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Babylon ist überall!
Zum Sabbatanfang
Sabbatanfang 2010-12
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Zum Sabbatanfang

 


 

 

Gedanken zum Sabbatanfang

 

von Walter Bromba

 

Wer aus einer Familie mit über Generationen gelebter adventistischer Tradition kommt, weiß etwas von dem Zauber des Sabbatanfangs, des Freitagabends. Die Arbeitswoche ist vorbei, jetzt ist man mindestens einen Tag befreit von den Lasten und Sorgen des Alltags. Ja, man ist geradezu verpflichtet, sich nicht mit Alltagsdingen zu beschäftigen. So war das Abendessen etwas Besonders, die Familie war vollzählig, und nach der „Sabbatanfangsandacht“ hockte man noch zusammen. Es gab Kekse oder ähnliche Leckereien, es wurde diskutiert (und wie!), man lachte zusammen oder las. Es hatte immer etwas von einem fröhlichen „Heiligabend“.

Auf der Marienhöhe (dem damaligen Theologischen Seminar) der späten 60er und 70er Jahre war der Freitagabend geprägt von der überfüllten Aula mit der sogenannten „Jugendstunde“ - und  im Anschluss im „Neuen Schülerheim“, dem Studentenheim der Theologen, von Diskussionen auf den Zimmern - bis spät in die Nacht, manchmal bis in den frühen Morgen. „Über Gott und die Welt“, wie es so schön heißt, ließ man seinen Gedanken freien Lauf.

In diesen Traditionen soll ein wenig diese Seite stehen. Wenn nicht am Freitagabend, wann dann?

 (Die Texte von 2010-2012)

 

 


 

 

27.10.2017


Heute abend

auf der

AWA-Herbsttagung 27.-29.10.2017,

in Frankfurt am Main,


"Islamische Welten"

 

 


 

 

15.09.2017

 

IAA

 

Nein, von Bußgewändern ist in Frankfurt am Main nichts zu sehen. Trotz IAA. Weiterhin werden Illusionen verkauft: „Freie Fahrt für freie Bürger.“. Dazu braucht man natürlich all die tonnenschweren Stadt-SUV. Und Angela Merkel werden die Zukunftspläne gezeigt, deren Verwirklichung sie als Bundeskanzlerin, ob sie diese Wahl oder sogar noch die nächste gewinnen sollte, gar nicht mehr erlebt.

  Möglichst verzögern, war schon immer die Devise der deutschen Automobilindustrie, ob bei der Einführung des Kats oder des bleifreien Benzins oder des Partikelfilters ... Jedes Mal wurden die Horrogeschichten erzählt, die unter anderem von zukünftig massenhaft liegenbleibenden Autos schwanten - auch wenn die gleichen Firmen beispielsweise schon längst in den USA Autos mit Kat verkauften.

  Und dann „Diesel-Gate“ ... 

  Ein erster Schritt zur Vernunft wäre es vielleicht, in Deutschland ein Tempolimit einzuführen, etwa 130 Stundenkilometer. Dann würde man weniger Treibstoff verbrauchen. So mancher würde sich zudem überlegen, die hochgezüchteten Boliden zu kaufen, die man dann ja nicht voll ausfahren könnte.

  Doch die Ratio hat es rund um das Auto schwer. Vor einiger Zeit befragte ein Fernsehteam Autofahrer/innen, die von Frankreich kamen, wie ihnen denn das Tempolimit in unserem Nachbarland gefalle. Alle waren des Lobes voll, dass man viel entspannter unterwegs sein könne etc. ... Ob man denn in Deutschland auch ein Tempolimit einführen solle, wurde weiter gefragt. Ein empörtes NEIN! war zumeist die Antwort.

  So gehört also Deutschland weiterhin zu den Staaten, die noch kein Limit haben: die britische Insel Isle of Man (in Europa), weiter die indischen Bundesstaaten Vanuatu, Pradesh und Uttar sowie Nepal, Myanmar, Burundi, Bhutan, Afghanistan, Nordkorea, Haiti, Mauretanien, Somalia und der Libanon.

  Und „Diesel-Gate“? Was war das denn! Man hatte ja den Slogan „Vorsprung durch Technik“ lediglich falsch verstanden.

 

  Und Wirtschaftsethik?

  

 


 

 

17.02.2017


Kompromisslos


Gute Kompromisse sind die Scharniere eines funktionierenden Zusammenlebens der menschlichen Gesellschaft.

   In unserem Land hat die Politik mühsam gelernt, dass man tatsächlich Kompromisse schließen kann und muss, auch wenn es manchmal weh tut - und im allgemeinen Sprachgebrauch bei manchen Menschen mit dem Begriff Kompromiss immer noch misstrauisch die Zuschreibung „faul“ im Hintergrund mitschwingt.

   Doch die Länder, die uns früher in der Schule immer als Musterbeispiele in der Kunst der Kompromissfähigkeit vorgestellt wurden, so die Vereinigten Staaten oder Großbritannien schwächeln inzwischen auf diesem Gebiet. Politik in der Starre.

   Die aufstrebenden populistischen Strömungen und Personen in Europa lassen da nichts Gutes hoffen. Die sozialen Netzwerke tun zudem ihr Übriges. Immerhin scheint das in der Regel noch nicht so im „kleinen“ menschlichen Alltag angekommen zu sein. Oder doch?

   Man könnte es für einen vorgezogenen Aprilscherz halten, wenn man in diesen Tagen in die Lokalpresse des Rhein-Main-Gebietes schaut, die aus Schneidhain, einem Ortsteil von Königstein im Taunus berichtet: 

Zwei Linienbusse begegnen sich in der engen, scharfen Kurve in der Dorfmitte. Sie können dort nicht aneinander vorbeifahren. Also bleiben sie stehen - Frontscheibe gegenüber Frontscheibe. Keiner der Fahrer will zurücksetzen. Soll es doch der andere tun! Stur und unversöhnlich vergeht die Zeit ...

   Glücklicherweise öffnen die Fahrer die Türen, damit Ungeduldige aussteigen und ihren Weg zu Fuß fortsetzen können.

  Schließlich telefonieren nach über 15 Minuten Standzeit Fahrgäste die Polizei herbei. Diese muss erst einmal die Sachlage feststellen. Eine direkte Ordnungswidrigkeit scheint das wohl nicht zu sein. So versuchen die Ordnungshüter die Situation mit einer längeren Moderation zu lösen, reden mit „Engelszungen“ den Fahrern zu. Diesem Engagement der Obrigkeit gibt schließlich ein Fahrer nach und setzt 100 Meter zurück, so dass die beiden Busse endlich aneinander vorbeifahren können.

 

 


 

 

03.02.2017

 

In "postfaktischen" Zeiten von Populismus, Verschwörungstheorien, Fakenews, "alternativen" Wahrheiten, Respektlosigkeiten, extremen Ideologien, Fanatismen, …

ist das uralte Wort aus Genesis 8,22 ungemein tröstlich: 

"Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."

 

 


 

 

18.11.2016


„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen …”

 

 

 

Dieser alte Hymnus des Mittelalters macht das Empfinden jener Zeit deutlich, Leben und Tod, Werden und Vergehen waren nah in Familie und Gesellschaft. Heute sind diese Erfahrungen in der Regel getrennter, Krankheit und Tod werden möglichst „ausgesourct”.
   Das mittelalterliche Fachwerk-Ensemble um den Pestfriedhof „Aître St-Maclou” in Rouen aus dem 16. Jahrhundert, in dem die Pestopfer in großen Gruben verscharrt wurden, macht mit seinem eher makabren Dekor von Totenschädeln, Knochen und Totengräber-Werkzeugen diesen Ort fast unheimlich - aber deutlich.
   Der oben genannte gregorianische Hymnus „Media vita in morte sumus” (wohl um 750), mit einem Flehen um die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, mit der Bitte, nicht zu zürnen, wurde von Martin Luther ins Deutsche übersetzt. Mit zwei (neuen) weiteren Strophen lenkte der Reformator die Hoffnung, das Vertrauen und den Trost auf Christus, den Erlöser.
   Es ist eine gute Tradition, im November vielseitig über Tod und Leben nachzudenken (Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag/Ewigkeitssonntag …).

 

 

 

(Fotos: pmb)




11.11.2016


Einsicht?


Eigentlich wollte ich mir hier einige Gedanken über den in den Medien schon designierten neuen US-Gesundheitsminister Ben Carson machen. Über den Mann, der als begnadeter Neurochirurg zu Ansehen gelangte und nach seiner Pensionierung aufbrach, um Präsident zu werden, als einziger Kandidat der Republikaner bei Umfragen sogar einmal vor Donald Trump lag. Doch er schied aus dem Rennen aus, Wahlkämpfe sind gefährlich, manches hätte er lieber nicht äußern sollen, seine Seriosität, seine Reputation hat arg gelitten.
   Jetzt wurde bekannt, er solle US-Gesundheitsminister werden. Doch sein Manager meldete, Ben Carson habe abgelehnt, als Argument habe er fehlende Erfahrung in der Regierungs-Administration genannt.
  ??? 
 

Zum Präsidenten hätte es gereicht?

Vielleicht ist er weiser geworden.

(So soll die Kuriositätensammlung seines Wahlkampfes nicht wieder geöffnet werden.)

 


Nachtrag vom 05.12.2016:

Nun übernimmt der Arzt Ben Carson doch ein Ministerium, nein, nicht das Gesundheitsministerium (s.o.), sondern das Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung, mit mehr als 8.000 Mitarbeitern und einem Budget von über 30 Milliarden Dollar.
Wie sich Ben Carsons Zusage mit der oben genannten Absage verträgt, ist für den Beobachter nicht ganz so erkennbar, auch geben die Medien keine Hinweise, welche Qualifizierung der Minister-Kandidat für dieses Amt mitbringt.
Immerhin haben Architektur und Stadtplanung auch etwas mit der Gesundheit der Menschen zu tun.

Solange er keine Pyramiden baut …




 

 

04.11.2016

 

Populismus

Die Sehnsucht vieler Menschen nach einfachen Lösungen politisch auszunutzen ist Missbrauch des Wahlvolks. Denn es gibt für komplexe Probleme keine einfachen Antworten. Wer das jedoch verspricht, wird dies nicht halten können. Wenn das dem Populisten bewusst ist, dann ist es pure Unwahrheit, die auf ein schlechtes Gedächtnis baut. „Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern …” oder „Nach mir die Sintflut …”
   Wer aber selbst den eigenen Platitüden glaubt, der ist für ein hohes Amt absolut fehl am Platz. In beiden Fällen ist es im höchsten Maß verantwortungslos.
Für ein Scheitern sind dann natürlich alle anderen Schuld - wozu gibt es schließlich Verschwörungstheorien …

 


 

 

28.10.2016


Heute abend


auf der


AWA-Herbsttagung 28.-30.10.2016,

in Frankfurt am Main,

Werte in Gesellschaft und Gemeinde

Welche?  Warum?  Wozu?

 

 


 

 

21.10.2016


Bücher

Es gibt sie noch, die Bücher, trotz Computer, Tablets, Smartphones, Internet … Die traditionelle jährliche Frankfurter Buchmesse, die größte und internationalste ihrer Art, öffnet ihre Tore vom 19.-23.10.2016. Über 7.000 Aussteller, etwa 10.000 Journalisten und 150.000 Fachbesucher und sicherlich noch zusätzlich an den letzten beiden Tagen 150.000 Bücherfreunde/innen aus aller Welt wird die Statistik melden.
   Es scheint so, als habe sich die Buchwelt mit der digitalen Welt arrangiert, das mit allen Sinnen erfahrbare Buch geht nicht unter, in Frankfurt am Main und in anderen Städten steigt wieder die Zahl der Buchhandlungen.
   Immer wieder neu ist auch das „Buch der Bücher”. Neu ist - und nach knapp 500 Jahren sprachlich immer noch unschlagbar lebendig -  pünktlich zum Reformationsjubiläum, die neueste Lutherübersetzung. Die „Mutter” unserer hochdeutschen Sprache.
Wie sehr sich Luthers Gegner seinerzeit über den Siegeszug der Luther-Übersetzung ärgerten zeigt eine bissige Äußerung von Johannes Cochläus: „Luthers new Testament war durch die Buochtrucker dermassen gemehrt und in so großer Anzahl außgesprengt, also daß auch Schneider und Schuster, ja auch Weiber und andere einfältige Idioten, sovil deren diß new lutherisch Evangelium angenommen, die auch nur etwas Teutsch auf ein Lebzeiten lesen gelehrnt, dieselben gleich als ein Bronnen aller Wahrheit mit höchster Begird lasen. Etliche trugen es mit sich im Busen herumb und lehrnten es außwendig.“ [Zitiert nach: Die Welt der Bibel. Wuppertal 21982: 73.]
Aber das ist lange her, gerade ist auch die neue, sehr gute katholische „Einheitsübersetzung”, das meint, die offizielle gemeinsame Bibelübersetzung für alle deutschsprachigen Diözesen, erschienen.

Jährlich zur Buchmesse wird in der Paulskirche, dem Sitz des ersten frei gewählten deutschen Nationalparlament von 1848, der „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels”, der wichtigste deutsche Kulturpreis, verliehen. Preisträgerin ist diesmal die Journalistin und Publizistin Carolin Emcke, die mit ihren Büchern, Artikeln und Reden einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden leiste, ihr Werk somit Vorbild für gesellschaftliches Handeln in einer Zeit sei, in der politische, religiöse und kulturelle Konflikte den Dialog oft nicht mehr zulassen.
   Mit einer Ermutigung wird sie (so ihr Redemanuskript) in der Paulskirche ihr Dankwort beenden:

 

„Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.
Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.
Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt.
Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.
Eine freie, säkulare, demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.”


(Zur Buchmesse erschienen: Carolin Emcke, Gegen den Hass. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016.)

 

 


 

 

14.10.2016


Keilschrift entdecken in Paris


Jetzt denkt jeder an den Louvre, mit seinem ungeheuren Bestand an Keilschrifttexten der verschiedenen Epochen und Kulturen des Alten Orients. Aber Paris hat auch Keilschrift, von der kaum jemand weiß. Das moderne Gebäude (inzwischen sicherlich auch schon etwas mehr als 20 Jahre alt) der „Direction des Affaires Scolaires“ der Stadt hat seine Außenmauern und Glasfronten mit babylonisch-assyrischen Keilschriftzeichen versehen, wie einst die assyrischen und babylonischen Könige auch auf Reliefs (und natürlich auch auf Tontafeln oder Ziegelsteinen …) ihre Großtaten verewigten - manchen ist zum Beispiel sicher der in der Bibel erwähnte babylonische Herrscher Nebukadnezar II. ein Begriff.

   Die Gelehrten Mesopotamiens nutzen noch bis in die hellenistische Zeit die babylonisch/assyrische Sprache in den Archiven und in den Tempeln (so wie ja das Lateinische in den europäischen Universitäten und in der röm.-katholischen Kirche noch fast bis Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte). Diese Keilschrift war eine Silbenschrift, die eine intensive Ausbildung erforderte. 

   Die Bevölkerung in weiten Teilen des Vorderen Orients sprach jedoch schon längst Aramäisch, die Muttersprache Jesu, eine dem Hebräischen verwandte Sprache, die durch ihr Alphabet viel leichter im Alltag zu dokumentieren war.

   So trifft sich nun in Paris an einem Bürohaus der Alte Orient und der moderne Okzident - an der einen Seite sogar mit einer arabischen Metzgerei. Globale vielseitige Welt im 14. Bezirk von Paris.

 

 

 

 

 

   

Begegnung Alter Orient - moderner Okzident in Paris

 

Begegnung Alter Orient mit modernem Orient (mit alten Wurzeln im Orient) in Paris

 

 

 


 

 

07.10.2016


Es gibt auch noch gute Nachrichten


Das im Dezember 2015 vereinbarte Klimaabkommen von Paris kann im Dezember 2016 in Kraft treten, nachdem das notwendige Quorum erreicht wurde: es müssen mindestens 55 Vertragsparteien ratifizieren, die für wenigstens 55 Prozent des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich sind. Selbst Länder mit meist zögerlichem Umgang mit Klimaschutzbemühungen, wie die USA , China und Indien haben ratifiziert. Neben den Nationalstaaten hat auch das EU-Parlament zugestimmt: mit einer Mehrheit von 610 zu 38 bei 31 Enthaltungen.
Mit dem Vertrag verpflichtet sich die Weltgemeinschaft, die Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen.
Ein weiterer Schritt eines noch langen Weges …


 

 



 

09.09.2016


Schatten der Vergangenheit


Es muss Mitte der 80er Jahre gewesen sein, die berühmte Odenwaldschule (Ober-Hambach) feierte ein Jubiläum. Es war ein großer Festtag, der stolz die Arbeit und Ergebnisse dieser Reformschule präsentierte. Prominente Ehemalige und Förderer hatten sogar Reisen aus Übersee nicht gescheut, selbst der Bundespräsident beehrte die Schule mit Besuch und Würdigung. Man war sicher, auch in den nächsten Jahrzehnten eine Leuchte der Schullandschaft zu sein.
  Etwa eine Wochen vorher war ich mit einer kleinen Gruppe beim Wandern dort vorbeigekommen. Wir hätten gern die Schule besichtigt, doch man beschied uns, alle seien so in der Vorbereitung des Jubiläumswochenende beschäftigt, dass dies nicht möglich sei - aber wir erhielten eine Einladung zu dem Fest, die ich gern annahm.
  Die Odenwaldschule war in der Tat beeindruckend, die Internats- und Schulpädagogik vom vorgestellten Ergebnis her durchaus mit Vorbildcharakter. Da schien mir meine Skepsis über die - für mein Empfinden - zu demonstrativ stolz geschwellte selbstbewusste Brust kleinkariert, wann, wenn nicht an solchen Feiertagen, darf man sich auch über Gebühr freuen!
  In diesen Tagen ging nun eine Auktion zu Ende. Das Inventar der Odenwaldschule wurde versteigert … Bedrückend der Blick in den Katalog: Bibliothek, Werkstätten, Kücheneinrichtung, Schulinventar unterschiedlichster Art. Eben noch genutzt, wie die Computerräume, suchten die Gerätschaften jetzt ihre Abnehmer. „Und manche Dinge scheinen einfach liegengeblieben zu sein - als hätten die Bewohner fluchtartig die Häuser verlassen müssen.” (Hessenschau) Eine langjährige berühmte Institution wurde gefleddert, ausgewaidet, einige kleinere Gebäude waren schon verkauft, die anderen stehen kurz davor. Die stolze Odenwaldschule gibt es nicht mehr. Wie konnte es dahin kommen?
  Seit den 90er Jahren wurde bekannt, dass sich einige Lehrer und Pädagogen, gerade im Bereich der „Internatsfamilien”, in der Vergangenheit (wohl seit 1960) gegenüber 132 (wahrscheinlich aber 500) Opfern systematisch massiv sexuell übergriffig zeigten. Für die Missbrauchsopfer hatte die Idylle des Campus seitdem eine folgenschwere dunkle Seite.
  Die Kultur des Wegsehens und der langwierige Streit über den (sehr zögerlichen) Umgang mit dieser Vergangenheit führte schließlich zur starken Verminderung der Schüler/innenzahlen, zum Entzug der staatlichen Erlaubnis für Internat und Schule und schließlich zur Insolvenz, die alles unter den Auktionshammer zwang.

Eigentlich war es eine Bilderbuchschule mit hehren Idealen … doch 100 Jahre Schulgeschichte werden gefühlt nun wahrscheinlich nur noch vom Ende her gesehen …

 

 

 


 

 

02.09.2016


Zeit zum Lesen

 

Der Kalender verkürzt die Tage, die Meteorologen kündigen das langsame Ende des Sommerwetters an. So kann man sich wieder einmal entspannt dem Lesen zuwenden.
Der AWA hat gleich einen Vorschlag:

Prof. Dr. Thomas Domanyi, nicht nur beim AWA bekannter Referent, Prediger und Autor, hat in seinem neuen Buch einige schon (verstreut) veröffentlichte Beiträge und neue Texte thematisch zusammengefasst - und in dieser Form bisher noch nicht herausgegeben.
Es lohnt sich, intensiv hinein zu schauen.
Das Buch findet sich exklusiv als (kostenlose) Internet-Ausgabe auf der AWA-Website.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Impressum des Buches:
 
© Prof. Dr. Thomas Domanyi – Vermes/JU – 2016
.

Einzelne Artikel unter Angabe von Autor und Quellen erlaubt.
Satz und Gestaltung: Thomas Iseli – Schinznach-Dorf – Juli 2016]


 

 




26.08.2016


Geht - äh - fährt doch!

Die Autoindustrie tut sich noch schwer mit Elektrofahrzeugen. Entweder wird vermittelt, diese Fahrzeuge seien nur als Luxus möglich, oder die technischen Hürden werden als fast unüberwindlich dargestellt.
   In der Tat hat man den Eindruck, die Entwicklung sei seit den 20er Jahren kaum weiter gekommen. Immerhin gab es damals schon erste Versuche mit Reichweiten bis zu 70/80 km.
Im Übrigen kennt jeder Bahnhofsbesucher das freundliche Schnurren der Elektrokarren, die dort seit Jahrzehnten ihren Dienst tun, für die jetzigen Generationen eigentlich schon „immer!”
   Für die Städte und ihre Menschen wäre es ein vielfältiger Segen, wenn sich geräusch- und emissionsarme Fahrzeuge durchsetzen könnten. Immerhin sind schon eine Reihe von Hybridautos unterwegs.

   Jetzt überraschte die Deutsche Post. Sie fährt schon mit 1.000 Elektroautos Pakete aus. Bis Ende des Jahres sollen es mehr als 2.000 Elektrotransporter werden. Geplant ist die Umstellung der kompletten Zustellflotte. Bis zu 50.000 Fahrzeuge müssen in den nächsten Jahren ausgetauscht werden.
   Welcher Hersteller liefert die Fahrzeuge? Die Post. Die Post? Die Autofirmen winkten ab. So wird die posteigene Fertigung in einem ehemaligen Waggonwerk des französischen Herstellers Talbot gerade kräftig hochgefahren. Von 2017 an sollen dort im Zwei-Schichten-Betrieb jedes Jahr 10.000 „Streetscooter” montiert werden. Insgesamt rechnet es sich für die Post - für die Umwelt ohnehin.
   Das neueste Modell des Streetscooters wird auf der IAA vorgestellt. Interessenten außerhalb der Post gibt es wohl schon - auch wenn das Gefährt für manche nicht sehr schnittig wirkt. Nun, ein freundlicher Packesel muss  Lasten tragen und nicht wie ein Ferrari aussehen.

