedoch, Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer gehörten zusammen.

So entschied denn auch Anfang Mai der Baden-Württembergische Verwaltungsgerichtshof (anders als vorher das Verwaltungsgericht Freiburg). Die innerkirchliche Bedeutung des für den Staat entscheidenden Kirchenaustritts sei allein Sache der Kirche.

Die ebenfalls als Körperschaften des öffentlichen Rechts verfassten Freikirchen (wie u.a. Baptisten, Methodisten oder Siebenten-Tags-Adventisten) haben nicht dieses Problem. Ihr Prinzip der Trennung von Kirche und Staat und der Freiwilligkeit auch bei Spenden und Gaben lässt sie vom (möglichen) Kirchensteuereinzug Abstand nehmen.

So heißt es in der adventistischen Gemeindeordnung (Ausgabe 2006, Lüneburg: S.45f.) ausdrücklich, dass niemand wegen Nichtteilnahme an Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen oder Nichtzahlen von Zehnten, Spenden und Gaben die Mitgliedschaft entzogen werden darf (schließlich sei die Zugehörigkeit zur Gemeinde „in erster Linie eine geistliche Angelegenheit“)!

 


 

04.06.2010

 

Kontrastprogramm

 

Frankfurt am Main. Die Stadt in der man sich seit mehr als 1.200 Jahren trifft. Zentral gelegen, schon immer multikulturell, heute mit Bewohnern aus mehr als 180 Nationen mit mehr als 200 Muttersprachen. Die ehemalige Freie Reichsstadt, Wahl und Krönungsort der deutschen Kaiser und Könige, Sitz des ersten gesamtdeutschen Parlaments (1848/49) mit der Verkündigung der Grundrechte (z.B. Religionsfreiheit, absolute Trennung von Kirche und Staat), seit Jahrhunderten wichtigste Messestadt Deutschlands, eine Stadt schon immer selbstbewusster Bürgerinnen und Bürger. Mit dem TGV und ICE ist man in knapp vier Stunden in Paris oder mit dem ICE-“Sprinter“ in Berlin. Hamburg und München sind gleichweit entfernt.

 Kontrastprogramm Borkum. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Schulzentrums Marienhöhe (Darmstadt), zum Teil mit Familien, haben die schöne Nordseeinsel - auf Grund der guten Erfahrungen vor vier Jahren - als Ziel für einige Tage (ganzheitlicher) Fortbildung erkoren. Bus, Fähre, Inselbahn - 10 Stunden unterwegs, dann endlich im evangelischen Familienzentrum „Marienhof“.

Ich bin kein Inselmensch. Es wäre mir auf Dauer vielseitig zu eng. Der Blick geht über das Wasser nur bis zur Erdkrümmung, das Eiland ist (zumindest vordergründig) schnell erforscht, die Erreichbarkeit sehr vom Wetter abhängig. Wer hier ganzjährig wohnt und arbeitet, lebt mehr als anderswo in einer begrenzten, überschaubaren Welt, mit all ihren Vor- und Nachteilen.

 Marienhöhe wird gelegentlich mit einer Insel verglichen. Insulaner fahren also auf eine Insel, besser: auf eine andere Insel? Auch das würde zwar erstaunlicher Weise Sinn machen. Doch Marienhöhe ist keine Insel, sondern vielseitig erreichbares Festland - mit all den Vorteilen und Herausforderungen.

Deshalb ist Borkum tatsächlich ein Kontrastprogramm. Während man sich durch die vielfältigen Aufgaben auf der Marienhöhe zwangsläufig nicht so häufig trifft wie man es sich von außen vorstellen könnte, hat man hier in einem reduzierten Umfeld die Möglichkeit der Begegnung, lernt einander außerhalb des gewohnten Kontextes kennen. Das fördert die Gemeinschaft, die man braucht, um gemeinsam das Projekt Marienhöhe zu tragen. Und adventistisch-egalitär lernt man voneinander und miteinander, unabhängig von der beruflichen Aufgabe an der Schule. Manche Fragen beantworten sich in diesem Umfeld viel gelassener als in der üblichen Hektik. Sogar das Wetter ist dem vielfältigen Atemholen gnädig.

 Ich genieße die Insel (und den Sabbatanfang hier) - und freue mich auf Frankfurt am Main und auf die alltäglichen spannenden Herausforderungen des Schulzentrums Marienhöhe in Darmstadt.

 


 

21.05.2010


Amos wo bist Du?

Deutschland hat in dieser Woche u.a. ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen aus Euro-Ländern und die entsprechenden hochspekulativen Wetten untersagt.

In den Medien erklären Banker unisono, diese Geschäfte würden nicht gebraucht, sie seien ohnehin ethisch bedenklich, das Verbot eigentlich richtig - jedoch führe der deutsche Sololauf nur dazu, dass jetzt die Banken im Ausland allein das Geschäft machten …

 


 

07.05.2010

 

Adam wo bist Du?

Es war kurz vor meiner Schulzeit: Kinderfreizeit im damaligen Seminar Neandertal (heute Altersheim), meine Mutter war eine der Betreuerinnen.
Das nach dem Liederdichter benannte Neandertal wurde durch den ersten Fund eines Neandertalers weltbekannt. So war es auch für die Kindergruppe obligatorisch, das (damals) kleine Museum über den Homo neanderthalensis zu besuchen. Doch die Begegnung mit dem „Verwandten“ stürzte die Kinder-Betreuer/innen in Ratlosigkeit. Wie hingt das bloß mit der Schöpfung zusammen?
Viele Jahre später, in meiner Marienhöher Studienzeit, besuchte ein adventistischer Vereinigungsvorsteher die Jugendstunde am Freitagabend. Er stellte sich als „alter Neandertaler“ vor. Das seit den 50er Jahren mit der Marienhöhe fusionierte Seminar Neandertal war den Zuhörern nicht mehr bekannt. So nahm das Gelächter in der überfüllten Aula kein Ende, der arme Prediger wusste gar nicht warum. Immerhin regte das Thema „Neandertaler“ zu langen Diskussionen im kleinen Kreis vor allem über das Thema „Menschenbild/Gottesbild“ an.
Inzwischen ist die Neandertaler-Forschung weit fortgeschritten, viele Funde und deren Kontext haben das Bild dieses faszinierenden, wohl vor etwa 28.000 Jahren verstorbenen Menschen erhellt. Bisher galt es als sicher, dass Neandertaler und der moderne Mensch wohl zeitweise nebeneinander lebten, aber sich nicht vermischt hätten.
Jetzt melden die Medien, die neuesten Gen-Untersuchen würden für die Europäer und einige asiatische Populationen durchaus von einer gelegentlichen Vermischung ausgehen. Durch  diesen „Seitensprung“ (FAZ) sollen ein bis vier Prozent unseres Genoms vom Neandertaler stammen. Spannend. Die Forschung geht weiter.
 