 


 

 

19.08.2016 

 

Ersatzhandlungen

 

Pressekonferenz des Bundesinnenministers. Erarbeitete Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit vor Terrorismus, die die größere der Regierungsparteien demnächst einbringen will.

Punkt 1 und Hauptthema der berichtenden Medien: Burka-Verbote in verschiedenen Teilbereichen der Gesellschaft. Nein, nicht aus Sicherheitsgründen, so der Minister. Es gehe um Integration.

Nun mag man durchaus über diese Vorschläge diskutieren - doch mit Verboten gegen als religiös empfundene Lebensformen wird man kaum Integration erzwingen. In Frankreich, mit seinen sehr rigiden Burka- und Kopftuch-Verboten hat damit weder etwas im Sicherheitsbereich erwirkt, noch in der Integration. Im Gegenteil. Die Polarisation hat zugenommen.

   In diesem Sommer verlagern sich in einigen französischen Orten am Mittelmeer die (zum Teil heftigen) Diskussionen um Burkini-Verbote an kommunalen Stränden. Der Burkini - eine Art Ganzkörper-Badeanzug, den einige wenige moslemische Frauen tragen, ist manchen Kommunalpolitikern ein Dorn im Auge.

   Vielleicht sollten sich diese Politiker einmal gelassen daran erinnern, dass das einträgliche touristische Leben an den Badestränden des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts eben mit ähnlichen Bademoden begann.

   Übrigens wird immer wieder die Frage gestellt, wie viele Burka-Trägerinnen es in Deutschland eigentlich gäbe. Bisher konnte keine aufgespürt werden. Und die Zahl der Nikab- oder Tschador-Trägerinnen ist so gering, dass man statistisch wahrscheinlich eher vom Blitz getroffen wird, als eine Frau mit diesen Verhüllungen zu Gesicht bekommt. Selbst in Frankfurt am Main, der Stadt mit Menschen aus mehr als 180 Nationen, sieht man äußerst selten Nikab-Trägerinnen. Da waren es in der 70er Jahren während der Sommer- und Winterschlussverkäufe noch mehr, als viele Familien aus den Emiraten zum Shopping (gern gesehen) einflogen. 

   Leider kommt wohl schnelle Symbolpolitik vordergründig wohlfeiler Ersatzhandlungen besser in die Schlagzeilen, als vielfältige, anstrengende Überzeugungsarbeit im Bereich der Integration.

„Wir bauen nichts Dauerhaftes auf, wenn wir uns gegeneinander aufhetzen lassen. Wir bauen nichts Dauerhaftes auf, wenn wir nicht das Gift der Diskriminierung bekämpfen. Wir bauen nichts Dauerhaftes auf, wenn wir nicht die Verschiedenheiten erkennen und akzeptieren. Sie sind in unsere Geschichte eingeschrieben. Sie machen unseren Reichtum aus." (Präsident Jacques Chirac, 2005, nach Gila Lustiger, Erschütterung, Berlin 2016: 111).

   In diesem Sinne sollte kluges, nachhaltiges Handeln des geduldigen Überzeugens für ganz Europa gelten.


 


 

 

29.07.2016

 

Stammtisch

 

Früher wusste es jeder, der Stammtisch war der Ort, an dem man deftig „ins Unreine” sprechen konnte, einfache Lösungen anbieten durfte, sich provokant streiten, jedoch alles nicht ganz so ernst nehmend. Aber dann wieder am nächsten Tag in der komplizierten, differenzierten Welt des Alltags möglichst vernünftige Lösungen zu finden suchte.

  Heute ersetzen für viele Menschen die sozialen Medien den althergebrachten Stammtisch. Doch während damals, manchmal mit schwerem Kopf, die Teilnehmer des Abends am nächsten Morgen wussten, dass der Stammtisch seinen geschlossenen Ort und seine Zeit hatte, öffnet sich der „globale Stammtisch” ohne Zeitmaß und Raum - und die Sprache ohne Maß und sehr oft ohne Respekt, selbst in religiösen Medien …, zudem nicht mehr rückholbar.

  Freiheit ist von Verantwortung nicht zu trennen, auch nicht in den fantastischen Möglichkeiten der modernen Technik.




 

 

22.07.2016

 

Angst

 

„Angst ist der größte Feind der Vernunft. Angst und Vernunft spielen zwar für das Überleben des Menschen eine entscheidende Rolle, doch herrscht zwischen beiden kein Gleichgewicht. Gelegentlich mag die Vernunft einmal Ängste zerstreuen, häufig jedoch schaltet Angst jede Vernunft aus. Zwanzig Jahre vor der Revolution in Amerika schrieb Edmund Burke in ‚Keine Leidenschaft beraubt den Verstand gründlicher seiner Handlungs- und Entscheidungsgewalt als die Angst.’” (Al Gore, „Angriff auf die Vernunft”, München: Riemann-Verlag 2007, S. 37)

 

Dank an alle Verantwortlichen, die auch in schwierigen Zeiten ihren klaren Kopf behalten, die jeweilige Verhältnismäßigkeit wahren und der Versuchung widerstehen, mit vermeintlich schnellen Lösungen populistisch zu punkten. 

 

 

 


 

 

15.07.2016

 

 

 

 

Baie des Anges


Die berühmte Promenade des Anglais an der traumhaft schönen Engelsbucht zu Nizza ist - dem Ruf der Côte d’Azur zum Trotz, ein Platz nur der Schönen und Reichen zu sein - ein wundersamer egalitärer Ort. Menschen aller Nationen, jeden Alters und aus allen sozialen Schichten promenieren hier zu allen Tageszeiten bis tief in Nacht. Ob zu Rad, Skateboard, zu Fuß, im oder mit Kinderwagen oder dem Rollator. Hier hat jeder seinen Platz, seine Garderobe auszuführen oder den Hund oder mit Joggen und Walken die Fitness zu fördern. Auf den berühmten blauen Stühlen sitzen Liebespaare, Lesende oder Tagebuchschreiber. Asiaten testen Ihre Selfie-Stangen, Kutschen werben um Kunden, Kinder rennen fröhlich oder werden fest an der Hand der Nanny ausgeführt. Man könnte stundenlang diesem heiter-gelassenen Treiben zusehen und abends noch - manchmal fast an der Grenze des romantischen Kitsches - den alles, ob Land oder Meer, übermalenden Sonnenuntergang genießen. In manchen Herbst oder Wintertagen beeindrucken die Stürme des Meeres den Beobachter, und selbst im Regen hat diese Promenade ihren Zauber.

  Wo Menschen sind, haben auch die Paradiese wie die Bucht der Engel ihre Schatten: ein Mensch zerstörte das Leben und die Gesundheit von vielen Menschen - Kindern, Frauen und Männern - unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Status …

 

Doch das darf nicht das einzige Bild der Baie des Anges sein, das im Gedächtnis bleibt. Auch wenn heute nacht die manchmal brutale Wirklichkeit des Lebens sichtbar wurde, sollte die Promenade des Anglais irgendwann auch wieder der Ort zum Träumen sein - für alle Menschen.

(Foto: pmb)


 


 

 

06.05.2016


Stromausfall


In Frankfurt am Main ein ganz seltenes Phänomen. Es traf für fast eine Stunde Teile Bockenheims. Gelassenheit, da Feiertag. Polizeiwagen fuhren zu einigen ausgelösten Alarmanlagen, ob Uni-Bibliothek und Senckenberg-Museum Probleme bekamen ist nicht bekannt. Aus den Fenstern blickten eher amüsiert die Anwohner. Lediglich für eine junge Studentin war das Ganze eine Katastrophe. Ratlos rief sie laut der Nachbarschaft zu: „Wie soll ich jetzt mein Smartphone aufladen?!”

 

 


 


29.04.2016


Zwei-Tage-Woche


Zwei-Tage-Woche für die Behörden. Vier-Tage-Woche für Schulen, Universitäten und die gesamte Bevölkerung. Stromlieferungen zumeist nur vier Stunden täglich. Die Zeit wird außerplanmäßig um eine halbe Stunde vorgestellt. Die Wirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen. Versorgungskrise allenthalben. Selbst die Brauereien stellten ihre Produktion ein. Die Frauen werden aufgefordert, keinen Haar-Fön zu benutzen …

  Die Regierung des südamerikanischen Landes macht das Klimaphänomen El Nino (tritt etwa alle sieben Jahre auf - etwa so plötzlich wie Weihnachten :-) für die Dürre verantwortlich, denn 70% der landesweiten Energie werden von einem Stausee geliefert, der langsam austrocknet.

  Dieses Land ist dreimal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und hat etwa 30 Millionen Einwohner.

  96 % der Staatseinnahmen kommen aus dem Erdölgeschäft. Kritiker bemängeln mangelnde Erhaltungs- und Förderinvestitionen. Jetzt kommt noch der niedrige Ölpreis dazu …

  Ein Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften ist dieses Land nicht - übrigens wie so viele Länder.

 

Eine Zwei-Tage-Woche muss also kein Zeichen für gute Politik sein.

 

 


 

 

22.04.2016


„Steuerzahler”


Der neue Hafenpark in der Nähe der Europäischen Zentralbank im Osten Frankfurts, verbunden mit der Mainpromenade, wird sehr gut angenommen. In seiner Vielfalt - auch der Bewegungsmöglichkeiten - begeistert er alle Generationen. 

Es gibt in Frankfurt eine ganze Reihe von Skateranlagen unterschiedlicher Möglichkeiten. Die des Hafenparks für Skateboards, Streetboards, Inlineskates und BMX-Fahrrädern ist auf internationalem Niveau. So ist sie auch nicht für Fußgänger gedacht, erst recht nicht für Kinder bis 8 Jahren.

Doch die Bahn muss vom Sicherheitsdienst bewacht werden, da viele Eltern ihre Kinder dort spielen lassen wollen oder mit Scates oder mit Kinderrollern oder -fahrrädern … 

Angesprochen und auf die Schilder verwiesen, gäbe es häufig sehr rüde Reaktionen der Eltern, so das Grünflächenamt und diverse Presseberichte, es sei doch völlig egal, was dort stehe, man zahle schließlich Steuern, etc.

Dass schon einige schwere Unfälle passiert sind, weil Skater den Kindern ausweichen mussten, ist für diese Leute auch kein Argument. 

Das Grünflächenamt will weiter auf Vernunft, Einsicht und Miteinander bauen - und derzeit noch auf Parkwächter.

 

  

 

 

19.03.2016


Heute auf der AWA-Frühjahrstagung 2016

18.-20.03.2016

in Frankfurt am Main,

Adventgemeinde Ffm.-Zentrum


Homosexualität - Ein Thema für die Adventgemeinde?

Ist unsere Kirche ein geschützter Raum für alle Menschen?


 


 

 

19.02.2016


Nun danket alle Gott


Immer wieder einmal werden in historischen Rückblicken Szenen der Ankunft der letzten Kriegsgefangenen, der sogenannten Spätheimkehrer aus der Sowjetunion, 1955 im Durchgangslager Friedland gezeigt. Kaum fehlt dabei der Choral „Nun danket alle Gott …”, der von einer unübersehbaren Menge der Heimkehrer eindrucksvoll intoniert wird. 

Für heutige Zuschauer erstaunlich: die Menschen kannten den Text …


 


 

 

 01.01.2016

 

Viadukt

 

 

 

Kürzlich das Foto des Viadukts von Treysa gefunden. Vom vierten Schuljahr bis zur Mittleren Reife wohnte ich in dieser nordhessischen Kleinstadt mit viel mittelalterlichem Erbe und romantischer Fachwerkidylle, Provinz in allen positiven und eigenartigen Facetten. Die nächste „richtige” Stadt war Kassel, mehr als eine Stunde auf damals schmaler, kurviger Bundesstraße entfernt.

  Der Blick aus meinem Zimmer fiel auf dieses Eisenbahn-Viadukt. Die schnaufenden Dampfungetüme gaben immer ihr Pfeifsignal, wenn sie diese Brücke überquerten. Die Strecke war eine der deutschen Hauptstrecken, vor allem von Nord nach Süd. Die damals D-Züge genannten Fernzüge waren für mich das Symbol der großen weiten Welt, Treysa ein Tor zur Ferne…

  Von dort aus habe ich (gedanklich) Thor Heyerdahl auf seinem Balsa-Floß in die Südsee begleitet, zog mit Sven Hedin durch die Wüste Gobi, mit Amundsens Hundeschlitten zum Südpol oder reiste mit Agatha Christie, pardon Hercule Poirot, im Orient-Express ... 

  Deshalb ist für mich heute immer noch das Bahnfahren etwas Besonderes, das damals enge Auto (DKW) war für mich kein echter Konkurrent, die späteren Flugreisen konnten mir nie den gleichen Zauber einer Fahrt mit der Dampflok vermitteln.

 

 

 


 

 

20.11.2015

 

Ben Carson - Adventist, aber kein „adventistischer” Kandidat


Siebenten-Tags-Adventisten sind eine Weltkirche. Viele Mitglieder sind gesellschaftlich vor allem im sozialen, pädagogischen und medizinischen Bereich engagiert. In vielen Ländern sind sie auch aktiv in der Politik aktiv, sei es in kommunalen Bereichen, in Staatsparlamenten, in Regierungsämtern, als selbst Regierungschefs oder Staatsoberhäupter.

  In den Vereinigten Staaten hielten sich Adventisten bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts traditionell eher aus der aktiven Politik heraus. Doch seitdem hat sich das langsam geändert, auch im adventistischen „Mutterland” sind inzwischen allerlei Gemeindeglieder in Parlamenten und politischen Funktionen tätig. 

  Lange galten Adventisten in großer Mehrheit eher den Republikanischen Partei (GOP = „Grand Old Party”) zugeneigt. So erklärte mir ein Professor eines adventistischen Colleges in Kalifornien, bei dem ich 1969 zu Gast war, fast flüsternd, er sei wohl der einzige des College-Ortes, der die Demokraten wähle …

  Hätte sich zu dem Zeitpunkt ein adventistischer Präsidentschaftskandidat für die Republikanische Partei aufstellen lassen, wären ihm sicherlich die meisten Stimmen zugefallen. Doch inzwischen zeigen die Statistiken, dass weit mehr Adventisten in den USA die Demokraten wählen als die GOP.

  Um ihr grundsätzliches Verhältnis zur politischen Betätigung zu verdeutlichen veröffentlichte die adventistische Kirchenleitung in den USA eine Erklärung zu ihrem Verständnis der Trennung von Religion/Kirche und Staat bei Kandidaturen für politische Ämter. Demnach verhält sich die Kirche auch gegenüber adventistischen Kandidaten oder Kandidatinnen neutral und kommentiert deren Aussagen nicht.* 

  So kann der adventistische Präsidentschafts-Kandidat Dr. Benjamin Carson weder auf die Hilfe der Kirche noch auf das Wählen auf Grund seiner Kirchenmitgliedschaft rechnen. Er muss allein mit seinen politischen Vorstellungen und seinem Eindruck der Vertrauenswürdigkeit in diesen Fragen punkten. Das ist auch gut so.

 

 

*(Siehe  AWA - STA-Journal).

 
  

 

 

 16.10.2015


Erinnerung II

 

 

 

 

„Jahr nach dem Jahr, in dem Schusin, der König von Ur, die Mardu-Mauer, die die Beduinen fernhält, baute.” Ein Zitat von einer kleinen Tontafel, einem Lieferschein, eine Datumsangabe.

 

 

  Heute zählen wir unsere Jahre nach Christi Geburt, diese Zählung hat sich in der westlichen Welt durchgesetzt. Chinesen, Japaner, Juden, Araber u.a. haben andere Bezugspunkte. In biblischen Zeiten zählte man nach auch Naturereignissen (Amos 1,1) oder nach Regierungszeiten von Herrschern.

  Vor etwa 4.000 Jahren, in Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, eine der Wiege unserer Kultur, zählten die sumerischen Stadtstaaten unter anderem nach großen Ereignissen.Die Tontafel in sumerischer Keilschrift, ein Lieferschein für Bier, ist mit Text und Siegelabrollung datiert: „Im Monat Papue (= 11. Monat nach dem Kalender der Stadt Umma), Jahr nach dem Jahr, in dem Schusin, der König von Ur, die Mardu-Mauer, die die Beduinen fernhält, baute. Schusin, der starke König, der König von Ur, der König der vier Weltgegenden; Aakalla, der Stadtfürst von Umma ist dein Diener.

  Der Lieferschein nennt also neben den üblichen Lieferungen, Lieferanten und Empfänger auch den Stadtfürsten der Stadt Umma, dazu den Oberherrscher, den König von Ur (die Stadt Ur ist vielen Bibellesern durch die Abraham-Erzählung bekannt) und den genutzten Kalender. Damals hatte fast jede Stadt ihren eigenen Kalender.

  Doch das für den König Schusin wichtige Ereignis, auf den sich der Kalender bezieht, ist die Mardu-Mauer (oder auch Martu-Mauer) gegen die semitisch sprechenden Beduinen, die allgemein verachtet wurden, die bestenfalls als Pferdelieferanten gefragt waren, aber sonst ferngehalten werden sollten, wenn sie ins Kulturland drängen wollten. Ein anderer Keilschrifttext macht das deutlich: „… die Mardu, die keine Häuser kennen, die ‚Tölpel’, die im Hochland wohnen … der Mann, der die Trüffeln am Rande des Hochlands ausgräbt, der die Knie nicht zu beugen weiß, der rohes Fleisch isst, der zeitlebens kein Haus kennt, der nach seinem Tode nicht (richtig) bestattet wird.” 

  Mit diesen Menschen, mit anderer Religion, anderen Sitten und Gebräuchen, wollte der hochzivilisierte sumerische Bewohner des Zweistromlandes nichts zu haben. Die Vorurteile sind deutlich. Da konnte nur eine Mauer helfen!

  Bekannte Töne aus unserer Gegenwart.

 

Doch was ist aus dieser Mauer geworden? Hat sie ihr Ziel erreicht? Absolut nicht. Die Nomaden wanderten langsam ins Land ein, übernahmen die Religion, Kultur und Zivilisation (gute Integration!). Sumerisch blieb die Sprache der Archive, die semitische Sprache der Zuwanderer (heute akkadisch genannt, die spätere Amtssprache der Assyrer und Babylonien) nutzte die sumerische Wortschrift und widmete sie in eine leichter zu erlernende Silbenschrift um, die wiederum schrittweise von der aramäischen Sprache und Buchstaben-Schrift abgelöst wurde.

 

  Die Mauer des Königs Schusin, der seinen Anspruch als Weltherrscher kundtat, zeigte sich als nutzlos. Die Integration der Zuwanderer und ihr Beitrag zur Gesellschaft jedoch erwies sich als ein Erfolgsprojekt.

 

 


 

 

09.10.2015

 

 

 

 

Erinnerung I

 

 

Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu erinnern. Ob persönliche Daten (Geburtstage, Hochzeitstage …) oder kollektive Gedenktage (Tag der deutschen Einheit), sie prägen Identität. 

 

  Doch oft genug bleiben geschönte Versionen der Vergangenheit oder manches wird lieber vergessen oder verdrängt.

Auch wenn die Geschichte von manchen als große Datensammlung wahrgenommen wird, so stehen hinter allen Daten menschliche Schicksale.

  Im Jahre 701 v. Chr. wagte der judäische König Hiskia zusammen mit anderen Herrschern kleinerer Staaten des Vorderen Orients einen Aufstand gegen die assyrische Großmacht Assyrien unter ihrem König Sanherib.

Im 19. Jahrhundert grub der britische Archäologe Sir Henry Layard die Assyrerhauptstadt Ninive aus. Die monumentalen Steinreliefs der Thronsäle der assyrischen Könige sind wie Bildergeschichten angelegt und stellen -zur Verherrlichung der Herrscher und der Götter - herausragende Ereignisse dar. Heute kann man sich im Britischen Museum (London)in diese Bilder der Welt des Alten Orients vertiefen.

  So findet sich auch der in der Bibel genannte Feldzug dort wieder, stolze Propagandainschriften künden vom Ruhm Sanheribs. Die Eroberung von Lachis, eine der Festungsstädte Hiskias wir in allen Einzelheiten dargestellt: das übliche altorientalische „Programm” (das bis heute durch die Zeiten so abläuft). Krieg, Kriegsgräuel, Tod, Flucht, Deportation, Versklavung …)

  Lachis wurde total zerstört, erst mühsam nach einigen Generationen wieder aufgebaut. Wenn auch Sanherib Hiskias Hauptstadt Jerusalem nicht eroberte, schwere Tribute die relative Unabhängigkeit erhielten, so blieb nur noch ein verkleinertes, zum Teil zerstörtes und entvölkertes Land.

  Sanherib protzt mit 200.500 Verschleppten (die Zahl ist allerdings wohl eher übertrieben).

  Er selbst endete nach wenigen Jahren durch eine Rebellion seiner Söhne. 70 Jahre später ging das  Assyrereich unter, Babylonien stieg auf - mit dem gleichen „Programm” …

 

 

(Umzeichnung eines Ausschnitts aus dem genannten Relief)

 

 

 


 

 

02.10.2015


Heute auf der AWA-Herbsttagung

02.-04.10.2015

in Haus Hainstein, Eisenach


Adventistische Weltkirche nach San Antonio/Texas 2015 -

Analyse, Reflektion, Perspektiven aus westeuropäischer Sicht ...

 

 




25.09.2015


Gute Nachricht


Es gibt auch noch gute Nachrichten: Eine 17-jährige Schülerin aus Conncticut/USA hat, angeregt von der Ebola-Krise in einigen afrikanischen Staaten, in einem naturwissenschaftlichen Schulprojekt einen Schnelltest entwickelt, der nicht erst nach 12 Stunden, sondern schon nach 30 Minuten sichere Ergebnisse liefert. Es genügt ein Bluttropfen auf präparierte Papierstreifen, hinzugefügte Seidenproteine stabilisieren zudem das Blutserum, so dass es bei Zimmertemperatur mehrere Wochen aufbewahrt werden kann. Dieser Test ist außerdem noch sehr kostengünstig. Damit erfüllt er alle Voraussetzungen für einen Einsatz auch in ländlichen Gebieten Afrikas.

 

 


 

 

11.09.1915


Herzlichen Glückwunsch Marienhöhe!

 

 

 

 

Die Zwanziger Jahre brachten einen adventistischen Bildungsaufbruch in Deutschland. Nachdem 1893 (de facto) die Zentrale der adventistischen Mission von Basel nach Hamburg verlegt worden war, begann man dort auch Kurse für Pastoren, Missionare und Buchevangelisten einzurichten. Dieser Schulbetrieb wurde 1899 nach Friedensau (Sachsen-Anhalt) verlegt - heute die Theologische Hochschule Friedensau, mit staatlich anerkannten Abschlüssen.

  Nach dem Ende des 1. Weltkriegs entschlossen sich 1921 die nord- und westdeutschen Adventisten, zusammen mit den niederländischen Gemeinden, eine weitere Schule im Neandertal bei Mettmann einzurichten (bis 1952). Die süddeutschen Adventisten, zusammen mit den Österreichern und den deutschsprachigen Schweizern wollten es ihnen gleich tun, nach einem Jahr in in Kirchheim-Teck und zwei Jahren in Bad Aibling erwarb man 1924 die ehemalige Elizabeth-Duncan-Schule auf der Darmstädter Marienhöhe für ein Theologisches Seminar und mehrere Schulzweige. Am 13.09.1925 wurde das „Seminar Marienhöhe” eingeweiht. Die verschiedenen Schulzweige hatten ihre zeitbedingte Bedeutung, das Theologische Seminar wurde nach der deutschen Wiedervereinigung mit der Theologischen Hochschule Friedensau zusammengelegt. Der ehemalige allgemeinbildende Zweig der Marienhöhe hat sich heute zum angesehenen „Schulzentrum Marienhöhe” mit Gymnasium, Kolleg, Realschule und Grundschule entwickelt.

  Die Begeisterung für diese Institution hat die wechselvollen Zeitläufe überdauert. 90 Jahre spannende Schulgeschichte - und kein bisschen müde!       (Siehe auch: www.marienhoehe.de und www.promarienhöhe.eu)

 

Marienhöher Schul-Logo der 20er/30er Jahre 

 

 


 

 

07.08.2015


Das verschwundene Schloss


Armand-Jean du Plessis, duc de Richelieu (1585-1642), bekannt als Kardinal Richelieu, war eine der wichtigsten historischen Persönlichkeiten Frankreichs, setzte dem Land als der entscheidende Staatsmann unter Ludwig XIII. seinen Stempel auf. Der staatliche Zentralismus in allen politischen Bereichen wurde vorangetrieben, der später dann dem „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. das absolutistische Herrschen ermöglichte.
  So nahm Kardinal Richelieu zum Beispiel den Hugenotten ihre politischen Sonderrechte, so dass dann 1685, mit dem Edikt von Fontainebleau durch den „Sonnenkönig“, die Aufhebung der Religionsfreiheit für die Protestanten folgte.
  Aus niederem Adel stammend, war der mächtigste Mann Frankreichs, als vom König zum Herzog erhoben, bestrebt, seine Macht und Herrschaft allen sichtbar zu machen. Das eher bescheidene Schloss der Familie aus dem 15. Jahrhundert genügte nicht mehr dem Stand der kleinen Landesherrschaft in der Touraine (heute im Département Indre-et-Loire, in der Region Centre, etwa 3 Std. südwestlich von Paris). So wurde es abgerissen und durch einen bombastischen Neubau ersetzt. Gleichzeitig kaufte der Kardinal im weiten Umfeld die prächtigsten und wichtigsten Schlösser auf (u.a. Chinon), um sie abreißen oder verfallen zu lassen, damit sein Prachtsitz umso größer erstrahle.
  Natürlich gehört zu so einem Schloss auch die „ideale Stadt“. Nach geometrischem Muster von den besten französischen Architekten ihrer Zeit konzipiert und erbaut, sicherlich nicht so sehr aus Altruismus, aber auch nach dem Vernunftsprinzip, alles unter Kontrolle zu haben. Kein Wunder, dass Hofstaat und andere potentielle Bewohner erst einmal skeptisch waren und mit Geld und Steuerfreiheit „überzeugt“ werden mussten.
  Immerhin soll schon der französische Autor Jean de La Fontaine (1621-1695), in Deutschland bekannt durch seine Fabeln, diesen Ort als „das schönste Dorf des Universums“ bezeichnet haben.
 Das Schloss, mit dem sich Richelieu ein Denkmal setzen wollte, gibt es nicht mehr. Nach der französischen Revolution konnte die Familie den Prachtbau nicht halten und verkaufte ihn auf Abbruch. Auch die wertvollen Sammlungen, Kunst, Bücher etc. des Kardinals wurden weit verstreut, finden sich in vielen Museen.
  Geblieben ist der große, wirklich eindrucksvolle Park (500 ha) mit wenigen verbliebenen Bauelementen.
  Geblieben ist aber vor allem das Städtchen Richelieu, das sich als überlebensfähig erwiesen hat und derzeit etwa 1.800 Einwohner hat. Den Titel „schönstes Dorf des Universums“ mag man heute wohl als Übertreibung ansehen, doch anders als von manchen  der seitdem als Utopien entstandenen Ortsplanungen und -gründungen, wurde diese Siedlung von ihren Bewohnern seit Generationen als guter Platz zum Leben angenommen.


Richelieu steht zu Recht unter Denkmalschutz. Auf dieses nachhaltige Denkmal kann der so stolze Kardinal wirklich stolz sein.


 


 

 

31.07.2015

Es gibt auch noch gute Nachrichten

Die Medien melden es fast verwundert: Ebola-Impfstoff in Guinea erfolgreich getestet. Bei bisher fast 8.000 Teilnehmern in besonders gefährdeten Gebieten und Verhältnissen ergab es einen wirksamen Impfschutz nach 10 Tagen von 100%. Das erstaunte selbst die Forscher.
  Es bleibt zu Hoffen, dass die beteiligten Firmen und die WHO am Ball bleiben, schließlich wusste man wohl schon seit 2005, dass der Impfstoff bei Affen wirkt, doch weitere Test in Bezug auf den Menschen erfolgten nicht. Erst mit der Ebola-Ausbruch von 2014 wurde die Forschung beschleunigt.
  Bis heute sind mehr als 27.800 Menschen erkrankt und über 11.200 an den Folgen des Virus gestorben. Guinea, Liberia und Sierra Leone waren am stärksten betroffen, Wirtschaft und Gesundheitssysteme brachen zusammen.
  Es ist ein Problem, dass das Interesse und das Geld für die Erforschung von Krankheiten in „fernen“ Ländern rar sind, es „rechnet sich nicht“. Auch manche Verhältnisse vor Ort ermutigen kaum (siehe der weltweite Kampf gegen Polio [Kinderlähmung]!).
  Erst wenn die Industrienationen gefährdet sind, wenn Pandemien drohen, gibt es erfahrungsgemäß einen Forschungsschub. Vielleicht sollte man daran denken, dass Krankheiten und Epidemien schon immer global agierten (Pest, Cholera, „Spanische Grippe“, AIDS ...).


 


 

 

24.07.2014

 

Sehnsucht nach einer neuen Erde

Große Begeisterung, wann immer ein „erdähnlicher“ Planet entdeckt wird, also ein Himmelskörper, der Bedingungen aufweist, die unserem Globus eventuell in manchen Aspekten gleichen könnten oder zumindest Vorraussetzungen zu haben scheint, die Leben in welcher Form auch immer ermöglichen könnten.
  Zugleich wird das immer mit dem Gedanken verbunden, vielleicht damit einen Zufluchtsort zu finden, um den Problemen unseres Erdballs zu entgehen.
  Gerade in diesen Tagen berichtet die NASA von der Entdeckung des bislang erdähnlichsten Planeten „Kepler-452b“: aufgespürt von dem seit 2013 durch einen technischen Defekt stillgelegten Weltraumteleskop „Kepler“, dessen übermittelten Forschungsdaten noch lange nicht ausgewertet sind.
  Es mag vielseitig interessant und spannend sein und begeistern, umfangreiche wissenschaftliche Ergebnisse über diesen neu entdeckten Himmelskörper zu erfahren.

Doch zwei Punkte bewahren uns vor zu viel Euphorie:

1. „Kepler-452b“ ist 1.400 Lichtjahre entfernt - für den Menschen für lange, lange Zeit nicht erreichbar.

2. Selbst wenn wir Menschen diese Entfernung überbrücken könnten - das größte Problem wäre, dass wir uns immer mitnehmen würden, „Kepler-452b“ wäre in kurzer Zeit genau so heruntergewirtschaftet wie unser Mutterplanet.

So bleibt uns nichts anderes übrig, als behutsam mit unserer Erde, ihren Schätzen, ihrer Natur und vor allem mit unseren Mitgeschöpfen umzugehen! Wir brauchen diesen fragilen Planeten noch ... und „Kepler 452b“ kann sich freuen.

 

 


 

 

17.07.2015

 

 

 

STUFEN mit trotzigem Pflänzchen Hoffnung

 

Die kleinen Pflanzen sind oft stärker als Fels!

(Foto: wb, Motiv gefunden in Lothringen 2010)

 


 

 

10.07.2015


Um der "Einheit" willen ...


 

Für die ersten Adventisten in den Vereinigten Staaten war Mission auch wie selbstverständlich die Weitergabe des „American Way of Life“. Er kam aber bei der adventistischen Mission in Europa schon im 19. Jahrhundert an seine Grenzen, und die Europäer verstanden Mission eher in Richtung Inkulturation.
  Langsam folgte, wenn auch skeptisch - man wähnte immer wieder die „Einheit“ in Gefahr - die amerikanische „Mutterkirche“.

 

  Lediglich um die 13% der etwa 19 Millionen Mitglieder der STA-Weltkirche stammen nun noch aus den frühen adventistischen Gebieten Nordamerika, Euro und Australien. Selbstverständlich denken und leben die Gemeinden der Südhalbkugel aus ihrem eigenen Kontext - doch den Adventisten der Nordhalbkugel wollen sie das nicht zugestehen: um der „Einheit“ willen ...

   Der letzte Abend der Vollversammlung der Generalkonferenz nannte sich früher "Parade der Nationen" und sollte die Vielfalt der "adventistischen Familie" zeigen - Einheit in Vielfalt. Es war allerdings immer eher so eine Art Folklore-Show für das Auge, symbolisch mit vielfältigen Trachten und Gewändern.*

  Wirkliche Einheit in Vielfalt konnte diese "Parade der Nationen" nicht darstellen. Heute heißt dieser Programmteil "Mission on the Move", es hat sich aber nicht viel geändert.

*Für eine der vergangenen Vollversammlungen lieh sich die deutsche Delegation einmal eine Schwälmer-Tracht aus. Als die Besitzerin ihre Tracht später im Film sah, musste sie feststellen, dass die Trägerin (trotz ausführlicher Einweisung) der Komplexität dieser Tracht gar nicht gewachsen war. Zu diesem Zeitpunkt trug übrigens nur noch eine betagte adventistische Schwälmerin täglich (Witwen-)Tracht - immerhin.

 

(Diese Woche stammt das STUFEN-Bild aus Berlin - Foto: pmb)

 

 


 

 

03.07.2015


Der Fortschritt ist eine Schnecke


Die Adventistische Weltsynode (Vollversammlung der Generalkonferenz) tagt vom 02.07.-11.07.2015 in San Antonio/Texas. 2.566 Delegierte vertreten die mehr als 18 Millionen (erwachsen getaufter) Siebenten-Tags-Adventisten, um die Weichen für die nächsten fünf Jahre zu stellen.

57% der Kirchenmitglieder sind Frauen. Seit Jahren wird geklagt, dass der Delegiertenanteil der Frauen zu gering sei. Doch diesmal ist er gewachsen.

Vor fünf Jahren, 2010 in Atlanta, waren es 16% - mit viel Mühe kam man diesmal auf den Rekordanteil von 17%!

 

Welch ein Fortschritt! Wenn das in diesem Tempo weitergeht, werden noch 40 Generalkonferenzen gebraucht - sprich 200 Jahre - bis der Frauenanteil der Delegierten, dem des Mitgliederanteils entspricht!

 

P.S.:

Nicht solange braucht möglicherweise der Beschluss zur Ordination von Frauen zum Pastorendienst (bzw. der Möglichkeit der Frauenordination in den unterschiedlichen Weltgegenden):

 

1990 Vollversammlung der Generalkonferenz in Indianapolis:     377 : 1.173               = 24,32% Zustimmung

1995 Vollversammlung der Generalkonferenz in Utrecht:             673 : 1.481               = 31,24% Zustimmung

2015 Vollversammlung der Generalkonferenz in San Antonio:     977 : 1.381/ 5 Enth. = 41,35 % Zustimmung

 


 

 

19.06.2015

  

  

Paris, Installation im Musée de l’histoire de l'immigration 2012
"Climbing down" von Barthélémy Toguo, 2004

 

(*1967 in Kamerun, lebt und arbeitet in Paris und Bandjoun, zeitweise auch in Düsseldorf)

 

Ausgesucht als Gedanken zum Weltflüchtlingstag am 20.06.2015

  (Foto: pmb)

 


 

 

12.06.2015


Seebestattung

 

Der Abschied von Verstorbenen ist selbst in Deutschland äußerst vielfältig. Mit einer Fülle von unterschiedlichen Traditionen und immer neuen Ritualen und Wegen wird versucht, mit dem Phänomen des Todes fertig zu werden, das uns ja auch immer wieder begegnet und wenigstens für einen Moment innehalten lässt.
  Seebestattung ist dem Binnenländer meist wenig bekannt. Auf der Insel Fehmarn verstarb eine gute Freundin. Der größeren Trauerfeier folgte einige Wochen die gewünschte Seebestattung im kleinen Kreis.
  Nein, es gibt kein spezielles Bestattungsschiff, das - so könnte man meinen - etwa als eine Art Sakralort ausgestattet ist.
  Fast gemäß dem Lutherlied „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ lag das Schiff, ein Hochseeangelschiff, das gerade seine Angel-Teilnehmer an Land ließ, im Fischereihafen (nicht im Yachthafen), und wurde schnell geschrubbt und gereinigt, um dann die 12 Personen aufzunehmen, die in der Kajüte Abschied nahmen. Die Urne war auf einem mit Tüchern, Kerzen, Kranz, Blüten, Bild der Verstorbenen und einem ihrer Kunstwerke geschmückten Tisch vor der Theke, die auch mit Tüchern bedeckt war, platziert. Den Ablauf der kleinen Feier mit Lesungen und Musik hatte die Verstorbene schon zu Lebzeite
n verfügt.

 

 

Auch wenn die übliche Funktion des Schiffes zu keinem Zeitpunkt zu übersehen war, so konnte man sich doch recht gut auf die Trauerzeremonie und das Erinnern fokussieren.
  Nach etwa 30 Minuten Fahrt war der festgelegte Seefriedhof erreicht, mit einem kurzen Abschiedswort wurde die Urne (die sich innerhalb von 24 Stunden auflösen muss) ins Wasser gelassen, zusammen mit einem Kranz und Blumen (einzeln) und Blüten der Trauernden. Zudem versenkten alle Teilnehmer größere Kiesel, die sie zuvor mit einem persönlichen Text wasserfest beschrieben hatten.
  Dreimal umrundete das Schiff traditionsgemäß die Bestattungsstelle, verabschiedete sich mit dreimaligem Schiffshorn und fuhr dann in Richtung Hafen zurück, lange genug, um sich individuell oder mit den andren Trauernden seinen Gedanken hinzugeben.
  Noch recht lange sah man die Spuren des Kreises in der ruhigen See - und ließ Urne und Blumen in der gefühlten Unendlichkeit des Meeres allein, dessen wirklicher Teil sie bald sein würden.
  Dieses intensive Gefühl, dass man einen Menschen in die große Einsamkeit der Weite des Meeres allein lässt, war mir neu. Bei einer üblichen Erd- oder Urnenbestattung übergibt man die Toten auf einem Friedhof ja in einen Kontext der Gemeinschaft.
  Das gemeinsame Essen in einem Restaurant am Hafen gab, wie bei den meisten Beerdigungen, noch einmal Raum für das Austauschen von Erinnerungen an die Verstorbene.
  Einmal im Jahr werden Gedenkfahrten zum Seefriedhof veranstaltet. Auf der Bestattungsurkunde ist zudem der genaue GPS-Punkt der Bestattung verzeichnet. So ist ein Gedenken auch ohne Grabstein möglich.


(Foto: wb)

 


  

22.05.2015


Palmyra - Gedächtnis der Menschheit

 

 

 

 

Er kannte nur einen Kupferstich von den Ruinen Palmyras, als Hölderlin um 1803/04 in seinem Gedicht „Lebensalter“ Palmyra als Metapher für Ruhm und Vergänglichkeit gebrauchte: „... Ihr Gassen von Palmyra! Ihr Säulenwälder in der Eb‘ne der Wüste! Was seid ihr? ...“
  Heute ist Palmyra wieder ein Synonym - für Anmaßung, Gewalt, Tod, Elend, Flucht ... und für die Versuche, das kulturelle Gedächtnis der Menschheit auszulöschen.
  Der Bürgerkrieg in Syrien soll seit 2011 mehr als 200.000 Menschen das Leben gekostet haben, zumeist Zivilisten. Etwa neun Millionen Menschen sind auf der Flucht - das ist fast die Hälfte der Bewohner Syriens - davon 6,5 Millionen innerhalb des Landes, und etwa 2,5 Millionen flohen aus dem Land.
  Syrien, eine Wiege unserer Kultur, ein Gebiet, das aufs Engste verwoben ist mit der biblischen Geschichte und der Entstehung des Christentums.
  Auf meinen Reisen dort begegnete ich liebenswerten, freundlichen, hilfsbereiten Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion und Lebensart.
  Palmyra, die große Oase inmitten der Wüste, wichtiger Kreuzungspunkt von Straßen und Wüstenpisten, beeindruckt durch die Ruinen aus römischer Zeit. Der dazugehörige Ort benennt sich wieder nach dem vorrömische Tadmor. Die berühmte Königin Zenobia, die von den Römern besiegt worden war, hat sich mit manchen Sagen verwoben.
  Palmyra ist seit 1980 UNESCO-Weltkulturerbe, gehört also zum Gedächtnis der Menschheit.
  Nun hat auch noch der sogenannte „Islamische Staat“, bekannt auch durch seine ideologischen Zerstörungen von Kulturgut und der Ausplünderung von Museen und Grabungsorten, Palmyras Ruinenfeld, den Ort Tadmor und die alte, in Sichtweite gelegene - strategisch wichtige - Mameluckenburg besetzt.

 

Palmyra ist nicht nur ein Flecken in der Wüste, Palmyra geht uns alle an.


Mit Sorge denke ich an die Menschen, denen ich in Palmyra und Syrien begegnet bin. Mit Zorn denke ich an die derzeitige Kulturbarbarei in weiten Gebieten Syriens und des Iraks. Hehler dieser Barbarei finden sich übrigens auch in Europa - sie finanzieren mit Ankauf des Raubgutes die Fortsetzung der Kämpfe.
  Ein Glück, dass in Palmyra der größte Teil der Geschichte noch unter der Erde liegt.


Im Übrigen wird dort nicht mit Pfeil und Bogen, Speer oder Schwert gekämpft, sondern unter anderem mit den modernsten westlichen Waffen ...

 

   

   

   

Palmyra, Oase inmitten der Wüste (1977)

 

Ruinenfeld aus römischer Zeit (1981)

 

Im Hintergrund das alte Hotel Zenobia, erbaut um 1900, hier wohnte u.a. schon Agatha Christie. (1977)

 

Terrasse des Hotels Zenobia (1981)


(Fotos: Panorama Wikipedia, Zeledi 2005; wb 1977 u. 1981)
 


  

08.05.2015


Das blutige Jahrhundert

 

Vor 70 Jahren wurden die Kampfhandlungen in Europa eingestellt. Doch beendet ist das blutige Jahrhundert noch nicht. Tod, Leid, Flucht, Vertreibung, Unterdrückung, Verfolgung, Vergewaltigung - die Traumata wirken bis heute, auch in Kind und Kindeskind.

  Es bleibt zu hoffen, dass der dünne Firnis der Zivilisation nicht noch einmal reißt. Der Schock der großen Kriege hat bisher meine Generation und die folgenden vor einer Wiederholung des eigentlich unvorstellbaren Schreckens bewahrt. Vielleicht bleiben Frieden und Verständigung der Normalfall - auch wenn es vielseitig harte Arbeit bedeutet.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Foto: pmb)

 


 

01.05.2015


Kinder kein Umweltmangel

Am 29. April 2015 fällte der BGH ein Grundsatzurteil (Az.: VIII ZR 197/14) zu der Frage, unter welchen Voraussetzungen eine Mietminderung wegen sog. Umweltmängel möglich ist. Vorliegend ging es um Lärmbelästigung durch Kinder von einem Nachbargrundstück, 20 m entfernt auf einem Schulgrundstück, einem Bolzplatz für Kinder, der erst nach vielen Jahren des Wohnens dort eingerichtet worden war.
  Glücklicherweise hatte der Bundestag 2011 das Bundes-Immissionsschutzgesetz verabschiedet. So machte der BGH deutlich, dass Kinderlärm kein Umweltmangel sei, eine Mietminderung also nicht möglich. Der Fall von Jugendlichen und Erwachsenen müsse allerdings differenzierter beurteilt werden.

§§ 22 Abs. 1a BImSchG vom 28. Juli 2011
„(1a) 1Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und ähnlichen Einrichtungen wie beispielsweise Ballspielplätzen durch Kinder hervorgerufen werden, sind im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung. 2Bei der Beurteilung der Geräuscheinwirkungen dürfen Immissionsgrenz- und -richtwerte nicht herangezogen werden.“

P.S.: Die Kläger mag es vielleicht nicht trösten, dass es viel weniger Kinder gibt als in den letzten zwei, drei  Generationen - zudem sitzen heute viele Jungs stundenlang vor dem Computer.
Diese Geräte gab es glücklicherweise in meiner Kindheit noch nicht, daher habe ich so oft wie möglich draußen mit den anderen Kindern gespielt, alle waren „auf der Gass“, selbstverständlich leise, man hat uns nur schon von weitem gehört: unsere Schallgrenze wurde nicht von 20 Metern (auch nicht von 200 m!) begrenzt!!

 

 


 

 

24.04.2015


Das Mittelmeer ist weit?