 

30.04.2010


So wahr mir Gott helfe …

Als die türkischstämmiige neue Sozialministerin Niedersachsens vor ihrem Amtsantritt in einem Interview erklärte, religiöse Symbole wie das Kruzifix gehörten nicht in die Schulen des weltanschaulich neutralen Staates, war bei vielen ihrer CDU-Parteifreunden der Protest groß. Dass das Bundesverfassungsgericht das schon 1995 festgestellt hat und dass Frau Özkan auch das Kopftuch als religiöses Symbol in Schulen nicht tolerieren möchte, ging in der Aufregung unter.

Eigentlich müsste die Welt derer, die immer noch im Geist des Staatskirchentums denken, mit der Amtseinführung der neuen Ministerin zufrieden sein, hat sie doch sogar den Amtseid mit dem Zusatz der Gottesformel „So wahr mir Gott helfe“ benutzt. Aber das passt den Gralshütern der Tradition auch nicht, denn wenn sie dies als Muslima schwöre, meine sie doch einen anderen Gott, habe zumindest ein „unspezifisches Gottesbild“ …
Frau Özkan beruft sich auf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der allen drei monotheistischen Religionen heilig sei.

Das Grundgesetz gibt keine theologischen Ausführungsbestimmungen zum Gottesbild des Eides. Gott sei Dank. So darf getrost jeder sein Gottesbild meinen, denn dieser Schwur ist eine ganz persönliche Angelegenheit.

Bisher wurden immer diejenigen von verschiedenen kirchlichen Würdenträgern und sogar vom „Wort zum Sonntag“ angegriffen, die diesen Eid ohne Zusatz sprachen. Jetzt will man dem Einzelnen auch noch das Gottesbild vorschreiben - und das in einem weltanschaulich neutralen Staat!

 Schon Bundespräsident Gustav Heinemann als bekennender evangelischer Christ und Minister Jürgen Schmude, von 1985-2003 Präses des Evangelischen Kirchentages, wiesen auf die Bergpredigt hin, in der Jesus das Schwören ablehnt. Vielleicht sollte man es dabei belassen.

 


 

23.04.2010


Gedanken zum Sabbat heute auf der AWA-Frühjahrstagung im Bergheim Mühlenrahmede

 


 

16.04.2010

 

Stille Nacht

Der Ausbau des Frankfurter Flughafens ist seit Jahren umstritten. Ein zukünftiges Nachtflugverbot wurde in einem Mediationsverfahren vereinbart, denn große Bereiche des Rhein-Main-Gebiets liegen unter einem massiven Lärmteppich, der die Lebensqualität der Menschen stark beeinträchtigt. Von dieser Vereinbarung abgerückt steht die hessische Landesregierung nun in gerichtlicher Auseinandersetzung.
Jetzt der Vulkanausbruch in Island. Das hochtechnisierte Europa ist lahmgelegt. Stille Nacht über Rhein-Main. Zum ersten Mal erleben viele Menschen, wie es sein könnte … Das Nachflugverbot aufzuweichen dürfte in Zukunft noch schwerer fallen.
Übrigens erklärten Wissenschaftler, der Eyjafalla-Gletscher-Vulkan könne durchaus noch ein Jahr, so die Erfahrungen vor 200 Jahren beim letzten Ausbruch, in dieser Weise weitermachen. Möglicherweise regt sich auch schon der Nachbarvulkan.

 


 

09.04.2010

 

Bericht auf der Hompage von Spectrum (Zeitschrift des Adventist Forum, der amerikanischen Schwesterorganisation des AWA, siehe unter Links) vom 7 April 2010:

BREAKING: Eight Men Veto Women's Ordination


By Bonnie Dwyer (Editor)

SILVER SPRING—In a statement to the General Conference Executive Committee on April 6, President Jan Paulsen told the delegates that after the division presidents surveyed their divisions on the topic of women's ordination, the issue received a negative vote. Therefore, he stated, there is no basis to bring a statement on the issue to a vote at the upcoming General Conference session in Atlanta.

By way of explanation, President Paulsen said that comments made at the 2009 Annual Council meeting seemed to indicate that changes had occurred in the way the issue is now viewed. Thus, it was placed on the agenda for the President's Executive Administrative Council in January 2010. After a full discussion there, it was agreed that what was needed was to take the pulse of the church on what is taking place at the local level. Thus, on April 6, Paulsen asked the world division presidents to poll their territories on two questions:
1. Has there been a change in your division on how this issue is viewed?
2. Would it impact the work in your part of the world if ordination of women was done elsewhere?

He received answers from 11 of the 13 division presidents.
Three said that they were ready to ordain women in significant portions of their divisions. Eight described the extent to which women were being used in leadership positions in their divisions, but said they would not ordain women and they would be negatively impacted if ordination were done elsewhere.

Because of the responses to this survey of eleven, Paulsen said there is no basis to bring a statement to the General Conference session this summer. In closing, Paulsen said that we are not where we were ten years ago, and perhaps the next generation will address the issue differently.
There was no discussion following his statement.