Die Mütter und Vater des Grundgesetzes brachten die Erfahrungen der Nazizeit mit ein. Gerade in den Grundrechten. Ein kleiner Satz bezog sich besonders auf die Erfahrungen von Hunderttausenden von Deutschen, die wegen politischer oder rassistischer Verfolgung das Deutsche Reich verlassen mussten und vor der Frage standen, wo sie Zuflucht finden könnten. Manche mussten jahrelang den Erdball umrunden, um einen sicheren Platz mit Zukunft zu erhalten. Dabei sollte die Flüchtlingskonferenz von Évian (06.06.-15.07.1938) diesen Menschen helfen. Doch außer hehren Worten des Bedauerns geschah nichts, im Gegenteil: nach der Konferenz bemühten sich die Staaten, ihre Grenzen stärker abzuschotten.
  Der kleine Satz der Erfahrung findet sich im GG von 1949 in Artikel 16 (2), zweiter Satz: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“
  Vielen ein Dorn im Auge, erfolgte (spätestens) 1993 der große „Sündenfall“. Da dieses Grundrecht aus verschiedenen Gründen nicht abgeschafft werden konnte, schuf man mit einem neuen Artikel 16a, dessen 1. Abschnitt den bisherigen Satz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ enthält, aber von vier weiteren ausführlichen Absätzen definiert wird. Deutlich zieht Absatz 2 eine Mauer um die Bundesrepublik: „(2) Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften oder aus einem anderen Drittstaat einreist, in dem die Anwendung des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten sichergestellt ist. …“
  Da die Bundesrepublik von sicheren Drittstaaten umgeben ist, findet sich eigentlich kein Schlupfloch mehr, zumal durch Ausführungsbestimmungen verschiedener Art die Mauer noch höher gezogen wurde: zum Beispiel kann man Asyl nur in Deutschland beantragen, nicht in deutschen diplomatischen Vertretungen, Visumspflicht besteht grundsätzlich (bis auf die wenigen von der EU ausgewählten Länder, die davon ausgenommen sind), Airlines dürfen Reisende ohne Visum nicht von Bord lassen …
  So ist die Bundesrepublik zu Wasser, zu Lande und aus der Luft abgeschottet. Zudem schottet sich Europa gemeinsam ab.
  Doch aus der Wirklichkeit kann man sich nicht ausklinken. Die Menschen kommen. Und die Bundesrepublik und Europa sind nicht wirklich darauf vorbereitet. Flüchtlinge, Vertriebene, Verfolgte … - mehr als 60 Millionen Menschen sollen weltweit aus politischen, religiösen, Kriegs- und Bürgerkriegsgründen und aus Hunger und Not unterwegs sein, vor allem Frauen und Kinder. Dazu kommen noch diejenigen, die eine Zukunft für sich und ihre Familien suchen, „Wirtschaftsflüchtlinge“ wie sie zumeist genannt werden (so wie in der Vergangenheit Millionen von Deutschen Auswanderern Zuflucht in der „Neuen Welt“ gesucht haben).
  Bisher war das Mittelmeer weit, ein sonniges Refugium für Urlauber - und Deutschland gut abgeschottet durch die europäischen Mittelmeer-Anrainerstaaten.
  Doch irgendwann kann sich unser Land, kann sich Europa dem Tod und Elend der Flüchtlinge über dem Mittelmeer nicht mehr verschließen. Gerade wer sich auf das christliche Abendland beruft und seine Verfassung „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ geschaffen hat, sollte kluge Lösungen finden. Aber bitte keine neue „Konferenz von Évian“.

 

 


 

 

27.03.2015


Stromausfall in Amsterdam

Massiver Stromausfall in Amsterdam, auf dem Flughafen Schiphol und in Nordholland. Keine Flüge mehr, Züge blieben auf offener Strecke stehen, Menschen saßen in Straßenbahnen und Fahrstühlen fest, Mobilfunknetze fielen aus und Krankenhäuser, Radio und Fernsehen schalteten auf Notstrom um, doch die meisten Menschen konnten die Programme gar nicht empfangen. Computer und elektrische Geräte standen still, auch Heizungen waren betroffen - und natürlich alle Ampeln. Die Polizei musste verstärkt Streife gehen, da die Sicherheitssysteme ausfielen ... und dann gab es noch die ungewohnte Dunkelheit am frühen Morgen - die wahrscheinlich manche gar nicht bemerkten, da auch viele Wecker ausfielen ... eine Metropole und ihr Umland waren lahmgelegt.
  Wie problemlos war doch ein Stromausfall in meiner Kindheit. Kein Licht mehr: also brachte ich meiner Mutter eine Kerze, damit sie an der (natürlich mechanischen) Schreibmaschine weiter schreiben konnte. Geheizt wurde mit Holz und Kohle. Telefon hatten wir noch nicht. Und die D-Züge wurden ohnehin von eindrucksvollen Dampflokomotiven über das nahe Viadukt gezogen ...
  Jahre später musste ich durch einen Stromausfall allerdings einige Stunden in einem Fahrstuhl verbringen, die Arbeitskollegen/innen holten inzwischen die alten mechanischen Schreibmaschinen aus dem Schrank oder machten fröhlich schwätzend Ablage.
  Amsterdam zeigte wieder einmal die immens angestiegene Abhängigkeit von der Energieversorgung. Wenige Tage ohne Strom, wenn die Notstromaggregate aufhören zu arbeiten, beginnt der Abstieg unserer Zivilisation, vor allem in den Metropolen, die vielfältig allein von Pumpen abhängig sind ...
  Aber die Medien melden gerade wieder das langsame Anfahren der Stromversorgung. Glück gehabt Holland!

 

 


 

 

13.03.2015


Heute auf der AWA-Frühjahrstagung

13.-15.2015

in Frankfurt am Main

Geist - Seele - Leib: Was ist der Mensch?

Theologische Anthropologie aus evangelischer, katholischer und adventistischer Sicht

 

 


 

20.02.2015


7 Wochen ohne
...

Seit Aschermittwoch läuft die evangelische Fastenaktion „7 Wochen ohne“, die jedes Jahr ein besonderes Thema hat.

In diesem Jahr:. „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“.
Da würde es sich für das nächste Jahr anbieten: „7 Wochen ohne Internet-Kommentare und -Leserbriefe.“
Gerade den religiösen Medien täte das sicher sehr gut!!

 

 


 

30.01.2015

 

Gefühl versus Statistik


Sechs Student/innen diskutieren lautstark im Zug: Deutschland werde immer unsicherer, die Zahl der Morde sei kontinuierlich jährlich stark angewachsen ...
   Schließlich entschließe ich mich, per Smartphone in die Kriminalstatistik zu schauen. Ergebnis: Seit Jahren stark fallende Mordzahlen (282 im Jahr 2013), Aufklärungsquote über 96%. Während ich noch zögere, dieses Wissen der Diskutierrunde preiszugeben, hält der Zug in Marburg und die Gruppe steigt aus. Ich bleibe grübelnd zurück, weshalb Statistik und „gefühltes“ Wissen so auseinander driften können. Ich surfe weiter im Netz unter TV-Tote. Da stellt es sich heraus, dass allein die 36 ARD-Tatorte 2014 150 Tote verzeichnen, 2015 soll es ähnlich werden. Wer nun Zeit hat, der mag auch noch die anderen TV-Krimi-Mordopfer zählen, kaum ein Krimi kommt mehr ohne Tote aus. Zudem ist die Zahl der Wiederholungen auf allen Kanälen fast unerschöpflich. So summiert sicher so mancher Fernsehkonsument wöchentlich mehr TV-Opfer als die Realität im Jahr ergibt.
   Da ja nun fast jedes reale Mordgeschehen ausführlich in den Medien präsentiert wird, später noch einmal zu der Gerichtsverhandlung, gegebenenfalls auch zu einer Berufungsverhandlung aufbereitet wird, zudem die globale Nachrichtenübermittlung auch noch die spektakulärsten weltweiten Fälle vorstellt - und dann noch die allgegenwärtigen TV-Toten - da ist das „gefühlte“ Wissen doch stärker als die Statistik.
   Übrigens zum Vergleich: Im Haushalt verunglücken pro Jahr mehr als 8.000 Menschen tödlich, im Straßenverkehr etwa 3.800 ...

 

 


 

16.01.2015

 

Mit anderen Augen lesen

Es währte nur kurze Zeit - „Je suis Charlie“ - als Synonym für Meinungs- und Pressefreiheit, für Freiheit überhaupt und Solidarität, kurz: unsere gesamte demokratische rechtsstaatliche Ordnung.
   Dann doch immer wieder leichte Absatzbewegungen, „Je ne suis pas Charlie”, auch in manchen christlichen Kreisen, „ja aber“ - natürlich gegen Gewalt, natürlich in Solidarität mit den Opfern und Trauernden - aber sich mit der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ solidarisieren? Nahm diese doch oft genug alles Religiöse nicht gerade sanft, für manche fast oder deutlich unerträglich aufs Korn?
   Nun muss niemand diese Zeitung mögen. Man muss sie weder kaufen noch lesen. Aber wer in der Freiheit lebt, muss diese Freiheit der Andersdenkenden auch aushalten, denn sie schützt meine Freiheit.
   Auch wenn sich Christen auf das biblische Menschenbild der Freiheit und Verantwortung berufen - jedoch in der Kirchengeschichte zumeist nicht praktizierten, formulierte erst die Aufklärung die Menschenrechte, die heute die Grundlage der demokratischen Gesellschaften sind.
   Natürlich darf man und soll man sich mit der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ kritisch auseinandersetzen. Doch Christen mögen sich auch fragen, ob alle ihre publizierten Äußerungen den Respekt zeigen, der von anderen eingefordert wird. Man lese einmal unbefangen mit agnostischen, atheistischen oder nichtchristlichen Augen all die eigentlich Unzumutbarkeiten, die oft genug (im 21. Jh.!) präsentiert werden.
   Da wird der Kurienkardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, nicht müde, die Reformation als Schuldige für den Säkularismus der Neuzeit zu benennen. Die Kirchenspaltung in Folge der Reformation habe erst einem Säkularismus Tür und Tor geöffnet, der die Kirchen in der Öffentlichkeit marginalisiert und Religion ins Private verdrängt und habe so zu einer „Emanzipation der modernen Kultur“ vom Christentum geführt. Was bedeutet diese Klage? Zurück in „die gute alte (vorreformatorische) Zeit“?
   Seit Jahren findet sich unglaublich wenig Respekt in einer Reihe von evangelikalen und konservativen evangelischen Publikationen, wenn es um das Frauenbild, um Familie (Scheidung!) oder Homosexualität geht.
   Auch adventistische Äußerungen sind manchmal nur schwer zu ertragen. So hieß es im adventistischen Bibelstudienheft 4/2013 anmaßend:
„Die Herausforderungen, vor die sich unsere Glaubensgeschwister … gestellt sehen, um das postmoderne Europa mit dem Evangelium zu erreichen, sind vielfältig. Die meisten Menschen suchen zwar Beziehungen, aber nicht nach einer Beziehung zu Gott. Viele halten nichts vom christlichen Glauben und erwarten auch nichts von Gott. Die Kirchen sind erschreckend leer, weil für große Teile der Bevölkerung Wohlstand und materielle Sicherheit wichtiger sind als religiöse Überzeugung oder geistliche Gewissheit.
   Eigenartige unterstellende Alternative. Wenn viele nichts vom christlichen Glauben und auch nichts von Gott erwarten, zeigt das nur, dass es den christlichen Kirchen und Gemeinschaften und ihren Mitgliedern (trotz guten Willens) oft nicht gelingt, die Relevanz ihres Glaubens für das Leben anderen zu vermitteln.

 

 

Einfach mal mit anderen Augen lesen, was andere Augen lesen müssen.

 

 


 

09.01.2015

 

 

 

 

 

 


 

26.12.2014

 

Schnappsidee vor dem Weihnachtsfest
BILD schafft Nachrichten selbst

Überschrift in der BILD-Zeitung vom 22.12.14: „Politiker fordern: Christen sollen im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen“.
Benannt wird insbesondere der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Omid Nouripour, Moslem und im Iran gebürtig.
   Irritationen, Aufregung, die anderen Medien von SPIEGEL bis idea übernehmen ungeprüft, ein SPD-Abgeordneter stimmt der genannten Forderung angeblich zu und der Vorsitzende des Zentralrats der Moslems soll sogar schon einen Liedvorschlag haben. Vor allem laufen auf allen möglichen Netzwerken und Medien unerträgliche Hasskommentare heiß. Doch was war wirklich geschehen?
   Omid Nouripour schreibt dazu: „Am letzten Dienstag rief mich eine Journalistin der BILD-Zeitung an und fragte mich, ob ich bereit wäre die Forderung zu erheben, dass als Zeichen des friedlichen Zusammenlebens in Kirchen zur Weihnachtszeit ein islamisches Lied gesungen werden soll. ... Meine Antwort war, dass die Forderung nur dann Sinn mache, wenn dann auch Weihnachtslieder in der Moschee gesungen würden.“
   Obwohl also BILD diese Forderung erhebt, wird das also in der Zeitungsmeldung Nouripou zugeschrieben, vor allem auch seine Konditionalität wird verschwiegen - die ja eigentlich klar macht, dass diese Forderung Nonsens ist.
   So wird z.B. in den Moscheen gar nicht gesungen, von eventueller Litanei der Vorbeter abgesehen ...

Wenn eine Zeitung sich ihre Nachrichten selbst schafft, ist das unprofessionell. Wenn eine Zeitung in diesen Zeiten mit solchen Überschriften provozieren will, halte ich das für töricht und verantwortungslos. Erklärlich mag das vielleicht nur mit manchen heute noch üblichen betrieblichen Vor-Weihnachtsfeiern sein.

 

 


 

 

24.12.2014

 

Weihnachtsfreude

 

 

 

 

 

 

 

Der rote Teppich der Filmfestspiele in Cannes ist ein vielbesuchtes Ziel der Touristen. Doch zur Advents- und Weihnachtszeit gelingt es nur ganz selten, diese Treppe ohne Menschen zu fotografieren. Die Besucher stehen fröhlich Schlange, um ihre Lieben - Familien mit allen Generationen und in allen Varianten, Liebespaare, unterschiedliche Gruppen, Menschen aus allen Erdteilen - auf dieser mit südlichem Weihnachtskitsch geschmückten Treppe aufs Bild zu bannen.

 

Hier zeigt sich wieder einmal die unverwüstliche Kraft des Weihnachtsfestes: ein Fest der Freude, selbst in vielfältigen Metamorphosen.


 (Foto: wb)

 


 

 

28.11.2014

 

 

 

Welch ein Gottesbild!

 

 

Wer in der Adventgemeinde aufgewachsen ist, hat dererlei Berichte (hier: Adventist World dt. Oktober 2014) immer mal wieder gehört und gelesen: Um des Sabbats Willen verschiebt ein Adventist eine Reise oder sagt sie sogar ab - und wird dadurch vor einem Unglück bewahrt. Auch in obigem Artikel erzählt der Autor von einer Adventistin, Frieda Souhuwat-Tomasoa, Mitarbeiterin der „Unrepresented Nations and Peoples Organisation, UNPO“, die zu einer wirklich dringenden und wichtigen Sitzung nach Ambon/Indonesien fliegen wollte, aber im letzten Moment aus Gewissensgründen   doch nicht an dem schon gebuchten Flug MH17 des 17. Juli  2014 (Freitag) mit der Malaysia Airlines fliegen wollte, da sie dadurch am Sabbat in Indonesien hätte reisen müssen. So flog sie schon am Donnerstag von Amsterdam zu ihrem Ziel. Der ursprünglich gebuchte Flug MH17 wurde - wie allseits bekannt - über der Ost-Ukraine abgeschossen, alle 298 Insassen kamen um.
Der Artikel berichtet weiter von der emotionalen Aufgewühltheit von Souhuwat-Tomasoa, als sie von dem Absturz hörte, und ihrer Dankbarkeit Gott gegenüber: „Gott ist großartig und gut zu seinen Kindern“.
   Jeder Leser wird die Dankbarkeit mitempfinden können. Sicherlich hat auch jeder schon das Gefühl gehabt, dass Gott ihn in besonderen Situationen bewahrt hat. Jeder wird auch Verständnis haben, wenn Souhuwat-Tomasoa nach ihrem persönlichen Gewissen am Sabbat nicht fliegen will. Doch der Schreiber des genannten Berichtes missbraucht dieses Erlebnis. Es wird in Aufmachung und zwischen den Zeilen suggeriert, am Sabbat lieber nicht zu fliegen, da sonst der Segen und der Schutz Gottes fehle. Welch ein Gottesbild!

 

Heute berichten nun adventistische Medien (Adventist Review, APD Schweiz), dass unter den Opfern des Bus-Massakers in Kenia, bei dem am Sabbat, dem 22.11.2014, 28 Menschen von den sogenannten Al-Shabaab-Terroristen ermordet wurden, auch acht Adventisten waren, gerade auf dem Weg zum Sabbat-Gottesdienst ...

 

 


 

 

21.11.14


Schulwege


In allen Medien wird regelmäßig über das immense Verkehrsaufkommen vor Schulen zu Beginn des Unterrichts und in den Mittagsstunden geklagt. Eltern und Verwandte spielen Schultaxi. Dabei behindern sich die Fahrzeuge gegenseitig, wird an verbotenen Stellen gehalten, Fußgänger - darunter natürlich auch viele Kinder - müssen sich gefährdet hindurchschlängeln.
   Natürlich gibt es immer noch diejenigen, die klaglos auch weite und komplizierte Schulwege ohne „Taxi“ bewältigen, doch das ist nicht mehr selbstverständlich.
   In meiner Kindheit bin ich einmal mit dem PKW zur Schule gebracht worden - ich hatte einen verstauchten Knöchel und mein Vater fuhr zufällig in die gleiche Richtung. Mir war das fast peinlich.
   Nun will ich das gar nicht bewerten, denn die Zeiten sind so wie sie sind.
   Doch habe ich in diesen Tagen wieder mal, eher durch Zufall (sprich: "Zappen"), eine Folge (Peru) der Serie „Die gefährlichsten Schulwege der Welt“ gesehen. Obwohl ich den Beitrag schon kannte, fesselte er mich erneut.
   An zwei Beispielen wird das Engagement von Kindern auf dem Titicacasee/Peru gezeigt: Ein Junge muss zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück mit einem Schilfboot rudern und staken, bei Gegenwind oder hohen Wellen noch länger, um zu seiner staatlichen Grundschule zu gelangen. Zwei Mädchen (neun und sieben Jahre alt) kommen mit einem Ruderboot, bei jeweils einer Strecke von einer Stunde, zu ihrer adventistischen Grundschule, machen zumeist noch einen kleinen Umweg, um einen kleinen Jungen für den Kindergarten abzuholen. Auf dem Rückweg darf die jüngere der beiden Schwestern rudern, sie muss es üben, denn im nächsten Schuljahr wird die „Große“ die weiterführende Schule auf dem Festland besuchen - ihr Ziel: sie will Ärztin werden. Ich bin sicher, sie wird es schaffen!
   Die Filmbeschreibung von arte führt dazu aus: „Das Wasser glitzert im Morgenlicht des Titikakasees in Peru. Mit der erwachenden Sonne stehen der elfjährige Vidal und seine Familie auf. Seine Mutter bereitet das Frühstück vor. Gegessen und gekocht wird im Freien - auf einer Schilfinsel. Auf diesen kleinen Inseln findet das Leben auf dem Titikakasee in fast 4.000 Meter Höhe in Peru statt. Hier leben 50 Uru-Familien auf riesigen Feldern aus Totora-Schilf, eine Dorfgemeinschaft auf schwimmenden Schilfinseln. Auch die Schule befindet sich auf einer Insel mitten im Titikakasee, die nur mit dem Boot zu erreichen ist. Täglich setzen sich die Kinder des Titikakasees den Strapazen des Gewässers und der aggressiven Sonnenstrahlung aus. Mit kleinen Ruderbooten oder selbst gebauten Schilfkanus begeben sie sich jeden Tag auf die schier endlosen Weiten des Sees. Wer hier ins zwölf Grad Celsius kalte Wasser fällt und nicht schwimmen kann, ertrinkt. Daher sind die Eltern der Uru-Kinder ständig besorgt, wenn die Kleinen mit ihren Booten losrudern. Der Titikakasee ist durch seine enorme Größe und Lage unberechenbar. Eine schnelle Wetteränderung kann für Vidal und die anderen Kinder eine große Bedrohung darstellen, Wind und Wellen können die kleinen Boote schnell zum Kentern bringen. Doch die Schüler kämpfen täglich dagegen an - und oft genießen sie auch die spektakuläre Ruhe auf dem größten Gebirgssee der Welt. Viele der Schüler fahren gemeinsam zur Schule. Sie bilden Fahrgemeinschaften und übernehmen schon früh die Verantwortung für die Kleinsten, die noch nicht schwimmen können. Die Fahrt  über den 8.300 Quadratkilometer großen See bringt die Kinder an die Grenze ihrer körperlichen Kraft - oft sind sie völlig erschöpft, wenn sie auf der Schulinsel ankommen. ...“

Dieser Film (43 Min.) von Kim Rigauer wird, wie auch die anderen Filme der Serie, immer wieder von verschiedenen Sendeanstalten wiederholt. Anschauen lohnt sich!

 

 


 

14.11.2014


Rosetta/Philae - oder die Entzauberung der Welt

 

 

Kometen galten lange als Schicksalszeichen schlechter oder manchmal guter Nachrichten. So nimmt es nicht wunder, dass spätestens seit dem Kirchenvater Origenes (185 bis ca. 253 n. Chr.) immer wieder auch der „Stern von Bethlehem“ als Komet gedacht wurde und auch die Kunst (z.B. Giotto di Bondone, 14. Jh.) dies eindrucksvoll darstellte.
   Nun hat sich bisher keine der vielfältigen astronomischen Deutungen des Sterns von Bethlehem durchgesetzt. Und die den Menschen eher unheimliche Kometen (Papst Calixtus III. soll sogar den berühmten Halley‘schen Kometen 1456 als „Agenten des Teufels“ bezeichnet haben) gerieten immer mehr in das Visier der Wissenschaftler.
   Jetzt gelang es der Europäischen Weltraumorganisation ESA (Sitz des Operationszentrums: Darmstadt) sogar mit der Rosettasonde das Landungsgerät Philae am 12.11.14 auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko zu landen.
   Mögen die Himmelskörper auch als traditionelle „Zeichen der Zeit“ ausgedient haben, als eindrucksvolle Forschungsobjekte werden sie uns aber noch sehr viel berichten.

 

(Foto: Weihnachtsmarke 2014 Deutsche Post AG)


 


 

05.09.2014

 

Die Balkone der ehemaligen Kathedrale Saint-Théodorit in Uzès

 

 

Mit dem Edikt von Nantes (1598) durch Henri IV. erhielten die Hugenotten Gewissensfreiheit und weitgehend freie Religionsausübung in der Öffentlichkeit. Nach dem Tod des Königs wurden die Freiheits- und Bürgerechte für die Protestanten Schritt für Schritt eingeengt, bis schließlich der Sonnenkönig Ludwig XIV., Enkel von Henri IV., dieses Edikt 1685 ganz aufhob. Hunderttausende, vor allem Adlige und  die Begüterten flohen unter Todesgefahr zumeist in die Schweiz, nach Deutschland, in die Niederlande und nach England. Die Pastoren sollten das Land verlassen, sonst drohte ihnen die Galeere.
  Die Landbevölkerung der Cevennen blieb. Durch rüde Einquartierung von Dragonern (Soldaten) sollten sie zur röm.-katholischen Staatsreligion gezwungen werden. Der sogenannte „Kamisardenaufstand“, zumeist junger Bauern, brach nach einigen Jahren zusammen, viele Orte, Weiler und Gehöfte der Cevennen waren durch die Armee des Königs niedergebrannt.
  In der Stadt Uzès versuchten die Familien ihr Eigentum, das bei einer Flucht dem Staat zufiel, zu retten, indem ein Mitglied der Familie blieb und formal zum Katholizismus übertrat. Mit weiteren Zwangskonvertiten wurden sie nun gezwungen, regelmäßig an den katholischen Messen teilnehmen. Für sie wurden in der Kathedrale zu Uzès extra Balkone eingebaut. Dicht gedrängt mussten sie dort stehen, und die unten Sitzenden achteten streng darauf, dass die „Neubekehrten“ auch richtig das Kreuz schlugen etc.
  Viele dieser Familien lebten dennoch heimlich als Protestanten weiter. Mit der Erklärung der Menschenrechte der franz. Revolution und der Verfassung von 1791 begann die Freiheit des Glaubens wieder, viele der zwangsbekehrten Familien kehrten zum Protestantismus zurück.

 

(Foto: pmb)

  


 

29.08.2014

 

Heute auf der AWA-Herbstakademie (diesmal im Sommer) vom 27.08.-03.09.2014,

im "Hotel Porte des Cevennes" in Anduze/Frankreich,

Thema: Auf den Spuren der Hugenotten (nicht nur) in den Cevennen

 


 

15.08.2014

 

Wiedersehen

 


 

Diese jün gst in einem Museum entdeckten Rundfunkgeräte waren die Hits der Wirtschaftswunderzeit. Millionenfach zeugten sie in den Haushalten von Fortschritt und W

eltläufigkeit.
  Die Medien der heutigen Zeit waren noch nicht einmal vorstellbar. Und dennoch lebte man stolz in einem Bewusstsein, der Moderne anzugehören. Fast möchte man sagen
: „Gute alte Zeit!“
  Demnächst werden diese Geräte, selbst wenn sie technisch noch in Ordnung sind, keine Sendungen mehr empfangen können, da alles digitalisiert wird.
  Im Übrigen ist selbst mein erster Computer aus der Mitte der 80er Jahren den heutigen Anforderungen auch schon längst nicht mehr gewachsen.
  Doch macht es den Eindruck, dass bei allem technischen Fortschritt der vielseitigen Kommunikationsmöglichkeiten, die Schwachstelle immer noch der Mensch ist, diese Schwachstelle sogar immer größer - oder offenbarer - wird. (Allein schon bei Leserbriefen in den digitalen Medien kennt man manchen Bekannten nicht mehr wieder!).
  Vielleicht erleben wir es doch noch, dass der Fortschritt der Technik nicht schneller vorangeht, als der verantwortliche Umgang damit - oder lernen zumindest, besser mit der Lücke zu leben.
Der Rückzug ins Museum ist schließlich auch keine Lösung.

 

(Fotos: pmb und wb)

 


 

01.08.2014


Ein ganz normaler warmer Sommer


Die Folge des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie in Sarajewo war der Beginn einer Kettenreaktion der Unfähigkeit zum Frieden. Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, am 30. Juli erklärte Russland die Generalmobilmachung. Daraufhin befahl Deutschland die Mobilmachung und erklärte Russland am 01. August 1914 den Krieg, daraufhin mobilisierte Frankreich seine Armee ... Am Schluss waren (inklusive Kolonien) zwei Drittel des Globus in einem Krieg verwickelt, dessen vielfältigen verheerenden Ausmaße niemand erahnte, erst recht nicht die Folgen.
  Es war ein normaler warmer Sommer. Wie üblich waren die Vermögenden Berlins unter anderem in den „Kaiserbädern“ der Ostsee (wie übrigens wohl der größte Teil der Militärführung) in Urlaub. „Europas letzter Sommer“.
  Mein Vater, damals ein vierjähriger Bauernjunge in den Masuren/Ostpreußen, saß wenige Tage darauf mit seiner Familie voller Angst in einer Scheune, über die sich hinweg die deutsche und russische Armee beschossen ...
  Erst in diesem Jahrhundert sind in Europa die meisten Folgen des „La Grande Guerre“ - wie Frankreich den 1. Weltkrieg folgerichtig nennt, einigermaßen überwunden, die Traumata der Generationen sicherlich noch nicht.
  Es bleibt zu hoffen, dass aus dem Erlebten, Erfahrenen und Ererbten der letzten 100 Jahre wenigstens die Fähigkeit zum Frieden etwas gewachsen ist.
Es war ein ganz normaler warmer Sommer ...

 


 

11.07.2014


Europäischer Gerichtshof (EuGH) stärkt die Familie


Wer nicht EU-Bürger ist, der muss vor dem Familiennachzug nach Deutschland einen Sprachkurs und -test machen. Das betraf (zahlenmäßig) vor allem Türken, die eine/n Ehepartner/in aus der Türkei heiraten wollten.
  Es sei wichtig für die Integration und gegen die Zwangsehe argumentierte die Bundesregierung.
  Der EuGH sah es anders, er entschied klar nach den Formalia des bestehenden Assoziierungsabkommen der EU mit der Türkei. Die ließen eine Erschwerung des Familiennachzugs nicht zu.
Geklagt hatte eine türkische Ehefrau. Nach 16 Jahren des Getrenntlebens möchte sie, die die Kinder großzog, ihrem Mann nach Deutschland folgen, der hier eine Firma hat. Obwohl die Frau den Sprachtest bestanden hatte, versagte ihr die deutsche Botschaft das Visum, da der Antragstellerin als Analphabetin dies wohl nur durch Auswendiglernen und zufälligem Ankreuzen möglich gewesen sei.
  Ob die bisherige Lösung mangelnde Integration verhindert hat, ist kaum nachzuweisen. Wichtiger sind die verpflichtenden Integrationskurse hier im Land, die weiterhin verpflichtend sind und die Möglichkeit schaffen, dass die betreffenden Migranten Kontakt zu einem anderen Umfeld bekommen.
  Zwangsehen wurden bisher wohl kaum verhindert. Das Problem bedarf mehr als einen Deutschkurs in der Türkei.

Im Übrigen sei hier einmal angemerkt, welch ein Aufschrei es unter den deutschen Rentnern in Spanien, Griechenland, der Türkei ... gäbe, die dort ihren Lebensabend verbringen., wenn man einen Test der Landessprache von ihnen fordern würde. Deutschsprachige Ärzte, Handwerker etc. sorgen dafür, dass man dort auch ohne Sprachkenntnisse überleben kann. Für eine Bestellung im Restaurant reicht es zumeist.

 


 

20.06.2014

 
Paradies

 

„... Das Paradies ist täglich ab 10 Uhr geöffnet.“ 

Nein, es ist nicht das biblische Paradies, von dem der Liederdichter Nikolaus Herman („Lobt Gott ihr Christen allzugleich ...“) im Jahr1560 zum Weihnachtsgeschehen schrieb: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis.“
  Doch der oben genannte Paradies-Begriff geht von dem Verständnis aus, dass dort ein Paradies ist, wo der Mensch nicht ist. Es mag dahin gestellt bleiben, ob ein Ort schon paradiesisch ist, wenn der Mensch fehlt. Immerhin sieht das Jesajabuch den Frieden in der Natur erst als Verheißung einer neuen Erde (Jes. 66).
  Die Kokerei der Völklinger Hütte war einst einer der schwersten Arbeitsplätze der Gesamtanlage, an dem Hitze, Staub und Feuer regierten. Wahrlich eine „Hölle“. Als die Hütte 1986 mit ihrer gigantischen Stahllandschaft stillgelegt wurde, damit auch 17.000 Arbeitsplätze, wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Schritt für Schritt wurde die Anlage museal umgewidmet. Seit Mitte der 90er Jahre finden dort auch eine Fülle von kleinen und großen Kulturveranstaltungen statt. Seit 1994 wurde dieses gigantische Industriedenkmal zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.
  Der Bereich der Kokerei bis hin zur Saar war über zwei Jahrzehnte von der Umwelt völlig abgeschnitten. Auch kein Mensch betrat dieses Areal.
  Das holte sich die Natur zurück, widmete das Menschenwerk faszinierend um - erstaunlich, mit welch einer Dynamik.
  Heute ist das „Paradies“ begehbar. Eindrucksvoll die natürliche Konversion. Das Menschenwerk verschwindet immer mehr. Der Mensch wird gar nicht gebraucht. Unzählige seltene Tiere und Pflanzen schaffen einen sich permanent wandelnden neuen Lebensraum, ihr eigenes Biotop.
 Da bleibt nur Bescheidenheit. Die Spuren der Herrschaft des Menschen werden schneller (bestenfalls) ein Fall für die Archäologie als man sich das vorstellen kann.

(Foto: wb)

 


 

06.06.2014

 

Nicht koscher

Bis 2012 konnte man in Frankfurt am Main in einem Spezialgeschäft koschere Produkte kaufen. Viele Juden und jüdische Institutionen aus ganz Deutschland waren dort Kunden - bis die Staatsanwaltschaft wegen Betruges ermittelte. So soll mehr koscheres Fleisch verkauft worden sein, als bei den entsprechenden Schlachthäusern in Belgien, Frankreich, Israel oder der Schweiz importiert worden war.
  Da in Deutschland Tiere nur in Ausnahmefällen geschächtet werden dürfen, wurde in der Regel koscheres Fleisch im Ausland erworben.
  Die Staatsanwaltschaft erhob nun gegen die zwei Geschäftsführer der Firma Anklage wegen Betrugs in 1.721 Fällen mit 268 Geschädigten, da sie billig konventionelles, nicht koscheres Fleisch vom regionalen Schlachthof gekauft, aber als teures koscheres Importfleisch verkauft haben sollen.
   Dabei wurde auch der für das Koscher-Siegel verantwortliche Frankfurter Rabbiner schlichtweg hintergangen.
  Adventisten, die sich in ihrem Fleischkonsum nach Lev. 11 richten (also nicht ganz koscher, da sie zwar kein Blut essen, jedoch nicht auf das Schächten bestehen und nicht milchig und fleischig trennen), haben in der Vergangenheit schon gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass manche Metzger „vergaßen“ zu erwähnen, dass ihre Rindswurst Schweinefett enthielt etc. Als mein Vater, adventistischer Pastor, an einem neuen Dienstort den Metzger, der ein spezielles Angebot für Adventisten hatte, diesen mit einem strengen Gesicht fast inquisitorisch befragte, ob denn nun wirklich alles frei von Schweinefleisch sei, verkleinerte er verschreckt das Angebot drastisch. Deshalb waren Adventisten immer froh, wenn sich in erreichbarer Nähe eine jüdische Metzgerei befand, der konnte man ja vertrauen.
  Die Staatsanwaltschaft beziffert den Schaden durch den oben genannten Betrug auf 500.000 €. Wann das Landgericht Frankfurt den Prozess eröffnet, ist noch nicht genannt.
  Der eigentliche Schaden aber geht weit über das Materielle hinaus. Sowohl die Kunden als auch der Rabbi sind zutiefst betroffen.

 


 

30.05.2014

 

Aufforderung?

 

 

 

 

Paulus hat vielleicht doch recht:

Gebote/Verbote haben anscheinend Aufforderungscharakter!


(siehe Röm 7,7ff)


 

 

 


 

 

16.05.2014


Dem Licht entgegen


Vor 100 Jahren wurde die letzte der vier großen Künstlerkolonie-Ausstellungen auf der Darmstädter Mathildenhöhe eröffnet. Sie war bis zum Oktober geplant. Schon im August wurde sie beendet - der große Krieg und seine unabsehbaren Folgen sollte die gewohnte Ordung auflösen. Tod, Umwälzungen, Krisen, Katastrophen - und wieder Krieg. Erst mit der Wende in den ehemaligen Ostblockstaaten und deutschen Einheit von 1990 wurden die meisten Kapitel der vergangenen 100 Jahren einigermaßen abgeschlossen.
  Am 16.05.1914 tanzten die Mädchen der am 17.12.1911 eingeweihten Marienhöher Elizabeth Duncan-Schule (einer höheren Mädchenschule mit besonderer Berücksichtigung des Ausdruckstanzes) auf den Stufen der Mathildenhöhe zu der genannten Ausstellungseröffnung zwei Lieder von Ernst von Wolzogen nach der Musik von Arnold Mendelssohn - „ein letztes Zeugnis des optimistischen Geistes“, oder wie Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau schrieb: „Die Naivität, mit der die Schülerinnen ... in Rupfenreformkleidchen vor dem wuchtigen Eingangsbereich der Ausstellungshalle Mathildenhöhe tanzten, findet in gewisser Hinsicht sogar ihre Entsprechung in den blumenbekränztem Soldaten, die zweieinhalb Monate später auf Wogen der Ahnungslosigkeit zu den Bahnhöfen getragen wurden.“
  Wenige Wochen später waren die meisten Schülerinnen zu Hause, die Amerikanerin Elizabeth Duncan ging mit dem Rest der Schülerschaft auf Anraten der Großherzogin nach England, dann in die USA.
  Die Schule auf der Marienhöhe stand schon am 01. August leer, wurde während des Krieges Lazarett. Der Großherzog verlor 1918 seinen Thron.
  Von einem Treuhänder wurde das Gebäude betrügerisch verkauft, versucht umzubauen und umzunutzen. Erst 1924 wurde das Haus vom jetzigen Schulträger, der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, erworben und voller Optimismus und Begeisterung zu einem Theologischen Seminar und anderen Schulzweigen ausgebaut und genutzt.
  Und wieder wurden im Krieg die Gebäude von der Wehrmacht und dann als Flüchtlingslager genutzt, ehe 1948 der Schulbetrieb weitergehen konnte (heute: Grundschule, Realschule, Gymnasium und Kolleg).
  Heute, am 16.05.2014, genau 100 Jahre nach der Eröffnung der letzten Kunstausstellung, wurde mit einer Festveranstaltung an jenes Ereignis gedacht und die dazugehörige Ausstellung „Dem Licht entgegen“ eröffnet. Es lohnt sich, in die Welt von 1914 einzutauchen, die in einer Epoche der Dunkelheit endete.

Dem Licht entgegen
Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914

Museum Künstlerkolonie, Mathildenhöhe Darmstadt

17.05.2014-14.09.2014

Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr
Montag geschlossen

 

 

   

1914: nicht nur Musik, sondern auch Tanz zu den Liedern der

Ausstellungseröffnung, von den Schülerinnen der

Elizabeth Duncan-Schule

 

2014: die gleiche Musik, an gleicher Stelle, doch ohne Tanz

(den Ausfall der Technik meisterte die Sängerin souverän,

schließlich musste es 100 Jahre zuvor auch ohne Technik gehn).

 

 

 

   

Wahrscheinlich die älteste Ansichtskarte der Elizabeth Duncan-Schule 1911

 

Die ehemalige Elizabeth Duncan-Schule, das Hauptgebäude des heutigen

Schulzentrums Marienhöhe 2011

 

(Fotos: Institut Mathildenhöhe, wb, Archiv wb, wb)

 

 


 

 

28.03.2014


„Nur“ kleine Unterschiede

Die hessischen Feuerwehren, so die Pressemeldungen, bemühen sich schon lange, junge Menschen mit Migrationshintergrund für den ehrenamtlichen Dienst als Brandschützer zu begeistern. Die bisherige Teilnahme entspricht nicht dem wirklichen prozentualen Anteil an den entsprechenden Altersgruppen.
  Doch nun wisse man, so der Landesfeuerwehrverband, warum dieses Werben so schwierig war: viele Migranten kennen die Feuerwehr in ihren Heimatländern eher als Teil des Machtapparates, manche hätten negative Erfahrungen mit Militär und Polizei gemacht oder wissen von Freunden und Bekannten davon.
  Es soll nun intensiv versucht werden, diese Berührungsängste abzubauen.


 Vielleicht ist diese Erkenntnis eine Anregung, die Lebensbereiche und -bezüge von Menschen mit Wurzeln in anderen Kulturen besser zu erforschen und kennen zu lernen, Begegnungen wirklich als Begegnungen zu erleben, um sie für das „ganz normale“ Alltagsleben kreativ zu nutzen.

 


 

21.03.2014

 

Von Perekop/Krim nach Frankfurt am Main und zu anderen Orten

Was haben die Frankfurter Adventgemeinden mit der Krim zu tun? Ganz einfach: der wohl erste Adventist Russlands, Gerhard Perk (1889-1930), ein Russlanddeutscher aus der Mennonitenkolonie Blumenthal in Südrussland, später Mitglied der Brüdergemeine und Kolporteur der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft in Sibirien, war durch ein Traktat mit dem Adventismus in Berührung gekommen, führte mit der amerikanischen Kirchenleitung und mit Ludwig R. Conradi, dem Leiter der europäischen Adventisten einen regen Briefverkehr und verbreitete adventistische Literatur. Schließlich trafen sich Perk und Conradi 1886 in Odessa.
  Gemeinsam reisten sie durch Südrussland, um einzelne Sabbathalter zu besuchen und öffentliche Versammlungen für Interessierte abzuhalten. Perk diente dabei als Übersetzer und Mitarbeiter. Sie gründeten auf der Krim eine kleine Gemeinde, und Conradi taufte öffentlich zwei Frauen. Während der folgenden Abendmahlsfeier wurden Conradi und Perk von der zaristischen Polizei auf Anstiftung von Geistlichen anderer Konfessionen verhaftet. Verbreitung jüdischer Irrlehren, Taufe auf den jüdischen Glauben und Proselytenmacherei unter den Russen wurde ihnen angelastet. 40 Tage mussten sie in unwürdigen Verhältnissen im berüchtigten Gefängnis von Perekop verbringen, ehe es dem amerikanischen Botschafter gelang, ihre Befreiung durch einen Erlass des Zaren zu erwirken.

 

 

 

 

Das Gefängnis in Perekop/Krim im 19. Jahrhundert

 


  Ungebrochen - wenn auch etwas vorsichtiger - setzten sie ihre Arbeit fort, hielten Versammlungen, gründeten Gemeinden und sogar eine Traktatgesellschaft. Nach mehr als vier Monaten und Tausenden von zurückgelegten Kilometern kehrte Conradi nach Basel zurück, und Perk arbeitete weiterhin als Kolporteur mit adventistischen Schriften.
  Das brachte ihm nach kurzer Zeit eine erneute Festnahme ein. Nur die Vereinbarung, freiwillig ins Exil zu gehen, bewahrte ihn vor einer längeren Gefangenschaft oder gar Deportation nach Sibirien. Nach Freilassung um Mitternacht und schneller Flucht gelangte er schließlich nach Basel.
  So arbeitete er von 1887 ab als „selbstunterhaltender Bibelarbeiter“ in Zürich, Basel, im Kanton Aargau, Schaffhausen, Vohwinkel, Elberfeld, Barmen, Hamburg, Frankfurt am Main, Wiesbaden und Berlin. Dort wurde er fest als „Bibelarbeiter“ angestellt. „An fast allen diesen Plätzen hinterließ er kleine Gemeinden …“ sollte es später in seinem Nachruf heißen. 1897 ging er wieder nach Russland und wirkte im Bereich St. Petersburg und Reval (heute Tallin/Estland), wo er ebenfalls neue Gemeinden gründete. Dann wurde er in leitenden Kirchenfunktionen in Deutschland, Rumänien, Sibirien und wieder Deutschland berufen.
  In Frankfurt am Main wirkte er 1890 mit Literatur, Bibelstunden und öffentlichen Vorträgen und legte den Grundstein zur Gründung einer Gemeinde, einige der Interessierten gingen nach Hamburg, um sich ebenfalls als Kolporteure/innen ausbilden zu lassen und gründeten in weiteren Städten Gemeinden.
  Der Ort Perekop, auf der schmalen Landverbindung von der Ukraine zur Krim, heftig umkämpft in vielen Kriegen, wurde in den Wirren der russischen Revolution völlig zerstört und 25 km entfernt als Dorf wieder aufgebaut. Das Gefängnis des untergegangenen Ortes gibt es wohl nur noch in alten Abbildungen.

 



14.03.2014

 

Heute auf der AWA-Frühjahrstagung im Haus Schönblick in Schwäbisch Gmünd

Eschatologie: Was dürfen wir hoffen?

Ewiges Leben - Weltgericht - Neue Schöpfung

 


 

07.02.2014

 

Besonderer Abschied

 

 

       

Am Samstag (01.02.14) war er noch da ...

 

... am Abend auch noch ...

 

... am Sonntag nur noch eine Wolke!

 

... nein, dieses Hochhaus in Frankfurt am Main, das UNI-Hochhaus, der sogenannte AfE-Turm, in dem seit 1972 so manche AWA-Mitglieder studierten, Abschlüsse machten, arbeiteten und lehrten, bestach nicht durch seine Schönheit. Seine Schwächen waren eher ein permanentes Gesprächsthema. Manchmal traf man sich zu einem unfreiwilligen Pläuschchen, weil man wieder auf einen der abenteuerlichen Fahrstühle warten musste, konnte sein Leid über die Klimaanlage, die überfüllten Hörsäle etc. austauschen. Die Pädagogen und die Gesellschaftswissenschaften hatten in diesem 38-stöckigen Turm ihr Domizil. Für 2.500 Menschen geplant, nutzten ihn täglich sehr viel mehr. Das schönste war die unverbaute Aussicht, z.B. von den Theologen im 36. und 37. Stock. Die Psychologen waren sogar dem Himmel noch näher (38. Stock). Irgendie wirkte der Turm immer versifft. Selbst die Fenster wurden wohl nur zu Jubeljahren geputzt.