 

(Siehe auch den Bericht von ANN: http://news.adventist.org)
 


  

02.04.2010

 

Ostern 1722


Zu Ostern 1722 entdeckte der Holländer Jakob Roggeveen die von ihm so benannte Osterinsel für die Europäer. Carl Friedrich Behrens aus Rostock setzte vier Tage später als erstes Mitglied der Schiffscrew den Fuß auf das einsame Eiland, das die Insulaner selbst Rapa Nui nannten. Die eindrucksvollen Kollossalstatuen Moais kündeten von einer Kultur, die ihren Höhepunkt längst überschritten hatte. Entwaldung, ökologische Übernutzung, Bürgerkriege, wohl auch religiöse Auseinandersetzungen und möglicherweise Kannibalismus … Auch wenn sie gewollt hätten - die Nachfahren der einstmals übers Meer aus Polynesien gekommenen Siedler hatten durch den Raubbau ihrer Lebensgrundlagen keine Möglichkeit mehr, mit meerestüchtigen Fahrzeugen ihrem Elend zu entfliehen, die Einwohnerzahl sank von 10.000-15.000 Menschen auf 2.000-3000 bei der Ankunft der Europäer.
Damit war die Leidenszeit nicht vorüber, ganz im Gegenteil: die Entdeckung durch die arroganten und aggressiven Weißen brachte Ostern 1722 gleich 12 Insulanern den Tod. Die verschiedenen Schiffsbesuche und der Kolonialismus führten dazu, dass 1877 nur noch 111 Insulaner gezählt wurden.

Thor Heyerdahls Expedition brachte 1955/56 die Insel in das Bewusstsein der Welt. Chile hob in den 60ern das Kriegsrecht auf, mit dem seit 1888 regiert wurde, die Insulaner wurden gleichberechtigte Staatsbürger, von derzeit etwa 4.000 Einwohnern gehören 60% zu den Nachkommen der Ureinwohner.

 Heute lockt die Insel - seit 1995 UNESCO-Weltkulturerbe -  mit dem Hauch des Rätselhaften viele Touristen an, der erfolgreiche Spielfilm von Kevin Costner „Rapa Nui - Rebellion im Paradies“ nimmt diesen Mikrokosmos als Beispiel für eine Welt, die mit dem Raubbau an ihren Resourcen sich selbst zugrunde richtet.

Einer der beiden anlässlich der großartigen Senckenbergberg-Ausstellung 1989 nach Frankfurt verbrachten Abgüsse von Moais steht heute idyllisch im Palmengarten, für mich immer wieder ein besonderes DENK-mal, an der Aufgabe der Bewahrung der Schöpfung mitzuarbeiten.

 

(Foto: Moai im Palmengarten, Frankfurt am Main 02.04.2010 wb)

 


 

26.03.2010


Thomas Jefferson in Texas nicht mehr gefragt

Die konservative republikanische Mehrheit im Ausschuss der Erziehungsbehörde in Texas, die für die Schulbücher die Rahmenbedingungen festlegt, hat jetzt Thomas Jefferson - den wohl einflussreichsten der Gründungsväter der USA und späteren Präsidenten - aus der Liste der Persönlichkeiten gestrichen, die das politische Denken des späten 18. und 19. Jahrhunderts beeinflusst haben. Dafür wurden Thomas von Aquin (1225-1274) und Johannes Calvin (1509-1564) nominiert. Denn Jefferson prägte den Begriff „Trennung von Kirche und Staat“. Der ist aber im fundamentalistisch-christlichen Bible Belt bei vielen Evangelikalen suspekt. Die alte unheilvolle Versuchung, Religion mit staatlicher Hilfe zu verbinden, hat sich bis ins 21. Jahrhundert gerettet. Gott sei Dank - Texas (Staatsmotto: „Friendship“) ist nicht überall.
(Siehe auch Karl Grobe, „Präsident auf der Streichliste“, FR 22.03.2010)

 


 

19.03.2010


Missverständnis

Die 1863 in den USA gegründete Seventh-day Adventist Church hatte zu ihrer Entstehungszeit mit zwei Problemen zu kämpfen: Der amerikanische Bürgerkrieg betraf plötzlich die eher pazifistisch gesinnte Gruppe (sie erreichte für ihre Mitglieder den „Nichtkämpfer-Status"), und in einigen Bundesstaaten gab es aus verschiedenen Gründen und mit unterschiedlichem Erfolg Bestrebungen, die Sonntagsruhe gesetzlich zu verschärfen.

In einer Zeit der 60-Stunden-Woche empfanden dies daher viele der betroffenen Adventisten als Affront. Sie sahen darin eine Unterdrückung ihrer Religionsausübung, denn „sechs Tage sollst Du arbeiten“. Ein sonntägliches Arbeitsverbot, so die Überzeugung, zwänge sie nicht nur zum Halten des „falschen“ Ruhetages, sondern - da sie ja am Sabbat ruhten - auch zu materiellen Mindereinnahmen, weil sie ihre Geschäfte oder Werkstätten an zwei Tagen schlossen und Arbeitssuche schwieriger wurde.

Die „Sunday Laws“ prägten sich tief in das adventistische Bewusstsein ein, man verband sie mit  zukünftigen endzeitlichen Auseinandersetzungen um den „wahren“, den biblischen Sabbat.

Für die Adventisten in Europa sah es etwas anders aus. Hier herrschten in den meisten Ländern strenge Sonntagsgesetze. Das war man gewohnt. So verstand man unter den in mancher adventistischen Literatur prognostizierten Sonntagsgesetzen, die alle Sabbathalter unterdrücken würden, eher Gesetze, die das Halten des Sabbats verhindern würden. In meiner Kindheit wurde daher oft über die Sonntagsgesetze gepredigt, gemeint wurde der Sabbat. In Zeugnisstunden und auch oft genug in der Literatur (wie auch in privaten Gesprächen) wurde das standhafte Einhalten der Sabbatruhe gewürdigt.

Sicherlich gab es auch einzelne Adventisten, die dem Staat das Recht absprachen, Feiertage festzulegen (der einzige echte Feiertag sei der Sabbat) und dam 1. Weihnachtstag oder anderen Feiertagen draußen demonstrativ und provokativ Teppiche klopften etc. Das entsprach aber nicht dem allgemeinen Verständnis der Gemeindeglieder („Bruder XY ist etwas extrem!“) - sie wollten einfach nur in Ruhe ihren Sabbat feiern und gönnten den Mitbürgern ihren Feiertag, auch wenn man gern mit ihnen engagiert über das Thema Sabbat-Sonntag diskutierte.

So wurde auch der Mut des aus den USA von 1888-1889 als Leiter des adventistischen Verlagshaus in Basel gesandten H.P. Holser vor allem in seiner Heimat gewürdigt. Er ließ - als Glaubenszeugnis - die laute Druckerei mit geöffneten Fenstern an den Sonntagen arbeiten. Das führte zu Geldstrafen und schließlich zu Gefängnis. Er konnte auch mit neun Thesen die Schweizer Behörden und Gerichte nicht umstimmen (aus These 1: „Meine gewöhnliche Arbeit am Sonntag niederzulegen betrachte ich als Anerkennung einer nebenbuhlerischen Einrichtung von Gottes Sabbat.“) Das Verhältnis zu den Basler Polizeibehörden war so gestört, dass der Verlag 1894/95 nach Hamburg verlegt werden musste. Dort arbeitete man zwar auch am Sonntag - aber still, im Respekt vor den Nachbarn. Die Druckmaschinen schwiegen.

Heute ist das Feiertagsproblem tiefer - durch die Liberalisierung der Sonntagsgesetze in Deutschland und die Zunahme der Schichtarbeit (auch durch die neuen Ladenschlussgesetze) verliert so langsam die Sieben-Tage-Woche mit ihrem regelmäßigen Wechsel von Arbeit und Ruhe an Bedeutung.
Die von den sonntaghaltenden Kirchen ausgerufene Kampagne „Rettet den Sonntag“ versucht dem ein wenig gegenzusteuern. Nein, das geht nicht gegen den Sabbat - aber es berührt ihn: Ohne Sonntag kein Sabbat. Das biblische Sabbatprinzip eint Sabbat- wie Sonntagshalter. Die Interessen sind die gleichen, auch wenn der Feiertag unterschiedlich ist. Über den mag man sich trefflich theologisch streiten - aber zur Erhaltung der Sieben-Tage-Woche sollte die adventistische Solidarität nicht fehlen.



 

12.03.2010


„… wer ein solches Kind aufnimmt …“ (Mt. 18,5)


Wie die Medien berichten, sollen Kinder von illegal nach Deutschland Eingewanderten einen Rechtsanspruch auf einen Schulbesuch bekommen. Dies bekräftigte die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU). Dieses Recht müsse in den Schulgesetzen der Bundesländer verankert werden. Dafür wolle sie sich bei der Kultusministerkonferenz einsetzen. Die schwarz-gelbe Bundesregierung habe im Koalitionsvertrag vereinbart, dass das Aufenthaltsgesetz entsprechend geändert werde: Schulen sollen von der Pflicht ausgenommen werden, den Behörden zu melden, wenn sie von illegal in Deutschland lebenden Ausländern erfahren. Böhmer will zudem den Besuch des Kindergartens ermöglichen.

Schon im November 2009 vermeldete das hessische Kultusministerium in seinem Eltern-Info, dass Kinder von statuslosen Eltern in Hessen künftig die Schule besuchen dürfen. Die Landesregierung habe dabei einen Weg eingeschlagen, „der den Kindern einerseits den Schulbesuch möglich macht, ihren Aufenthaltsstatus aber nicht verfestigt“, erklärte Kultusministerin Dorothea Henzler.

Zu diesem Zweck muss die „Verordnung zum Schulbesuch von Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache“ geändert werden. Danach sollen Schülerinnen und Schüler, die nicht schulpflichtig sind, aber ihren tatsächlichen Aufenthalt in Hessen haben, zum Schulbesuch berechtigt sein. Die Aufnahme in einer Schule würde zudem nicht mehr ausdrücklich die Vorlage einer gültigen Meldebescheinigung erfordern.

„Damit schaffen wir für die Schulleiterinnen und Schulleiter Rechtssicherheit, ohne dass die Organisation des Schulbetriebes gestört wird, und wir geben den Kindern gleichzeitig die Chance, am Unterricht teilzunehmen“, erklärte Henzler, es sei nunmehr eine tragfähige und pragmatische Lösung im Sinne der Kinder gefunden worden sei. Für diese Verordnung sei das Beteiligungsverfahren eingeleitet.

Es grenzt an ein Wunder, dass hier Status- und Rechtsfragen in Zukunft im Sinne der Menschlichkeit nicht an den Schwächsten, den Kindern ausgelassen werden. Allein im Rhein-Main-Gebiet vermutet man bis zu 4.000 dieser Kinder.
 


 

05.03.2010

 

Abschied vom Alten Schülerheim der Marienhöhe (Darmstadt)

 

 

 

           

1924 in Leichtbauweise errichtet, war das Alte Schülerheim fast neun Jahrzehnte zeitweiliger Lebensmittelpunkt von vielen Menschen. Ein neueus Schulgebäude wird an dieser Stelle entstehen. (Foto: Sammlung Pro Marienhöhe)

 

Das Türmchen wird bleiben

(Foto: wb)

 

19.02.2010 

(Foto: wb)

 

 

03.03.2010

(Foto: wb)

 


 

19.02.2010


Zweiter Wohnsitz

Menschen, Orte, Gemeinschaft - Stätten auch der Erinnerung. Mühlenrahmede ist so ein Ort. Mit den Baracken (jetzt oberhalb des Bergheims) in Evingsen begann es. Kinderfreizeit. Dann die begeisternde Botschaft: Es wird ein adventistisches Jugendheim gebaut. Den Baustein sparte sich der 14jährige vom Taschengeld ab. Und dann endlich die Einweihung 1961, als Trompeter dabei.