  Seit 1974 sah ich ihn regelmäßig, seit 1982 sogar täglich, wenn ich - kaum 150 Meter entfernt - aus unserer Haustür trat oder nach Hause kam. Am Sonntag (02.02.2014), wenige Minuten nach 10.00 Uhr, wurde er mit einer Tonne Sprengstoff zerlegt. Als ich nach dem gehörigen Wackeln des Hauses schnell auf die Straße eilte, war nur noch die gelbliche Wolke zu sehen (s.o.).

  Sicherlich, bald werden die letzten Studenten, Mitarbeiter, Lehrenden etc. den Campus Bockenheim verlassen und vollständig den Umzug in den wirklich edlen Campus Westend vollendet haben.

  Dennoch bleibt vielen der alte Campus und nicht zuletzt der ungeliebte UNI-Turm als Teil der eigenen Lebensgeschichte nostalgisch erhalten.

 

 


 

 

17.01.2014


Welchen Unterschied macht Gott? Ein Jahr als Atheist

Ryan J. Bell, ehemaliger Pastor der Hollywood Seventh-day Adventist Church, einer als progressiv geltenden Adventgemeinde in Los Angeles, nahm letzten März nach allerlei zermürbenden Querelen mit der regionalen Kirchenleitung seinen Abschied als Pastor seiner Gemeinde.
  Angeregt durch die Frage einer befreundeten episkopalen Amtskollegin, „Welchen Unterschied macht Gott?“, entschloss er sich, ein Jahr ohne Gott im Alltag zu leben:
„Ich werde ein Jahr lang versuchen, als Atheist zu leben. Die nächsten 12 Monate werde ich verbringen, als gebe es keinen Gott. Ich werde nicht beten, ich werde nicht auf der Suche nach Inspiration in der Bibel lesen, ich werde Gott nicht als Ursache irgendwelcher Dinge sehen und auch nicht hoffen, dass Gott durch sein Wirken etwas an meinen Lebensumständen oder denen anderer Menschen ändert. (Ich bin sicher, dass wenn es einen Gott gibt, er mir dieses alberne Experiment vergeben wird und niemand deswegen leiden muss.)
Ich werde die „Heiligen Schriften“ der Atheisten lesen: von Hobbes und Spinoza über Russel und Nietzsche bis zur Dreifaltigkeit moderner Atheisten, Hitchens, Dawkins und Dennett. Ich werde verschiedene Formen von Atheismus ausprobieren, von Naturalismus (Voltaire, Dewey usw.) zu den neuen „religiösen Atheisten“ (Alain de Botton und Ronald Dworkin). Ich werde außerdem versuchen, mit so vielen echten Atheisten wie möglich zu sprechen - Wissenschaftler, Schriftsteller und „gewöhnliche“ Ungläubige - um zu erfahren, warum sie an nichts glauben und was das für sie bedeutet. Ich werde Treffen von Atheisten besuchen.
Kurz gesagt: Ich werde alles tun, was möglich ist, um die Welt des Atheismus kennenzulernen, und werde ein Jahr lang als Atheist leben. Für mich ist es wichtig zu betonen, dass ich kein Atheist bin, sondern nur als solcher leben möchte. Zumindest im Moment. Ich bin nicht sicher, was ich bin. Aber darum geht es in diesem kommenden Jahr auch.“*

  Ein weltweites Medienecho setzte ein.
  Nun kann es im manchmal aufreibenden Pastorendienst, wie in allen Berufen, die mit Menschen zu tun haben, durchaus notwendige Auszeiten geben, um die eigene Arbeit zu reflektieren.
  Schwieriger wird es aber dann - falls wie hier wohl aufgewachsen in einem scheinbar „schützenden“ christlichen/adventistischen Kontext - wenn den religionskritischen Fragen erst nach zwei Jahrzehnten des Dienstes auf den Grund gegangen wird. Doch besser jetzt als nie.

*
http://www.huffingtonpost.de/ryan-j-bell/ein-jahr-ohne-gott-ein-eh_b_4553881.html,

siehe auch: Blog: www.ryanjbell.net
Dr. Ryan J. Bell ist derzeit außerplanmäßiger Professor in dem Doctor of Ministry Programm am Fuller Theological Seminary and the Global Studies Department der Azusa Pacific University.


 

10.01.2014

 

Milieuschutz- und Erhaltungssatzungen

 

Die zunehmende Wohnungsknappheit in den wirtschaftlichen Ballungsgebieten lässt viele Gruppierungen und Institutionen nach Milieuschutz- und Erhaltungssatzungen rufen, während Haus- und Wohnungseigentümer strikt dagegen sind, da sie Eigentumseinschränkungen fürchten.
  Den Stein der Weisen hat man noch nicht gefunden, jede Vorschrift produziert weitere Fragen. Was meint man zum Beispiel, wenn „Luxussanierung“ verhindert werden soll? Ist ein Fahrstuhl Luxus oder Hilfe, um im Alter noch am angestammten Platz wohnen zu können ...
  Dabei vergisst man, dass der Mensch - und damit sein Umfeld - sich permanent ändert, in Leben, Ansprüchen etc.
  So besuchten wir vor einiger Zeit Freunde in einer Siedlung, die in den 50er Jahren für junge Ehepaare mit Kindern errichtet worden war. Diese hatte zur Gründungszeit den Luxus eines Gemeinschaftszentrums mit Waschmaschinen, Plätzen für Fahrräder und einen Kindergarten.
  Nun sind die Kinder lange aus dem Haus. Jede Wohnung, die inzwischen zumeist als zu klein empfunden wird, hat ihre eigene Waschmaschine. Der Kindergarten ist heute Altentreff und die Parkplätze für Autos werden knapp. Zudem haben die Einkaufsgewohnheiten die ehemals umliegenden Lebensmittel-Geschäfte überflüssig gemacht (auch wenn sie jetzt den Alten eigentlich fehlen).

Die Strukturveränderungen in den Kirchen in Deutschland zeigen deutlich, dass der Wandel die Gemeinden von gestern in der Auseinandersetzungen mit dem modernen vielseitigen Kontext zur nostalgischen Erinnerung werden lässt.
  So gibt es auch so manche, die gern Milieuschutz- und Erhaltungssatzungen für ihre Gemeinden hätten. Doch damit kommt die Welt des 19. Jahrhunderts oder etwa der 50er Jahre nicht mehr zurück. Denn auch die, die das fordern, haben sich ja verändert. Wer von uns, der zum Beispiel in den 40er/ 50er/ 60er/ 70er/ … Jahren aufgewachsen ist, könnte wirklich noch in jener Welt leben?
  Jede Generation muss intelligente Antworten auf die Fragen ihrer Zeit finden. In der säkularen wie in der religiösen Welt.

 


 

03.01.2014

 

Zwischenzeit

„Zwischen den Jahren“ nennt der Volksmund die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Vielleicht davon inspiriert, hört man zu Anfang des neuen Jahres in Predigten, Ansprachen und Liedern viel von „Zwischenzeit“, „Zwischen den Zeiten“, von Umbruch, von unsicheren Zeiten, von Erwartung oder Befürchtung von Veränderungen …
  Den Begriff „Zwischenzeit“ nutzen gern die Historiker, allerdings erst - was sehr vernünftig ist - im Nachhinein in der Benennung oder Erklärung von Epochen. Am häufigsten aber scheint mir der Begriff in der Theologie und vor allem im Gefühl von Christenmenschen geläufig.
„Das ist das Schicksal unserer Generation, dass wir zwischen den Zeiten stehen. Wir gehörten nie zu der Zeit, die heute zu Ende geht. Ob wir je zu der Zeit gehören werden, die kommen wird? Und wenn wir von uns aus zu ihr gehören könnten, ob sie so bald kommen wird? So stehen wir mitten dazwischen. In einem leeren Raum.“ so schrieb 1920 der evangelische Theologe Friedrich Gogarten („Christliche Welt“ 34, 1920, H.24, Sp. 374).
  Gern wird das Lied „Herr lass Deine Wahrheit …“ (LG 439) gesungen. Strophe 6 gibt dieses Zwischenzeit wieder: „In die Zeitenwende hast Du uns gestellt, Hier sind Herz und Hände, für die neue Welt.“ (Liselotte Corbach 1953)
  Hier klingt etwas an von dem christlichen „Schon jetzt“ und dem „Noch nicht“, der Vollendung des Gottesreiches. Was auch ein alter Buchtitel wohl vermitteln wollte, der zu meiner Kindheit in vielen adventistischen Haushalten stand: „Von Paradies zu Paradies“.
  Doch die Sehnsucht, die damit zum Ausdruck kommt, führt allerdings leicht in die Gefahr, das aktuelle Leben eher fatalistisch, eben als „leeren Raum“ zu sehen, manchmal auch als Prüfungszeit für das Zukünftige.
  Aber das menschliche Leben ist immer „Zwischenzeit“ - jeden Tag zwischen dem Gestern und dem Morgen. Das bedeutet, mit den Erfahrungen der Vergangenheit schon für die Zukunft zu denken. Das kann also keine nostalgische Rückkehr in die „good old time religion“ sein, denn die „gute alte Zeit“ war weder nur gut, noch ist sie wiederholbar, da der Kontext ein anderer ist. Heute ist die „gute alte Zeit“ von morgen. Eine Traumflucht in eine zukünftige Welt übersieht jedoch die täglichen Aufgaben des Lebens und missachtet das Geschenk Gottes: den Tag, den wir zum aktiven Leben haben. Den heutigen Tag, 24 Stunden lang.

 



24. und 28.12.2013

 

Freude und Dankbarkeit


Jedes Jahr das Gleiche in allen - nicht nur in religiösen - Medien: Der Konsum, das Geschäft nehme immer größere Ausmaße an, Weihnachtsartikel würden fast schon gleich nach den Sommerferien angeboten, die Dekoration mutiere zum überbordenden Selbstzweck, keiner denke mehr an den Grund des Festes, von dem man zudem auch nicht wisse, wann man es eigentlich feiern müsse … und in vielen Weihnachtspredigten wird das dann noch vielseitig moralisierend vertieft ...

Da war es schon erfreulich, dass im Heiligabend-Gottesdienst der Reformierten Gemeinde in Nizza und im Sabbat-Gottesdienst der Adventgemeinde dortselbst (sicherlich unabgesprochen), ausgehend vom überlieferten Kontext der Geburtsgeschichten Jesu, die Freude und Dankbarkeit sichtbar und hörbar im Vordergrund stand. Danke!



13.12.2013


Feiertage


In Frankfurt am Main gibt es (nach dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten) mehr als 160 Gemeinden aller Weltreligionen: Rund 80 katholische, evangelische beziehungsweise freikirchliche Gemeinden, 14 christlich-orthodoxe, die jüdische Gemeinde mit ihren Gruppierungen, 44 muslimische Gemeinden (Sunniten, Schiiten, Aleviten, Ahmadiyya), 7 Hindu-Tempel, 9 buddhistische Zentren, einen zentralen Sikh-Tempel sowie die Bahá´í.
  Das kann nur eine Schätzung sein, jeder kann seine Religion in unterschiedlicher Weise leben und organisieren, eine Genehmigung ist nicht notwendig. Erst wenn rechtliche Belange tangiert werden (z.B. Vereinsrecht, Körperschaftsrechte etc.) ist eine Registrierung (der Rechtsstruktur) notwendig. So gibt es manche Gruppierungen, die noch gar nicht als solche aufgefallen oder gezählt wurden.
  Das Amt für multikulturelle Angelegenheiten hat einen Kalender mit dem Titel „Feste der Welt“ herausgegeben. Mehr als 600 religiöse und weltliche Feste, die darin aufgeführt sind, zeigen, dass es jeden Tag mindestens einen Anlass gibt, der Menschen in dieser Stadt wichtig ist. Insgesamt sind es Feiertage von mehr als 70 Nationen und 20 Religionsgemeinschaften. Beeindruckend. Feiertage sind sicherlich ein guter Weg einander kennenzulernen - aber auch, um über die eigenen Feiertage nachzudenken.

(Der Kalender kann beim Verlag für akademische Schriften unter an info@vas-verlag.de bestellt werden.)

 


 

06.12.2013


„Selig sind die Frieden Schaffenden; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9)

Nelson Mandela 18.07.1918-05.12.2013


Ein Mensch der Versöhnung, der mit seinem Charisma und seinem ungebrochenen Willen der Befreiung und des Friedens etwas geschafft hat, was sich wohl niemand in den 80ern und Anfang der 90er so hatte vorstellen können - den friedlichen Übergang Südafrikas in die demokratische „Regenbogennation“. Den Friedensnobelpreis hat er zu Recht erhalten.
  „Ich bin kein Heiliger, sondern ein Sünder, der sich bemüht“, sagte er in einmal einem Interview. Es ist beeindruckend, was ein Mensch vermag - und wie viel Hoffnung er vermitteln kann.

 



29.11.2013


Verzagtheit oder die Angst der Gewählten

Der Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung klingt in der letzten Zeit lauter - aber dennoch oft hohl. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Gewählten kaum noch voranschreiten wollen, sondern ängstlich auf die „Basis“ schauen. Echte Bürgerbeteiligung ist nur mit geduldiger Aufklärung, Transparenz und ernsthaftem Zuhören möglich. Dann ist das ein aktives Handeln der Gewählten.

  Das sehe ich derzeit so nicht: angesichts der Unsicherheit der Führungsspitze einer (ehemals) großen Volkspartei, die Verzagtheit mit Basisnähe verwechselt und ihre Bundestagsabgeordneten an den Rand des imperativen Mandats bringt, oder der eigenartigen Kompromisslosigkeit der Parteien in den USA, dem Land, das einst den Kompromiss als höchste Kunst der Politik sah. Noch größere Rätsel gibt unser Nachbarland Frankreich auf: ein Präsident, der die größte Machtfülle der demokratischen Staaten hat, ein Parlament, das eigentlich eine regierungsfähige Mehrheit hat … und dennoch bleiben große Probleme ungelöst …

Unerwartet ermutigend wirkt auf die Menschen jedoch der Bischof von Rom, Papst Franziskus, der gerade seinen Weg geht. Viele katholische Gläubige schauen etwas hoffnungsvoller in die Zukunft, dass tut allen Christen gut.

 


 

22.11.2013


Wo warst Du am 22.11.1963?

Diese Frage wird immer wieder gestellt, denn dieser Termin wird im Gedächtnis dieser Generation bleiben. Kaum ein Attentat hat die Menschen so berührt, wie die Schüsse von Dallas auf John F. Kennedy.
  Dieser und die nächsten Tage werden auch mir im Gedächtnis bleiben. Aus betriebsbedingten Gründen konnte ich in meiner Lehrfirma erst im November Urlaub machen. So besuchte ich Freunde im Internat der idyllischen, am Meer gelegenen dänischen Vejlefjord Skolen.
  In der Nacht plötzlich Lärm auf den Gängen, Hämmern an der Tür: Der Deutsche soll kommen! Aus dem tiefen Schlaf gerissen eilte ich irritiert in ein Zimmer, das schon voller Schüler war. Sie hörten, wie sie meinten, einen deutschen Radiosender und riefen, es sei etwas mit Kennedy. Aus dem holländischen Bericht konnte ich entnehmen, dass auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten geschossen worden sei und er in einem Krankenhaus operiert werde.
  Während des Sabbatgottesdienstes wurde in der Schulkirche mitgeteilt, dass Kennedy verstorben sei. Ein Lehrer erklärte, dass damit auch ein jugendliches, lebendiges, zukunftsgerichtestes Lebensgefühl getroffen worden wäre. Der Pastor hatte es schwer, seine sorgfältig vorbereitete Predigt über eine inneradventistische Krise von 1907, dem Pantheismus des prominenten Arztes Dr. John Harvey Kellogg, zu vermitteln.
  Am Nachmittag wurde - erstmals sogar vor dem Sabbatschluss (Sonnenuntergang) - das Fernsehen (noch schwarz-weiß) im Jungeninternat angestellt. Da das Gerät des Mädchenheims defekt war, wurde das zu einer Gemeinschaftsveranstaltung. Alle sogen betroffen die Nachrichten ein. Und immer wieder tauchte in den Berichten das Wort vom „Ende einer Epoche“ auf.

Noch heute verkörpert der Name „Kennedy“ einen Mythos. Dem (meist unterschätzen) Nachfolger Lyndon B. Johnson, der wieder das traditionelle amerikanische Politikerbild verkörperte, gelang es, diesen Mythos zu nutzen, um gerade die Bürgerrechtsgesetze (der gleichen Rechte für Afroamerikaner) durchzusetzen, an deren Verabschiedung Kennedy bis dahin gescheitert war - und mit denen ein neuer Abschnitt der amerikanischen Geschichte begann.



15.11.2013


150.000 Vermisste in Verdun

 

 

Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag. Die Menschen gedenken der Toten. Gräber, Friedhöfe, Gedenkstätten helfen bei der Trauer. Aber gerade viele Verstorbene der Generationen von 1914 bis 1945 haben kein Grab gefunden. Sie gelten als vermisst, verschwunden …
  Allein um Verdun herum sind noch mehr als 150.000 Soldaten des 1. Weltkriegs vermisst. Zerkleinert oder pulverisiert durch die Kampfhandlungen waren sie weder zu finden, noch zu identifizieren, sind Teil der Erde geworden. Sie blieben nicht die letzten der Verschwundenen und Vermissten ...

Die Soldatenfriedhöfe der verschiedenen Völker und Religionen mit dem bekannten "Beinhaus" in Verdun.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Foto: wb)

 

 


 

08.11.2013

Sonne, Mond und Sterne …

Aufregung! Eine Lokalzeitung berichtet aus einer Stadt im Taunus, dass dort eine städtische Kita - aus Rücksichts- und Neutralitätsgründen das „St.-Martins-Fest“ in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" umbenannt habe.
  Proteststurm! Aus ganz Deutschland kommen Mails und sogar Drohungen. Die christlichen Traditionen des Abendlandes scheinen in großer Gefahr. Politiker schalten sich ein: einer konstatiert „ein zerrüttetes Verhältnis zum Glauben und zur christlichen Tradition“, ein anderer fordert noch mehr Trennung von Staat und Kirche, ein Theologie-Professor beklagt „Inhaltsleere“ durch die „Strategie der Political Correctness“ … Die Polizei muss den Laternen-Umzug der etwa 100 Kinder vorsichtshalber begleiten.
  Doch ein älterer Moslem versteht die ganze Aufregung nicht - er meint in den Fernsehnachrichten, man solle doch die Kirche im Dorf lassen.
  Recht hat er, denn - so berichten die Verantwortlichen von Kita und Stadt - es habe gar keine Abkehr vom christlichen Ursprung des Festes gegeben, das Thema Teilen und Barmherzigkeit sei wie schon immer am Beispiel des St. Martin in der Kita behandelt worden, ebenso findet der Laternenumzug mit anschließendem Martinsfeuer statt. Zudem habe es keine wirkliche Umbenennung gegeben.

 Nachdem (schon) 1998 (!) vor dem Laternen-Umzug den Kindern zu deren Begeisterung eine Nudelsuppe mit Sonne-Mond-und-Sterne-Einlage gereicht wurde, hatte sich daraufhin intern fröhlich der neue Name eingebürgert, ohne den bisherigen verdrängen zu wollen. Irgendwie sei das jetzt bis zu der Zeitung gelangt und gleich entsprechend - siehe oben - interpretiert worden, so dass es ein Medien-Selbstläufer wurde.
  Beschämend die wütenden Reaktionen und Drohungen, die die Stadt sogar zu Strafanzeigen veranlassen. Wo bleibt die aufgeklärte Gelassenheit des Abendlandes?
  Wie sagte der Moslem, man solle doch die Kirche im Dorf lassen!

 


 

01.11.2013


Lügeln

Schlagzeile einer bekannten deutschen Boulevardzeitung:


Rot:


LEHRER WAREN AUF AUSFLUG

Darunter mit größeren und fetteren schwarzen Lettern:

Schüler (18) ertrinkt auf

Klassenfahrt

für den flüchtigen Leser ist die Situation klar: Da haben anscheinend wieder einmal Lehrer ihre Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen, sich dafür lieber auf einem Ausflug vergnügt.
  Der Text des Artikels geht dann allerdings doch etwas differenzierter mit der Angelegenheit um:
Die Lehrer waren mit der Mehrzahl der Kölner Gruppe zu einem geplanten Ausflug an die Amalfiküste unterwegs. Lediglich fünf der 30 Schüler/innen blieben in Paestum zurück, sie wollten lieber baden. Sie waren volljährig.
  Dem Bericht zu Folge tranken sie zuerst Alkohol und missachteten dann das wegen des Wetters verhängte Badeverbot. Die Rettungsschwimmer-Station hatte die „Rote Flagge“ gehisst.
  Einer der Schüler ging recht bald unter, ein weiterer Schüler, der helfen wollte, konnte nur mit fremder Hilfe lebend geborgen werden. Hubschrauber und Rettungsboote fanden dann auch den anderen: ertrunken.
  Die Kölner Bezirksregierung erklärte deutlich, dass die Lehrkräfte keine Schuld träfe, da das Opfer volljährig gewesen sei und daher nicht mehr unter die Aufsichtspflicht der Lehrer gestanden hätte.
  Für die Lehrkräfte bleibt dennoch eine psychische Last zurück.

 

Sensationsheischende Überschriften, die verantwortungslos ein Fehlverhalten der Lehrkräfte suggerieren, sorgen nur dafür, dass die Zahl der Lehrer/innen, die bereit sind, Klassen-/Tutorenfahrten zu organisieren, immer mehr zurück geht ...

 


 

25.10.2013


AWA-Herbsttagung 2013

 


 

18.10.2013


Limburg

Das hätte der inzwischen bekannteste deutsche röm.-katholische Bischof nicht gedacht, dass durch sein Wirken das Verhältnis Staat-Kirche wieder einmal in die Schlagzeilen kommt. Vielen Menschen wurde erst jetzt deutlich, was die „hinkende Trennung“ von Staat und Kirche eigentlich de facto bedeutet. Der allein durch regelmäßige fortlaufende Leistungen des Staates bisher garantierte materielle Reichtum der ehemaligen Staatskirchen ist größer als allgemein bekannt (ohne Kirchensteuereinnnahmen gerechnet!) - wie die Medien mitteilen, können trotz aller eiliger Transparenzversuche nicht alle Kirchengüter beziffert werden, strukturelle Verschachtelungen und häufig noch kameralistische Buchführung tragen dazu bei.
  Ob die Forderung in der Weimarer Verfassung von 1919 (Art. 138), die vom Grundgesetz 1949 übernommen wurde (in Artikel 140 GG), „(1) Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. …“ allerdings bald auf die Tagesordnung kommt, kann angezweifelt werden. Den Politikern ist die Auseinandersetzung um eine solche Regelung zu unbequem - und die (Volks-)Kirchen fahren mit dem status quo gut (und gern!).