Von diesem Zeitpunkt wurde das Bergheim nicht nur für die Adventisten des Westdeutschen Verbandes zum Mittelpunkt vielfältiger Aktivitäten für alt und jung. Unzählige Bläsertagungen, Jugendfreizeiten, Lehrgänge, Seminare, Familientreffen und -feiern sowie allein 22 AWA-Tagungen gehören zu meinem Erinnerungsfundus. Begegnungen mit Menschen aus vielen Ländern. Hätte ich einen 2. Wohnsitz, dann wäre es wohl das Bergheim.

Erfreulich die gute Atmosphäre des Hauses und die permanente Erneuerung und Modernisierung. Und immer wieder nehmen neue Generationen das Haus in „ihren“ Besitz.

Die kurze Stippvisite an diesem Wochenende stimmte mich nostalgisch und optimistisch. In Zeiten, in denen die großen Kirchen immer mehr Tagungshäuser schließen, ist es es toll, dass es das Bergheim immer noch gibt! Und vom 23.-25. April findet die nächste AWA-Tagung dort statt!

 

 

 

   
     

 


 

12.02.2010


Adventistische Generalkonferenz hält die geplanten Anti-Homosexuellen-Gesetze in Uganda nicht vereinbar mit den Grundwerten der Kirche


Irritierende Meldungen aus der Weltpresse: Adventisten unterstützen angeblich eine Parlamentsinitiative in Uganda, Homosexualität (und die Duldung und das Wissen darüber von anderen) unter harte Strafen - bis zu lebenslänglich oder Todesstrafe - zu stellen. Diese Gesetzesnovelle sei von etwa 200 katholischen, orthodoxen, adventistischen und evangelikalen Geistlichen unterstützt worden (die Todesstrafe ausgenommen). In der Tat scheint sich wohl der Vorsteher der über 300.000 Adventisten Ugandas (bei etwa 30 Millionen Einwohnern) dahingehend geäußert zu haben.

 Darüber erschreckt, hat die adventistische Weltkirchenleitung (Generalkonferenz) eine offizielle Erklärung dazu herausgegeben: „Die Kirchenleitung hat mit Sorge einige Aussagen zur Kenntnis genommen, die Berichten zufolge von dem derzeitigen Vorsteher des ugandischen Missionsverbandes in Verbindung mit der Gesetzesvorlage bezüglich der Anti-Homosexualität, die zurzeit geprüft wird, gemacht wurden. Diese Auffassungen entsprechen nicht den Grundwerten der Kirche, wie aus veröffentlichten Erklärungen zu demselben sexuellen Verhalten zu ersehen ist. Siebenten-Tags-Adventisten treten weiterhin für die gleiche Würde und die gleichen Rechte aller Menschen ein, wie dies in den entsprechenden internationalen Menschenrechtserklärungen und -abkommen formuliert wurde.” (Übersetzung  EANN)

 Gerade Adventisten stehen seit ihrer Gründung für Trennung von Kirche und Staat, Menschenrechte und Religionsfreiheit. Jedoch mag die die traditionelle adventistische theologische Haltung (zuletzt 1999 erklärt), dass Sexualität, nur in eine Ehe von Mann und Frau gehöre, mit dazu beizutragen, die Homophobie in einigen Gegenden zu fördern.

Tatsächlich ist die Stellung der Gemeindeglieder sehr unterschiedlich in dieser Frage. So waren Adventisten in Kalifornien beim Volksentscheid gegen die Heirat von Homosexuellen auf beiden Seiten zu finden. Es gibt in den USA Adventgemeinden für Schwule und Lesben und weltweit verschiedene adventistische Homosexuellen-Verbände. Die Einstellung zur Homosexualität ist stark geprägt durch den jeweiligen kulturellen Hintergrund der Gemeindeglieder. Häufig ist es ein Tabu-Thema nach dem bekannten Motto „Don't ask, don't tell“ - „Frag nicht, sag nichts“.

Es bleibt zu hoffen, dass die Erklärung der Generalkonferenz zu Uganda dazu verhilft, dass sich das Wort von der gleichen Würde und den gleichen Rechten, in dieser Frage auch weltweit innerkirchlich durchsetzt.

 


 

05.02.2010

 

Erinnerung

Die freie Reichsstadt Frankfurt am Main, Wahl- und Krönungsort der deutschen Kaiser und Könige, zentral gelegener europäischer Banken-, Handels- und Messeort sowie Buchzentrum, war recht bald auf dem Weg zur Reformation (1533). Doch der Erhalt der genannten Privilegien erzwang ein diplomatisches Verhalten, das zum Beispiel dazu führte, dass drei der städtischen Dotationskirchen nach 1548 (darunter der Kaiserdom) wieder dem katholischen Kultus zur Verfügung gestellt wurden. Die katholische Minderheit hatte also ihren Platz in der Stadt, wie auch die jüdische Gemeinde.

Seit 1554 kamen immer mehr reformierte Flüchtlinge aus vielen Teilen Europas in die Stadt oder nutzten sie als Durchreiseort. Der lutherische Rat der Stadt Frankfurt war sich zwar seiner notwendigen Mitmenschlichkeit bewusst („... dass man mit solchen elenden und uff's höchst betrübten und verderbten Leuten so von Haus, Hof und allem ins Elend verjagt, billig christlich Mitleid haben müsse ...“), jedoch gab es bald religiöse und soziale Konflikte mit den wirtschaftlich erfolgreichen Migranten. So verbot der Rat 1561 den reformierten Gottesdienst, 1594 auch alle reformierten Gottesdienste in Privathaushalten. Wer von den deutschen und französischen Reformierten nicht ins reformierte Hanau oder andere Plätze auswandern wollte, besuchte nun jeden Sonntag in einer bescheidenen Bockenheimer Kirche (damals zu Hessen-Hanau gehörig, heute Frankfurter Stadtteil) den Gottesdienst. Eine zeitweilig genehmigte kleine Holzkapelle vor den Mauern Frankfurts brannte aus ungeklärten Gründen nach sechs Jahren ab.

Die Aufhebung des Edikt von Nantes (1685) durch Ludwig XIV. führte zu weiteren hugenottischen Flüchtlingen. Schließlich gestattete der Rat 1787 der deutschen und der französischen reformierten Gemeinde„binnen hiesiger Stadt Ringmauer auf von ihnen anzuschaffenden Platze zwei Bethäuser, um darinnen ein exercitium religionis privatum zu haben, auf ihre Kosten errichten zu dürfen“. Dies jedoch unter strengen Auflagen: die Kirchen durften keinen eigenen Platz oder Glockenturm besitzen und von außen nicht als Kirche erkennbar sein, sondern sich harmonisch in die angrenzenden Häuserfronten einfügen. Auch eine Orgel war nicht gestattet.
1792 wurde die französische am Goetheplatz und ein Jahr später die deutsche Kirche am Kornmarkt eingeweiht, schließlich doch mit Orgel. 1806 wurde das Turmverbot aufgehoben - doch die Statik ließ einen nachträglichen Bau nicht zu. Im März 1944 vernichtete ein Bombenangriff beide Kirchen. Heute befinden sie sich an anderer Stelle (mit Turm).

 

 

 

Franz.-reformierte Kirche Frankfurt am Main Goetheplatz 1880 (Foto Mylius)

 

Ähnliche Erfahrungen gehören in Deutschland und Nachbarländern zum kollektiven Gedächtnis der religiösen Minderheiten, so auch der Freikirchen (darunter die Adventgemeinden) bis vor wenigen Jahrzehnten. Deshalb wandte sich die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Schweiz auch aktiv gegen das jüngste Volksbegehren zum Minarettverbot.

 


 

29.01.2010

 

60 Jahre Amerikaner in Hessen

Sie gehörten selbstverständlich zum Alltag in Hessen - die U.S.- Streitkräfte und die dazugehörigen Zivilpersonen in Hessen (und natürlich auch in den anderen Gebieten der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone). Anders als zum Beispiel die eher distanzierten deutsch-britischen Begegnungen in NRW, waren die Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den Amerikanern sehr emotional geprägt. Als Kinder umlagerten wir die im Manöver befindlichen Fahrzeuge, um Kaugummi und Schokolade zu schnorren, vor allem die schwarzen GIs waren freigiebig und und kinderfreundlich.
Amerikaner, das stand für Lockerheit, Freundlichkeit im Umgang, Großzügigkeit, Jazz, AFN, Amerika-Häuser und -Bibliotheken, Care-Pakete, Jeans, Rock ,n‘ Roll, Blumenkinder, Jesus-People, Marily Monroe, John F. Kennedy … Amerika und der American Way of Life übte nicht nur eine große Faszination, sondern auch einen großen Einfluss aus, der bis heute das Leben der Deutschen prägt. Auch in der Kritik, wie Vietnamkrieg oder George W. Bush.
Adventisten in Deutschland hatten immer schon, bedingt durch die Entstehung der „Seventh-day Adventist Church“ in den USA und den Sitz der Kirchenleitung in Washington D.C. (heute Silver Spring MD), einen besonderen Bezug zur Neuen Welt. So manche Absolventen des Theologischen Seminars Marienhöhe gingen anschließend auf amerikanische adventistische Colleges und Universitäten. Oder es entstanden Ehen mit amerikanischen Austauschstudenten/innen. Auf ihrem Weg von oder nach Vietnam machten manche dieser ehemaligen Austauschstudenten (sie waren meist als wehrpflichtige Ärzte oder Sanitäter dort) Station auf der Marienhöhe - ein ferner Konflikt plötzlich ganz nah und persönlich.
Ohnehin war die Marienhöhe geographisch mit den Amerikanern verbunden, führt doch die traditionelle Hauptzufahrtsstraße an der US-Kaserne vorbei durch die „Jefferson-Siedlung“. Nur 500 m von der Marienhöhe entfernt sprengte die RAF einen amerikanischen PKW in die Luft. Mit dem 11. September 2001 wurde diese Straße geschlossen.

Seit 2008 gibt es in Hessen nur noch Wiesbaden als bleibenden Stützpunkt der Amerikaner. Überall im Land werden die Grundstücke und Immobilien der US-Army Standorte ziviler Nutzung zugeführt. Auch die Marienhöhe wartet darauf, dass die Straße bald vom Bundesvermögensamt freigegeben wird.
Eine Ära ist zu Ende. Eine Ausstellung in Frankfurt hat noch einmal daran erinnert.

P.S.:
Danke an Elvis Presley! Von Nordhessen aus machten wir 1958/59 eine Klassenfahrt nach Südhessen und trafen dabei zufällig (einen sehr freundlichen) Elvis im Manöver. Mit den zwei Fotos mit Widmung, die ich ergatterte, konnte ich 1973 den größten Teil meiner ersten Orient-Fahrt finanzieren.

 


 

22.01.2010

 

Fraternité - es gibt sie noch

 

Das biblisch-christliche Menschenbild gibt dem Menschen Würde, spricht von gleichen Rechten, gleicher Freiheit und von Verantwortung und Solidarität. Die Armen, Schwachen, Kranken, Witwen, Waisen und Fremden stehen in besonderer Weise unter Jahwes Schutz. Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe bis zur Feindesliebe sollen die Gesellschaft prägen.