  Merkt ja keiner … (?)

 

 



11.10.2013


Der General


Letzten Freitag starb im Alter von 102 Jahren der vietnamesische General Võ Nguyên Giáp - Sieger des Indochinakrieges (1945-1954) gegen die Franzosen und des Vietnamkrieges (1964-1975, als Fortsetzung des Bürgerkrieges von 1954-64) gegen Südvietnam und deren amerikanische und weiteren Verbündete - wie berichtet wird, an Altersschwäche.
  Es ist ein Phänomen, dass die Lebenserwartung der meisten Generäle recht hoch erscheint. (Selbst der mit 52 Jahren verstorbene Napoleon Bonaparte lebte länger als die meisten seiner Soldaten.)
  Die Anzahl der Kriegs- und Bürgerkriegstoten allein seit 1954 in Vietnam schätzt man auf über vier Millionen - darunter vier mal so viel Zivilisten wie Soldaten. Die Zahl der getöteten amerikanischen und verbündeten Soldaten beträgt etwa 65.000.
  Bis heute sterben Menschen an den Hinterlassenschaften des Krieges: durch Minen (von 1975-20011 über 42.000) und ungezählte Menschen an Agent-Orange-Folgen.

 



04.10.2013


Lampedusa


Die kleine, ehemals kaum bekannte Insel im Mittelmeer zwischen Italien und Nordafrika erweist sich zunehmend als Synonym einer gescheiterten, rat- und hilflosen Flüchtlingspolitik der europäischen Länder.
  Mit Gesetzen, die sogar den Fischern das Retten von Schiffbrüchigen de facto unter Strafe stellen können, wird man der Situation sicherlich nicht gerecht.
  Nur 155 von etwa 500 Schiffbrüchigen eines etwa 500 m vor der Küste in Brand geratenen Flüchtlingsbootes konnten gerettet werden. Sie erwartet ein Strafverfahren wegen illegalen Grenzübertritts.



 

30.08.2013


Anmaßung


Im Rahmen der weltweiten adventistischen Solidarität wird jeden Sabbat (Samstag) im ersten Teil des Gottesdienstes für besondere Projekte in verschiedenen Ländern gesammelt. Darüber wird jeweils im sogenannten „Missionsbericht“, manchmal auch per Video, sowie im vierteljährigen „Studienheft zur Bibel“ berichtet. Griechenland, Mazedonien und England stellen diesmal Projekte und ihren Kontext vor.
  In England kommt zum Beispiel unter anderem das alte Newbold College (Nähe London) in den Genuss notwendiger Sanierungs- und Renovierungsarbeiten. Über die Herausforderungen in England (das gilt auch für andere europäische Länder) heißt es:
„Die Herausforderungen, vor die sich unsere Glaubensgeschwister in diesem Gebiet gestellt sehen, um das postmoderne Europa mit dem Evangelium zu erreichen, sind vielfältig. Die meisten Menschen suchen zwar Beziehungen, aber nicht nach einer Beziehung zu Gott. Viele halten nichts vom christlichen Glauben und erwarten auch nichts von Gott. Die Kirchen sind erschreckend leer, weil für große Teile der Bevölkerung Wohlstand und materielle Sicherheit wichtiger sind als religiöse Überzeugung oder geistliche Gewissheit.“ (Bibelstudienheft 4/2013)
  Diese Beschreibung und vor allem die Analyse wirken etwas sehr schlicht. Der postmoderne Europäer ist also schuld, dass in seinen Gebieten die christlichen Kirchen eher schrumpfen als wachsen.
  Hier stellt sich erst einmal die Frage, ob es denn vor 100 Jahren sehr viel anders war. Suchten die Menschen tatsächlich intensiver eine Beziehung zu Gott, oder war nicht vielmehr das selbstverständliche Eingebundensein in eine gesellschaftliche Tradition der entscheidende Punkt?
  Schon 1891 beklagte Gerhard Perk, der Gründer der Adventgemeinde Frankfurt am Main, dass die Menschen dieser Stadt zu weltlich seien, die „Adventbotschaft“ schwer zu verkündigen sei, da das christliche Grundwissen fehle, um die „Unterscheidungslehren“ schnell zu präsentieren. Daher ging er nach einem Jahr nach Wiesbaden, die Menschen schienen ihm dort aufgeschlossener.
  In der Tat haben die Adventisten in Europa die Grenzen des Bürgertums (zumeist des Kleinbürgertums), der Bauern, auch Teile der bildungshungrigen, aufstrebenden Facharbeiter, kaum überschritten. Nur wenige aus Großbürgertum, Adel und erst recht aus dem stolzen Proletariat der Arbeiterschaft stießen zu den Gemeinden. Diese Kirche des „Mittelstandes“ fand kaum wirklichen Zugang zu den anderen sozialen Schichten. Über lokale, nationale oder andere Probleme wäre an anderer Stelle noch zu reden.
  Ein weiterer Punkt ist die Herkunft der Siebenten-Tags-Aventisten aus der nordamerikanischen Welt des 19. Jahrhunderts. Das Ideal der Einheit dieser Weltkirche verhinderte es bisher, wirkliche Antworten auf wichtige Fragen des 21. Jahrhunderts in den sogenannten säkularen Ländern der westlichen Welt, speziell Europa, zu geben. Die adventistischen Wachstumsgebiete sind eben Südamerika und Afrika, die der Mentalität des 19. Jahrhunderts noch näher stehen, christliche Länder übrigens. Die Menschen der nichtchristlichen Gebiete Asiens sind wiederum schwer zu erreichen.
  „Erweckung und Reformation“ zurück ins 19. Jahrhundert ist allerdings kein nachhaltiges Konzept.
  Eigentlich hat Paulus, „ein Meister der Inkulturation“, Begegnung vorgemacht. „Inkulturation geschieht, wenn die christliche Botschaft in eine bestimmte kulturelle Sphäre eindringt - und zwar auf eine solche Weise, dass diese Sphäre verwandelt und neugestaltet und in das kirchliche Leben integriert wird.“
  Begegnung verändert. Ohne Inkulturation in die griechisch-römische Welt gäbe es heute kein Christentum, wie wir es kennen. Begegnung wirft Fragen auf, erfordert neue Antworten. Auch der Adventismus bräuchte die Inkulturation in die verschiedenen Milieus der säkulare Kultur West- und Mitteleuropas. Das verlangt aber einiges an Toleranz und Reife ab, mit reinem Aktionismus ist da nichts getan.
  Seit Jahren besteht das Gemeindewachstum in diesen Ländern vor allem aus den Migranten Afrikas, Südamerikas und Osteuropas. Das tut der Statistik gut. Aber das Problem des Abschmelzens des Anteils der autochthonen Bevölkerung - bedingt durch den großen Verlust der in der Gemeinde aufgewachsenen Kinder und Jugendlichen und dem zu geringen Ausgleich durch Konvertiten - ist dadurch noch nicht gelöst. In England und in Teilen Frankreichs werden die Adventgemeinden zunehmend ausschließlich als Migrantengemeinden wahrgenommen. Bis diese Gemeinden aber aus ihrer Isolation in der Gesellschaft angekommen sind, ist der gleiche Prozess abgelaufen.*
  Die Behauptung, dass (s.o.) „große Teile der Bevölkerung Wohlstand und materielle Sicherheit wichtiger sind als religiöse Überzeugung oder geistliche Gewissheit“, ist eine Anmaßung. Und wenn viele nichts vom christlichen Glauben und auch nichts von Gott erwarten, zeigt das nur, dass es den christlichen Kirchen und Gemeinschaften und ihren Mitgliedern (trotz guten Willens) oft nicht gelingt, die Relevanz ihres Glaubens für das Leben anderen zu vermitteln.

*(Der „Schmelztigel“ New York hat das schon früher erlebt [siehe AGG Bd. 44: Multikulturelle Herausforderungen an die weltweite Adventgemeinde. 2002, erhältlich beim AWA]).

 

 


 

09.08.2013

 

Irritation

Es gibt Veranstaltungen, die mich irritieren. So zeigt der Kalender der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten der Mittelrheinischen Vereinigung (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) für dieses Wochenende (09.-11.08.2013) ein „Motorradtreffen“ an. Es fällt unter die Kategorie „geistliches Leben“.
  Nun muss ich gestehen, dass ich zu Motorrädern lediglich bis zu meinem 12./13. Lebensjahr einen näheren Bezug hatte. Das war die Zeit, als die Zweiräder noch als das Auto des „kleinen Mannes“ galten. Auch mein Vater hatte als Dienstfahrzeug vor seinem ersten PKW einen schicken Goggo-Motorroller (für Motorrad-Freaks ist das natürlich nicht das gleiche). Zwei Mal kickten ihn Autofahrer von der Straße. Leitplanken gab es noch nicht, Begrenzungssteine selten, so dass er glücklicherweise Bäume verfehlend im Straßengraben landete, was jedoch jeweils einen stationären Krankenhausaufenthalt nach sich zog. Daher war die Familie froh, als ein Auto angeschafft wurde.
  Das reichte aber nicht aus, um den kleinen Posaunenchor der Adventgemeinde Treysa zu Wochenend-Auftritten zu transportieren. Ich fuhr deshalb gern mit „Onkel Hans“ auf dessen Motorrad mit, sein Sohn durfte im Auto meines Vaters sitzen. Natürlich gab es noch keinen Helm, sondern eine Art Ledermütze und Motorradbrille (etwa wie früher die Ski-Brillen), gegen die Unbillen des Wetters schützte eine Klepper Gummihose oder ein Regenmantel.
  Ein Sturz ging ohne Blessuren ab, damit konnte ich in der Schule protzen, ein anderes Mal stieg Onkel Hans, nicht an seine kriegsbedingte Beinprothese denkend, auf der „falschen“ Seite ab, so dass - für mehr als ein Jahrzehnt sichtbar - der heiße Auspuff mir das Muster meiner damals üblichen Perlonsocke in mein Bein brannte. Viele hielten es für ein Tattoo.
  Als kurze Zeit später auch noch ein Motorradfahrer des nachts auf der Schwalmbrücke in Sichtweite verunglückte und ich von dem Krachen und lauten „Mama“- und „Hilfe“-Rufen und den Sirenen von Polizei und Krankenwagen geweckt wurde, beschloss ich jedes Mal neu, wenn ich den von nun an gezeichneten Frührentner sah, nie mehr so eine Maschine zu besteigen, was ich auch (fast) durchhielt.
  Heute ist ein Motorrad kein Nutzfahrzeug mehr, sondern ein Sport- bzw. Luxusgerät, das seine jährlichen Menschenopfer kostet. So mancher Ort im Odenwald oder Taunus - die kurvenreichen Straßen dort ziehen unzählige Biker magisch an - harrt mit Schrecken der röhrenden Wochenendinvasionen. Einzelne Strecken mussten sogar gelegentlich als zu unfallträchtig gesperrt werden.
  Nun will ich nicht verhehlen, dass nicht nur Motorräder ein Sicherheitsrisiko haben und die Abwägung vieler Risiken in anderen Lebensbereichen oft genug auch nicht immer von großer Vernunft geprägt ist. Zudem kenne ich eine ganze Reihe von sehr netten Menschen mit Motorrad-Leidenschaft, was mich daher nur mit einer gewissen „Beißhemmung“ über diese Passion grübeln lässt.
  Kaum ein Tag vergeht im Sommer, an dem nicht von tödlichen Motorrad-Unfällen oder Unfällen mit Schwerstverletzten berichtet wird, auch wenn beispielsweise die Sicherheitskleidung heute weitaus mehr Schutz bietet als zu meiner Kindheit. Dass ein großer Teil der Unfälle auf unachtsame Autofahrer zurückzuführen ist, kann kein Trost sein. Doch diese Risiken nehmen die Biker auf sich.
  Gegen die im Inneren gelegentlich aufkommende Angst müssen dann die jährlichen Gottesdienste zum „Anlassen der Maschinen“ dienen, an denen dann Tausende von Motorradfahrern mit ihren Familien teilnehmen: 35.000 Maschinen beim größten Treff in Hamburg, aber auch etwa 20.000 Teilnehmer in Südhessen. Sicherlich ist es gut, wenn man in diesen Gottesdiensten gemeinsam über seine Verantwortung als Motorradfahrer reflektiert. Es ist auch gut, dass Kirchen wie die EKHN entsprechende Seelsorger bereitstellen.
  Im späten Herbst folgt dann in der Regel noch ein Gottesdienst, für Südhessen „mit einer Gedenkfahrt im Innenstadtbereich Frankfurt und einem abschließenden Gottesdienst, bei dem den Hinterbliebenen die Möglichkeit gegeben wird, mit allen Teilnehmern um Unfallopfer oder Verstorbene zu trauern, symbolisch eine Kerze zu entzünden und Trost und Zuspruch zu erfahren.“
  Bei jedem Unfall von dem ich höre, denke ich an diejenigen Opfer, die ich kannte - so zum Beispiel an den Schüler M., der vor wenigen Jahren einige Tage, nachdem er seine mündliche Abi-Prüfung bei mir absolviert hatte, sein geliehenes Motorrad nicht beherrschte.

Es gibt Veranstaltungen, die mich irritieren.

 


 

05.07.2013

 

Stärke

Freiheit ist die Stärke einer Gesellschaft. Daher sind das Fundament der Bundesrepublik Deutschland die Grundrechte des Grundgesetzes, die alle Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung binden. Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft. Die Geschichte zeigt, dass die Einschränkung oder Abschaffung dieser Rechte nicht zu mehr Sicherheit führt, im Gegenteil.

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ (Benjamin Franklin)

 

 


 

28.06.2013

 

Wegbeten gescheitert

Exodus International, gegründet 1976, war der „größte christlicher Informationsdienst“ der Ex-Gay-Bewegung, vor allem in den Vereinigten Staaten.
  Die Organisation vertrat den Standpunkt, dass Menschen nicht homosexuell geboren werden, sondern dass die homosexuelle Ausrichtung durch unbewusste Dinge wie Missbrauch oder Ablehnung in der früheren Entwicklung des Menschen entsteht und war daher der Überzeugung, dass ein Wechsel der sexuellen Orientierung von homosexuell zu heterosexuell möglich sei. Sie glaubten, dass Homosexuelle durch sogenannte Reparative Therapien, Gebete und andere Möglichkeiten „durch die verändernde Kraft des Herrn Jesus Christus“ verändert werden können.
  Exodus International war eine konfessionsunabhängige, eher evangelikale christliche Organisation, die - nach eigenen Angaben - „über 120 lokale Dienste in den USA und Kanada sowie über 150 Dienste in 17 weiteren Ländern umfasste“. Exodus konnte jedoch bis heute keine verlässliche Statistik der Therapiewirksamkeit vorweisen.
  Nicht nur, dass empirische Ergebnisse nicht nachgewiesen werden konnten, die Geschichte von Exodus International zeigt auch eine interessante „Rückfallquote“ gerade von verschiedenen Führungspersönlichkeiten dieser Organisation.
  Der Berufsverband der deutschen Psychologen sieht Therapieversuche mit Ziel des „Abtrainierens“ einer Homo- oder Bisexualität als Verstoß gegen mehrere Aspekte seiner ethischen Richtlinien an. US-Fachverbände raten von Konversionstherapien ab. In Kalifornien sind Therapieversuche dieser Art bei Minderjährigen verboten.
  In diesem Monat kündigte Alan Chambers, der letzte Präsident, die Auflösung der Organisation an und entschuldigte sich für den Schaden den er bei homosexuell empfindenden Menschen angerichtet habe.

 


 

21.06. 2013

 

 

 

Babylon ist überall

 

„Man findet auf Eurer Website nichts über Babylon“, so ein kritischer Tagesgast auf einer der letzten AWA-Tagungen, „und ich meine nicht die Archäologie. Ihr müsst Babylon visualisieren!“
Interessanter Gedanke.
In der Tat, es gibt mehr Babylon als gedacht:

 

Babylon ist überall!!

 

 

 

 

 

 

 

Deshalb der neue Ordner: Babylon ist überall!

 

(Foto: wb)

 


 

07.06.2013

 

Jahrhundertkatastrophen

Eine Veränderung, Wendung nach unten, meint das griechische Ursprungswort. Man könnte eigentlich auch von einem folgenschweren Ausnahmezustand mit zum Teil erheblichen Konsequenzen sprechen. In der Tat verändern Katastrophen kürzer oder länger oder für immer das Leben. Ein besonderer Kosmos im Zeitraffer.
  Dieser Kosmos betrifft vielseitig die Gemütslage der Menschen: Trauer, Zorn, Fatalismus, Hilfsbereitschaft, neue Nähe … Es gibt Menschen, die haben erst in Katastrophen ihre Fähigkeiten gezeigt (manche sanken dann nach der Katastrophe wieder in die vorangegangene Lethargie des Gewohnten zurück).
  Auch die diesjährigen neuesten Jahrhundertfluten in Deutschland zeigten bisher alle Facetten des Menschseins (siehe oben). Erfreulich, die persönliche Hilfsbereitschaft vieler bis zur Erschöpfung, die Spendenwilligkeit der Bevölkerung, das Arbeiten der professionellen Kräfte weit über das Gewohnte hinaus … Ein Glück, dass bald die Bundestagswahl stattfindet, sie beflügelt die Spendierfreudigkeit der Politik.
  Aber auch die Versäumnisse der Vergangenheit werden deutlich, man hat den Eindruck, dass in einigen Gebieten kaum Lehren aus der Jahrhundertflut von 2002 gezogen wurden. Wer hätte zudem geglaubt, dass es möglich wäre, noch höhere Pegelstände als damals zu erreichen? Wer konnte sich als Außenstehender vorstellen, dass mancherorts teure neue Flutmauern gebaut wurden, die jedoch trotz der Hinweise aus der Bevölkerung niedriger waren als die letzte Flut? Wer versteht es, dass durch juristische Streitereien - weil zum Beispiel einige Leute befürchten, durch Flutmauern würde ihre Aussicht eingeschränkt - ganze Stadtteile in den Fluten versanken. Wer kann das glauben, dass die durch ein Telefonat der Ministerpräsidenten von Hessen und Sachsen mit voller Ausrüstung nach Dresden geeilten 600 südhessischen Feuerwehrleute fast eine Woche - bedingt durch Kompetenzstreitigkeiten von Stadt und Land - Däumchen drehen mussten, obwohl sie dringend benötigt wurden?
  Den plötzlichen Preisanstieg von leeren Sandsäcken konnte man schon vorahnen - glücklicherweise gaben jedoch wohl die Sandgrubenbetreiber den Sand kostenlos weiter.
  Die üblichen Katastrophentouristen, die den Rettern immer penetrant im Wege stehen, kennt man ja nun schon zu Genüge. Aber auch die Vandalen gab es, die wohl aus Katastrophengeilheit verantwortungslos Schrauben aus mobilen Spundmauern drehten oder Sandsäcke an gefährdeten Stellen heimlich wieder entfernten - Bannmeilen und hohe Strafen mussten angeordnet werden!
  Katastrophen - das facettenreiche Menschsein auf engstem Raum. Dieses Menschsein  wird auch mit dafür sorgen, dass die nächsten Jahrhundertfluten noch in diesem Jahrhundert „plötzlich und unerwartet“ hereinbrechen.

 


 

17.05.2013

 

Das vergessene Fest

Bei Umfragen in Fußgängerzonen wird es deutlich: Weihnachten kann (fast) jeder einordnen, bei Ostern wird es schon schwieriger, aber Pfingsten?!
  Dabei ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche, des Christentums. Aus einer kleinen verzagten, enttäuschten Gruppe wird eine Weltkirche - zuerst in Jerusalem, aber schon in allen Sprachen verständlich, auch für Juden aus allen Ländern und Sprachen - und bald danach übergreifend für Menschen aller Länder, unabhängig ihrer Herkunft.
  Die Apostelgeschichte schreibt es nicht dem missionarischen Engagement einzelner zu, sondern dem Wirken des Geistes Gottes. Das ist auch gut so, das bewahrt vor Größenwahn. Es gab schon immer Menschen, die die Vollendung des Reiches Gottes herbeizwingen wollten. Vergeblich - der Geist Gottes weht wo er will und wie er will.




03.05.2013


Siebzig Jahre danach

Es scheint kein Ende zu nehmen, das Räumen und Entschärfen von Kampfmitteln aus dem 2. Weltkrieg: Bomben, Granaten, Minen, Munition, Waffen etc. Dabei ließen von 2000 bis 2010 acht Kampfmittelräumer das Leben. Tote und Verletzte gibt es auch immer wieder, wenn Bagger auf dererlei Relikte stoßen, oder auch bei Selbstdetonationen. Besonders die Alterung und Korrosion machen diese Räum-Arbeit of gefährlich und unberechenbar.
  So fand sich nun am Donnerstag bei Schachtarbeiten für ein neues Hochhaus im Westen Frankfurts eine amerikanische 500 kg Fliegerbombe. Fast sieben Jahrzehnte schlummerte sie unter Nachkriegs-Gewerbebebauung.
   Für Sonntag ist die Entschärfung vorgesehen. Im inneren Kreis von etwa 500 Metern Radius müssen während der Aktion alle Bewohner, darunter ein großes Hotel, evakuiert werden. In einem weitaus größeren Bereich müssen die Bewohner Fenster und Türen schließen und dürfen die Wohnungen nicht verlassen. In diesem Bereich liegt auch die (gesperrte) westliche Autobahneinfahrt nach Frankfurt. Glücklicherweise sind die Verkehrsströme in Deutschlands größter Pendlerstadt am Sonntag vergleichsweise leicht zu lenken. Doch welch ein Aufwand - siebzig Jahre danach, bei nur einer Bombe. Tausende werden noch im Erdreich Frankfurts vermutet.

P.S. am Sonntag:
Nach zweieinhalb Stunden komplizierter Arbeit war die Bombe entschärft. Die Arbeiten mussten mehrfach unterbrochen werden, weil - so die Berichte - immer wieder Schaulustige die Absperrungen überwanden, um der Sensation mit Fotoapparaten ganz nah zu sein … sie mussten von den Polizeikräften in Sicherheit gebracht werden!