Während die Völker noch an den Folgen der unersättlichen menschlichen Gier leiden, die die Finanzkrise ausgelöst hat, sind die Akteure schon wieder obenauf - begleitet vom Ablenkungsmanöver aus Politik und diversen Medien: Hartz IV-Empfänger seien zu teuer, faul ohnehin, und die alleinerziehenden Mütter bekämen so viel Geld, dasses sich für sie kaum lohne, einen Partner zu suchen …, kein Wunder, dass der Etat des Arbeits- und Sozialministeriums der höchste Einzeletat des deutschen Bundeshaushalts sei.

Das klingt wie Hohn in den Ohren all derer, ob aus Kirchen oder Religionsgemeinschaften, Wohlfahrtsinstitutionen, Vereinen oder kommunalen Einrichtungen, die sich täglich - ob beruflich oder ehrenamtlich - oft bis an die Grenzen ihrer Kraft  für Kinder, Jugendliche, Alte, Kranke, Schwache, Arbeitslose, Migranten ... einsetzen. Ein Glück dass es diese Engagierten noch gibt. 

     

 

   

2005 Fraternité am Brunnen von Alet-les-Bains - aber schon gefährdet (Foto wb)

  2009 (Foto: wb)

                                                                      


 

15.01.2010

 

Schnelle Solidarität

 

Solidarische Weltkirche kann im Katastrophenfall, vor allem wenn sie vorbereitet ist, schnell und effizient helfen.

Auf Haiti gibt es mehr als 335.000 Siebenten-Tags-Adventisten in 470 Gemeinden. Sie betreiben ein Krankenhaus, eine Universität, eine Bäckerei und Dutzende von Schulen. 100.000 Gemeindeglieder lebten vor der Katastrophe in der Hauptstadt Port-au-Prince, dem Zentrum des Erdbebens. Es liegen noch keine genauen Informationen über die Schäden an den 123 Gemeindehäusern und den vielen Schulen der Hauptstadt vor. Tausende Gemeindeglieder werden jedenfalls vermisst, ein Gemeindepastor wurde getötet. Zwei der größten Kirchen wurden zerstört. Auf dem Campus der Universität, die auch beschädigt wurde, suchen hunderte von Opfern Schutz.
Das „Hospital Adventiste d’Haiti“ in Port au Prince wurde durch das Erdbeben nur leicht beschädigt und leistet seit dem Eintritt der Katastrophe tausenden von Verletzten Hilfe. Obwohl Ärzte und Pflegepersonal pausenlos arbeiten, können sie den Zustrom verletzter und Hilfe suchender Menschen nicht bewältigen. Die Klinik und das gesamte Grundstück sind völlig überfüllt. Nun sind die Vorräte an Medizin und medizinischen Verbrauchsgütern aufgebraucht und dringend wird auf die Hilfe von außen gewartet.
ADRA Haiti, das seinen Sitz auf dem gleichen Gelände der Klinik hat, berichtet, dass die Opfer mit Trinkwasser und Decken versorgt werden. Auf dem Campus, und an einigen Plätzen in Carrefour, Haiti, wurden Zelte errichtet, welche die Organisation in ihrem Katastrophenlager vorrätig hatte. Aber auch hier sind die eigenen Kapazitäten erschöpft.
Zurzeit sind vom internationalen ADRA-Netzwerk vier mobile Kliniken und zwei Ärzteteams mit den notwendigen Medikamenten und Verbrauchsmaterialien auf dem Weg nach Haiti. In den mobilen Kliniken können bis zu 1.000 Patienten täglich behandelt werden. Mit der Wasseraufbereitungsanlage können bis zu 90.000 Menschen pro Tag mit Trinkwasser versorgt werden.

Das Team von ADRA auf Haiti wird verstärkt durch Fachleute u.a. aus Kanada und ADRA-Deutschland. In der Bundesrepublik arbeitet ADRA mit den Partnern der "Aktion Deutschland Hilft" zusammen.

 Das Netzwerk vor Ort, das internationale ADRA-Netzwerk und eine gute bewährte Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen (wie „Aktion Deutschland Hilft“ mit 10 renommierten Organisation, u.a. ASB, Johanniter, Malteser, AWO, Paritätischer Wohlfahrtsverband, World Vision) lassen schnelle und gezielte Hilfe zu.


Nachtrag am Sonntag, 17.01.2010 aus APD:

 

"Ein Soforthilfe-Team der Johanniter-Unfall-Hilfe hat am heutigen Sonntag-Morgen dringend benötigte Hilfsgüter dem Hospital Adventiste d’Haiti im Diquini-Viertel der Hauptstadt Port-au-Prince übergeben.
'Wir sind erleichtert und dankbar, dass jetzt Hilfe bei uns ankommt. Ohne Nachschub an Medikamenten und medizinischem Material wären viele unserer Patienten verloren', so eine Ärztin des Hospital Adventiste d’Haiti.
Das am Freitag in Frankfurt/Main gestartete Johanniter-Team war Samstag in Haiti angekommen. Sofort nach der Landung in der Dominikanischen Republik fuhren die Helfer auf dem Landweg weiter. Mit dabei hatten sie ein 'Emergency Health Kit' nach WHO-Standard mit dringend benötigten Medikamenten, Sterilisationstechnik, Verbandmaterial und einer Grundausstattung an chirurgischen Instrumenten. Damit können über 10.000 Menschen drei Monate lang medizinisch versorgt werden.
'Nachdem die Übergabe der Hilfsgüter abgeschlossen ist, werden wir erkunden, wo jetzt weitere Hilfe am dringendsten gebraucht wird', berichtete Katja Lewinsky (37), Leiterin des Johanniter-Teams. Die Hilfsorganisation wird dann entscheiden, welche zusätzlichen Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht werden."

 


 

08.01.2010


"Ohne Pressefreiheit bleiben die Opfer unsichtbar"


Vor 61 Jahren schenkte das Grundgesetz der neuen Bundesrepublik Deutschland die rechtliche Grundlage für die Religionsfreiheit (Artikel 4) und die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit (Artikel 5). Beides gehört zusammen. Es gäbe keine weltweite Adventgemeinde ohne die Presse (Verlagswerk) und anderen Medien („Stimme der Hoffnung“, „Hope Channel“ etc.). Schon die Millerbewegung, aus der nach 1844 die Siebenten-Tags-Adventisten entstanden, war vor allem durch die intensive Nutzung der Presse erfolgreich.
Vor 62 Jahren verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, deren Artikel 18 die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit  garantiert und Artikel 19 das Recht auf freie Meinungsäußerung und deren Verbreitung.

Dennoch sind diese Rechte fragil und nicht weltweit selbstverständlich, müssen immer wieder neu ins Bewusstsein gerückt und verteidigt werden.

 Eine wichtige Aufgabe hat dabei die Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) übernommen, die eine Art „Fieberthermometer“ der Verletzungen der Informations- und Pressefreiheit darstellt.
So fällt die Bilanz 2009 nach den Informationen der ROG verheerend aus: mindestens 76 Journalisten wurden getötet, 33 entführt, 1.456 Reporter wurden körperlich angegriffen,  157 Journalisten mussten ins Exil gehen, 570 Medien wurden zensiert, ebenso das Internet in 60 Ländern, 573 Journalisten wurden in Haft genommen, zudem 151 Blogger.

Am heutigen Freitagabend sind mindestens 181 Journalisten und 10 Medienassistenten sowie 111 Online-Dissidenten inhaftiert.


„Ohne Pressefreiheit bleiben Opfer unsichtbar“. Danke „Reporter ohne Grenzen“!

 


 

01.01.2010

 

Vielfalt

 

Es war spannend, eine Dekade den Ortsbezirk 2 (Frankfurt am Main-Bockenheim und Westend) mit seinen 55.000 Menschen als Ortsvorsteher „nach innen und außen“ zu vertreten. Ein Jahrzehnt großer Planungen und Projekte, die noch weit in die Zukunft reichen, vor allem aber der vielen kleinen Schritte, um die Balance zwischen Arbeiten und Wohnen, Infrastruktur und Ruhebedürfnis, Alteingesessenen und Zugezogenen, Alt und Jung zu schaffen oder zu bewahren. Am spannendsten aber war die Begegnung mit den Menschen aus über 130 Nationen - in ganz Frankfurt sogar mit über 180 Nationen mit gut 200 Sprachen. Begegnungen sind immer Herausforderungen, Begegnungen erweitern das Blickfeld und verändern. Ein Alteingesessener hat einen anderen Blickwinkel auf seine Stadt als ein Migrant, der Frankfurt als Rettungsinsel erlebt, oder ein Londoner Banker, der in dieser Stadt Geld machen will, oder ein Student, der den Platz als Sprungbrett sieht, oder 60 Jahre lang die amerikanischen GI‘s, die sich ihre eigene Welt schufen …
 
Frankfurt am Main hat die Gelassenheit, eine Welt der Vielfalt zu leben, 1.000 Jahre lang gelernt, denn schon immer waren mehr als 30% der Bevölkerung ohne Staatsbürgerschaft der (ehemaligen) freien Reichsstadt. Das Lernen des Zusammenlebens war sicherlich nicht immer einfach und reibungslos. Aber die Stadt zog und zieht aus ihrer Vielfalt ihre Bedeutung.
 
In diesem Jahr wird die Vollversammlung der Generalkonferenz (Weltsynode) der Siebenten-Tags-Adventisten tagen. Die Beziehung Vielfalt - Einheit wird sicherlich eines der Hauptthemen sein, so zum Beispiel auch in der Frage der vollen Ordination adventistischer Pastorinnen. Das faszinierende Wachstum dieser Weltkirche ist auch ihr größtes Problem.
 
„Wenn ich Adventist wäre, wäre ich darüber besorgt, wie eine derart wachsende Kirche ihre Einheit aufrecht erhalten kann, wie sie mit den ständig wechselnden Gegebenheiten zurechtkommt und mit der zunehmenden Vielfältigkeit infolge der steigenden Mitgliederzahl.“  So äußerte sich Jean-Arnold de Clermont, damals Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Fédération Protestante de France/FPF, als Gast der letzten Generalkonferenz 2005 in St. Louis/USA.
 
Die Entstehung der STA in den USA hat viele Jahrzehnte dazu geführt, dass Mission oft amerikanisch vermittelt wurde - ob Kultur oder Lebensstil, das schuf ein Einheitsgefühl.
 
Was aber bedeutet es, wenn 2020 weltweit 37 Millionen getaufter Adventisten leben - zumeist Neubekehrte, ohne gemeinsame adventistische Tradition? Konvertiten haben andere Fragen als Gläubige der x-ten Generation.
Was bedeutet es, wenn die Mehrzahl der Mitglieder nicht aus Ländern mit langen Erfahrungen mit Demokratie und Menschenrechten kommen?
Wie wird sich der wachsende Anteil an Laienpredigern theologisch langfristig auswirken? ...
 
Wird unsere Kirche ihre Einheit und Identität erhalten können? Ich bin davon überzeugt. - Doch nur dann, wenn wir die kulturelle Vielfalt (das meint nicht nur die Folklore an den „Abenden der Nationen“ auf der Generalkonferenz) akzeptieren - bei Wahrung des christlichen/biblischen Menschenbildes der Freiheit und Verantwortung -, ohne uns gegenseitig die „Rechtgläubigkeit“ abzusprechen.
 
Dabei ermutigt mich die Arbeit des AWA (und ähnlicher weltweiter Institutionen), der ja entstand, weil der Bildungsboom in den deutschen Adventgemeinden der 60er und 70er Jahre zu neuen Fragen führte.
Es ermutigen mich auch die Begegnungen in Frankfurt am Main - aus der Mehrzahl der Zugezogenen wurden und werden begeisterte Lokalpatrioten, trotz vieler Unterschiede.


Mit den besten Segenswünschen für das neue Jahr und Ermutigung für viele spannende Begegnungen, diesmal aus der faszinieren Stadt der Vielfalt: Paris. ♦

 

 

 

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