 


 

26.04.2013

 

Evangelium

„Das Evangelium greift uns auch heute an, denn wir neigen von Natur aus dazu, den Weg der Galater zu gehen, indem wir dem Werk Christi noch etwas hinzufügen wollen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gott in dieser Hinsicht immer noch mit der Adventgemeinde zu kämpfen hat. Die Kontroverse von 1888 ist in unserer Gemeinschaft noch lange nicht beigelegt. Ich glaube, dass dieser unterschiedliche theologische Ansatz für viele Spannungen in der Gemeinde von heute verantwortlich ist und die Möglichkeit einer Spaltung verstärkt.“
(William G. Johnsson, Adventgemeinde in der Zerreissprobe. Advent-Verlag, Lüneburg 1996: 100f.)

 

Weiteres siehe:

 

1888. die unendliche Geschichte der adventistischen Reformation.

 



19.04.2013


Bibelwissenschaft - ja aber ...

In Rom tagte die jährliche Vollversammlung der Päpstlichen Bibelkommission zum Thema „Inspiration und Wahrheit der Bibel“. Der Vorsitzende der Kommission, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, erklärte, wie die Medien berichten, die Bibelwissenschaften dürften weder dem Skeptizismus noch dem Fundamentalismus verfallen, während Papst Franziskus mahnte, dass die Interpretation der Heiligen Schrift in der Tradition der Kirche eingebettet sein müsse.
  Schade, auch die Bibelwissenschaften sehen sich auf der Suche nach „Wahrheit“, wie es eigentlich jede Wissenschaft versucht. Reine Apologie der bestehenden Tradition wird dieser Suche sicherlich nicht gerecht.

 



12.04.2013


Lebenszufriedenheit deutscher Kinder

Die neueste UNICEF-Studie untersuchte die Situation von Kindern im Alter von 11-15 Jahren in 29 Industriestaaten. es wurden die äußeren Lebensumstände verglichen mit der individuellen Bewertung der Befragten. Glücklich die niederländischen Kinder, beide Aspekte gaben ihnen den ersten Platz. Während die deutschen Kinder mit Platz sechs der tatsächlichen Situation besser abschneiden als bei der letzten Studie, setzen sie sich in ihrer Selbsteinschätzung auf Platz 22 (Laut UNICEF gibt es in keinem Industrieland eine größere Kluft).
 Auf Platz 23-29 der Selbsteinschätzung folgen USA, Kanada, Slowakei, Ungarn, Litauen, Polen und Rumänien. Spanien steht übrigens auf Platz drei, Griechenland auf Platz 5 ...
 Die Druckerfarbe der Studie war noch nicht trocken, da meldeten sich wieder alle Fachleute zu Wort, um ihre unterschiedlichen Deutungen kontrovers zu präsentieren. Vielleicht wäre es allerdings besser, einmal die Kinder selbst genauer und ausführlicher zu befragen.

 


 

05.04.2013

 

Lügen haben kurze Beine …

Der Volksmund wusste es schon immer, dass die Lüge in Gefahr gerät, von der Wahrheit eingeholt zu werden. Gerade Politiker haben das oft genug erfahren müssen. Jetzt traf es ausgerechnet den französischen Haushaltsminister: er hatte immer wieder erklärt, er habe kein heimliches Konto im Ausland. Ja, er versuchte sogar gegen die zu klagen, die ihn immer wieder in allen Medien als Lüger bezichtigten.
  Jetzt kam es heraus, dass er schon zwei Jahrzehnte Geld in Steueroasen "sicher" wähnte, erst in der Schweiz, zuletzt in Singapur. € 600.000. Nun folgen erst recht die Fragen - nach Herkunft und Versteuerung dieser Summe.
  Er entschuldigte sich öffentlich bei seinem Präsidenten, seinen Regierungskollegen/innen, seiner Partei und beim französischen Volk. Seine Karriere ist beendet. Er musste sein Ministeramt verlassen, seine Partei schloss ihn aus, das Vertrauen in die Politiker ist wieder einmal erschüttert worden, zumal ihm wohl viele Beobachter ein wirkliches Unrechtsempfinden absprechen.
  Es ist eigenartig, dass immer wieder Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft, die ja gerade unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, meinen, ausgerechnet ihre Missachtung der Gesetze käme nicht ans Tageslicht.
  Pech auch, dass die Technik die Lügenbeine noch ungeahnt kürzer macht - die Datenmassen der derzeit untersuchten berühmten „Steueroasen-Festplatte“ beginnen gerade erst zu reden ...

 


 

29.03.2013

 

Tanzverbot

Die Forderungen nach Abschaffung der österlichen Tanzverbote in den deutschen Bundesländern häufen sich. Die Abwehrreflexe mancher Politiker und Kirchenvertreter mit Verweis auf die christliche Kulturtradition wirken dabei eigenartig anachronistisch.
  In der Tat stammen die Vergnügungsverbote an den sogenannten „stillen Feiertagen“ (u.a. Karfreitag, z.T. die Karwoche, Pfingstsonntag, Heilig Abend …) aus altem staats- und volkskirchlichem Denken, einer Zeit, in der Staat und Kirche verknüpft waren und der Tanz in der der Dorfwirtschaft den benachbarten Gottesdienst hätten stören oder als Konkurrenz gesehen werden können.
  Nun soll der weltanschaulich neutrale Staat die Religionsfreiheit schützen. Dazu gehört nicht nur der Schutz von Gläubigen, die an ihren religiösen Festtagen ihre Religion gemeinsam ausüben wollen, sondern es kann auch das Einrichten von staatlichen Feiertagen für diese religiösen Feiertage bedeuten, wenn es eine große Mehrheit der Bevölkerung betrifft.
  Etwas anderes aber ist es, wenn der gesamten Bevölkerung religiöse Bräuche quasi aufgezwungen werden, selbst wenn der Feiertag durch die Anders- oder Nichtgläubigen gar nicht tangiert wird. So sollten z.B. Prozessionen oder Freiluftgottesdienste selbstverständlich respektiert und nicht gestört werden. Die Diskotheken liegen heute aber nicht mehr neben den Kirchen, und die Bevölkerung unserer Großstädte ist eher kirchenfern.
  Sicherlich wäre es keine schlechte Idee, etwa in der Fastenzeit vor Ostern auf alle Krimi-Toten im Fernsehen zu verzichten, oder auf Kochsendungen im Ramadan. Aber jeder kann ja selbst entscheiden, was er an Feiertagen sieht, hört oder tut - ohne andere Menschen in ihrer Religionsausübung zu stören. Respekt vor der Religion oder Weltanschauung des Anderen geht auf jeden Fall vor sinnentleerte Vorschriften und Gesetze.

 



22.03.2013


Weltwassertag


Was uns hier als selbstverständlich erscheint, ist für andere unvorstellbar: sauberes Wasser zu jeder Zeit. Eine Milliarde Menschen auf der Erde haben zurzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mehr als 2,5 Milliarden Menschen fehlt es an einer angemessenen sanitären Grundversorgung - d.h., sie müssen ohne Latrinen und ohne Abwasserentsorgung auskommen..
  Wasser ist die Grundlage allen Lebens. Es ist unser wichtigstes Nahrungsmittel und ein riesiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die UNESCO berichtet, dass verunreinigtes Wasser und mangelnde Hygiene zu den Hauptursachen für die in vielen Ländern weiter sehr hohe Kindersterblichkeit zählen. Wo sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen fehlen, verbreiten sich Krankheitserreger und Parasiten besonders schnell. Fast 3.000 Kinder unter fünf Jahren sterben täglich an Durchfallerkrankungen, weil sie kein sauberes Trinkwasser und keine ausreichenden sanitären Bedingungen haben.
  Im Dezember 2010 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2013 zum Internationalen Jahr der Wasserkooperation. Auch der heutige „Weltwassertag“ am 22. März 2013 ist dem Thema „Wasser und Zusammenarbeit“ gewidmet.
  „Im Auftrag der Vereinten Nationen organisiert die UNESCO die Aktivitäten der UNO in diesem Internationalen Jahr, insbesondere wegen des multidisziplinären Ansatz der UNESCO, die Natur-und Sozialwissenschaften, Bildung, Kultur und Kommunikation zusammen führt. Wasser ist nämlich entscheidend für alle diese gesellschaftlichen Bereiche.
  Ziel des Internationalen Jahres ist, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Zusammenarbeit im Bereich Wasser die Regel und nicht die Ausnahme ist und dass Zusammenarbeit zu Wasserressourcen der Auftakt sein kann für Zusammenarbeit in anderen Gesellschaftsbereichen. Das Jahr wird auch aufmerksam machen auf die Herausforderungen der Wasserwirtschaft im Hinblick auf die steigende Nachfrage nach Wasser, sowie Fragen des Zugangs, der Verteilung und der Dienstleistungen rund um das Wasser.
  Das Jahr wird erfolgreiche Beispiele der Zusammenarbeit identifizieren und die aktuellen Prioritäten darlegen - Wasser in der Bildung, in der Diplomatie, grenzüberschreitendes Wassermanagement, Zusammenarbeit zu Finanzierung, nationale und internationale rechtliche Rahmenbedingungen, …“
(UNESCO)

  Die genannten großen Aufgaben zum Schutz des Wasser, zum Zugang für alle Menschen, auch im Hinblick auf den Klimawandel, erfordern weltweite Zusammenarbeit und Investitionen. Wasser als kurzfristiges Spekulationsobjekt ist menschenfeindlich. Das Menschenrecht auf sauberes Wasser kann nur durch internationale Kooperationen und dem Engagement der jeweiligen Gesellschaft erlangt werden.

 

 

 


 

15.03.2013

 

Carpe diem

Der Vormittag geht zu Ende. Die ersten Kolleginnen und Kollegen verabschieden sich mit „Schönes Wochenende!“ - diesmal mit dem fast resignativen Zusatz: „Hoffentlich kommt der Frühling wieder“ oder „… wenigstens die Sonne von heute sollte bleiben!“ Die Rückkehr des Winters nach ein paar wunderbaren Frühlingstagen hatte alle doch hart getroffen.
  Wenige Stunden später zu Hause in Frankfurt am Main: Die Kinder von zwei Kindergärten auf dem Spielplatz nebenan krähen vergnügt (und lautstark). Auch wenn die Schneereste vom Comeback des Winters zeugen, die Kinder genießen fröhlich die strahlende Sonne und den blauen Himmel, vergnügt und unverstellt erfreuen sie sich am schönen Augenblick, verschwenden keinen Gedanken daran, ob morgen die Sonne scheint oder der Himmel sich grau bezieht. Sie genießen unbefangen den Moment, wie es Erwachsene mit all ihrer Erfahrung kaum noch können.

 


 

08.03.2013

 

Gier II

Polizeieinsatz in Frankfurt am Main. Ein Firmensitz, eine Luxusvilla, oft Ort rauschender Feste, wird durchsucht. Akten werden beschlagnahmt und die Besitzer verhaftet.
  Anstatt die Gelder von Anlegern wie versprochen gut zu investieren, fand hier wohl hauptsächlich ein Schneeballsystem statt. Anlegern wurden Traumrenditen versprochen. Wer sein Geld samt Gewinn zurückforderte bekam es zurück - solange das Geld williger neuer Anleger floss.
  Jetzt klärt die Staatsanwaltschaft, wieviel Geld nach dem exzessiven Luxusleben noch übrig ist.
  Für die meisten Anleger wurde der Traum von der Traumrendite zum Albtraum. Gier macht blind, sagt der Volksmund. Nur mit dieser Gier der Kunden konnten die jetzt Verhafteten ihre Gier nach Luxus befriedigen.

 


 

01.03.2013


Gier I

Immer wieder Lebensmittelskandale durch Gier, die vor nichts Halt macht, wie jetzt Pferdefleisch in Rinder-Lasagne: merkt ja keiner, mit jeder verspeisten Portion ist wieder ein Beweisstück vernichtet.
  Versuche, Lebensmittel zu panschen gab es schon immer - schon der Prophet Amos klagte darüber im 8. Jh. v. Chr. Aber erst durch die Länder und Kontinente übergreifende industrielle Lebensmittelproduktion erhalten diese Skandale ihr Ausmaß - und versprechen auch damit den Panschern mehr Gewinn.
  Doch wenn der deutsche Verbraucher weiterhin Lebensmittel fast ausschließlich nach dem günstigsten, besser gesagt nach dem scheinbar billigsten Preis kauft, braucht er sich über das Ergebnis nicht zu wundern.

 


 

22.02.2013


Ein kleiner Schritt zu mehr Barmherzigkeit

Die katholischen Bischöfe in Deutschland billigten die Verhütungspille nach einer Vergewaltigung. In der Frage, ob der Einsatz von Verhütungsmitteln nach einer Vergewaltigung erlaubt sei, schloss sich die Deutsche Bischofskonferenz damit weitgehend der Linie des Kölner Kardinals Joachim Meisners (s.u.) an. In der Presseerklärung der Bischofskonferenz heißt es:
  „Die Vollversammlung hat bekräftigt, dass in katholischen Krankenhäusern Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, selbstverständlich menschliche, medizinische, psychologische und seelsorgliche Hilfe erhalten. Dazu kann die Verabreichung einer „Pille danach“ gehören, insofern sie eine verhütende und nicht eine abortive Wirkung hat. Medizinisch-pharmazeutische Methoden, die den Tod eines Embryos bewirken, dürfen weiterhin nicht angewendet werden. Die deutschen Bischöfe vertrauen darauf, dass in Einrichtungen in katholischer Trägerschaft die praktische Behandlungsentscheidung auf der Grundlage dieser moraltheologischen Vorgaben erfolgt. Auf jeden Fall ist die Entscheidung der betroffenen Frau zu respektieren.“
  Angesichts der unwiderufenen päpstlichen „Enzyklica Humanae Vitae“ von Paul VI. zur künstlichen Empfängnisverhütung (1968) ist die Entscheidung der Bischofskonferenz ein wirklicher Schritt der Differenzierung zu mehr Barmherzigkeit.
  Es wird sich allerdings zeigen, wie lebenswirklich die neue Regelung ist, denn viele vergewaltigte Frauen gehen im ersten Schock nicht gleich zum Arzt, so dass die Verhütungspille zu spät sein kann, die abortiv wirkende Pille eigentlich notwendig wäre.
  Dass die Entscheidung noch nicht die letzte Textfassung sein mag, deutet die Presseerklärung an: „Die Vollversammlung anerkennt die Notwendigkeit, neben ersten Stellungnahmen zur „Pille danach“ die weiteren Zusammenhänge der Fragestellung – auch im Kontakt mit den in Rom Zuständigen – vertieft zu ergründen und notwendige Differenzierungen vorzunehmen. Die Bischöfe werden entsprechende Gespräche mit den Verantwortlichen der katholischen Krankenhäuser, mit katholischen Frauenärztinnen und -ärzten sowie mit Beraterinnen und Beratern führen.“
  Es bleibt zu hoffen, dass dieser Schritt nicht der letzte ist, sondern die römisch-katholische Weltkirche anregt, vielleicht auch beispielsweise das Kondom als Hilfe zu Leben und Gesundheit in den den von AIDS gebeutelten Ländern (wie z.B. in manchen afrikanischen Staaten) endlich anerkennen.



 

15.02.2013

 

Entzauberte Welt

 

Am Montag (11.02.2013) gab Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt zum 28.02.2013 bekannt. Am Abend des gleichen Tages schlug ein Blitz in den Petersdom ein. Heute morgen wurden fast 1.500 Menschen durch den Einschlag eines Meteoriten nahe der Stadt Tscheljabinsk im russischen Ural verletzt, der Sachschaden durch die Druckwelle ist enorm. Und heute abend bewegte sich ein 46 Meter großer Asteroid in 27.357 Metern Abstand an unserem Planeten vorbei, wie die Nasa mitteilte. Dies war soweit bekannt die bisher kürzeste Distanz eines Asteroiden zur Erde,  dichter als die meisten Satelliten.
  Noch vor wenigen Generationen wäre durch die beinahe Gleichzeitigkeit dieser genannten Ereignisse die Grundlage für Mythen und neue religiöse Bewegungen geschaffen.

  Entzauberte Welt. Ein Glück.

 


 

01.02.2013


Der lange Weg zur Barmherzigkeit

Wie der Kölner Stadt-Anzeiger am 17.01.13 berichtete und die Polizei bestätigte, sei eine 25 Jahre alte Frau Ende Dezember bei einer Party vermutlich mit K.o.-Tropfen betäubt worden und später auf einer Parkbank zu sich gekommen. Eine Notärztin habe eine Vergewaltigung nicht ausschließen können und eine katholische Klinik gebeten, mögliche Tatspuren gerichtsverwertbar zu sichern., das wurde mit Hinweis auf eine neue Anweisung (wohl seitNovember 2012) abgelehnt, das gleiche geschah auch bei der nächsten - wieder einer katholischen - Klinik: eine Untersuchung nach einem sexuellen Übergriff sei nicht möglich, weil man in einem Arzt-Patienten-Gespräch auch auf eine ungewollte Schwangerschaft, deren Abbruch und die Pille danach zu sprechen kommen müsse. Ein solches Aufklärungsgespräch sei jedoch mit dem katholischen Gedankengut unvereinbar. Folglich könne auch keine gynäkologische Untersuchung durchgeführt werden, Ärzte, die sich dieser Regelung widersetzten, müssten mit fristloser Kündigung rechnen.*
  In einer evangelische Klinik konnte dem Opfer schließlich geholfen werden.
  Nachdem die Angelegenheit bekannt wurde, wollten die Krankenhäuser die Abweisung zunächst nicht bestätigen, später sprachen sie von einem Missverständnis. Das Erzbistum Köln bestritt zuerst den Bericht, es sei nicht so, dass katholische Krankenhäuser Vergewaltigungsopfer nicht zur Spurensicherung untersuchen dürfen, sie dürften allerdings nicht die „Pille danach“ verschreiben, die habe nämlich eine abtreibende Wirkung.
  Nach dem verheerenden Presseecho (bis heute über 950.000 Einträge bei Google), und auch der beginnenden politischen Diskussion zum Verhältnis vom Staat und den katholischen Krankenhäusern, schaltete sich am 22.01.2013 der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ein, entschuldigte sich und erklärte in einer längeren Presseerklärung, der beschämende Vorgang dürfe sich nicht wiederholen. In einer Erklärung vom 31.01.2013 erläuterte der Kardinal den neusten Stand der wissenschaftlichen Forschung, nach dem es heute unterschiedliche „Pillen danach“ gäbe, so auch Präparate, die eine Zeugung verhinderten, die im Vergewaltigungsfall vertretbar seien (anders als eine Abtreibung einer befruchteten Eizelle).
  „Die Ärzte in katholischen Einrichtungen sind aufgefordert, sich rückhaltlos der Not vergewaltigter Frauen anzunehmen und sich dabei unter Berücksichtigung des neusten Stands der medizinischen Wissenschaft in ihrem ärztlichen Handeln an den oben genannten Prinzipien auszurichten. Darüber hinaus ist nichts dagegen einzuwenden, dass sie in diesem Fall auch über Methoden, die nach katholischer Auffassung nicht vertretbar sind, und über deren Zugänglichkeit aufklären, wenn sie dabei, ohne irgendwelchen Druck auszuüben, auf angemessene Weise auch die katholische Position mit Argumenten erläutern. In jedem Fall muss in katholischen Einrichtungen die Hilfe für vergewaltigte Frauen aber natürlich weit über die Erörterung solcher Fragen hinaus gehen.“
  Die Pressestelle des Erzbistums erläutert diese Erklärung und verdeutlicht unter anderem: „Zu betonen ist, dass sich die Erklärung des Erzbischofs von Köln auf die Situation einer Vergewaltigung bezieht und nicht auf die Situation in einer sakramentalen Ehe, die die Enzyklika „Humanae Vitae“ behandelt. Entsprechend hatte auch schon die Glaubenskongregation die Einnahme von Antikonzeptiva durch Ordensschwestern in einer Weltgegend, in der sie Vergewaltigungen fürchten mussten, erlaubt. Es geht beim Thema Vergewaltigung nicht um die Ganzheitlichkeit eines liebenden Aktes, sondern um die Verhinderung einer verbrecherischen Befruchtung.“

 

_____________________________

*In welchem weiteren Kontext die Angelegenheit auch stehen könne, mutmaßt die Kölner Rundschau vom 21.01.2013:


Täuschungsaktionen ultrakonservativer Abtreibungsgegner könnten mit dazu beigetragen haben, dass Ärzte zweier katholischer Krankenhäuser in Köln das Opfer einer Vergewaltigung abgewiesen haben. Christoph Leiden, Sprecher der Stiftung der Cellitinnen zur Heiligen Maria, die Trägerin der Kliniken ist, bestätigte, dass es vor gut einem Jahr mehrere solcher Täuschungsversuche an Kölner Krankenhäusern und anderen in Deutschland gegeben habe. Einen direkten Zusammenhang mit der ethischen Richtlinie für den Umgang mit Opfern von Sexualdelikten, die später für die Krankenhäuser der Cellitinnen erarbeitet worden sei, sieht Leiden zwar nicht. „Allerdings hat uns das vielleicht noch einmal sensibilisiert.“
  Die Abtreibungsgegner sind bei ihren „Tests“, wie auch einem Bericht des ultrakonservativ-katholischen Senders „Gloria TV“ zu entnehmen ist, immer nach derselben Methode vorgegangen: Eine junge Frau wendet sich an Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft (in Köln waren es das Severinsklösterchen, St. Antonius-Krankenhaus, St. Franziskus-Hospital und St. Vinzenz-Hospital). Sie gibt vor, nach ungeschütztem Sex schwanger zu sein, und verlangt die „Pille danach“. Die „Patientin“ wird dann an die Notfallambulanz der Kassenärztlichen Vereinigung verwiesen, die ihre Praxisräume ebenfalls auf dem Krankenhausgelände hat. Dort erhält die Frau ihr Rezept. Für die Abtreibungsgegner ist das der Beweis: Die katholische Kirche ist an der Verschreibung der „Pille danach“ beteiligt.

 


 

25.01.2013


Herrenwitz

Die Zeit der zotigen Alt-Herrenwitze und der plump sexistischen Anmache und Anzüglichkeiten schien mir - im Vergleich z.B. mit meiner Lehrzeit Anfang der 60er Jahre - schon fast vorüber.
  Die vielseitigen Reaktionen auf den in allen Medien aufgegriffenen Artikel des STERN über den Spitzenkandidaten der FDP Rainer Brüderle - auch der „Aufschrei“ der Tausenden auf Twitter - zeigt, dass es wohl noch ein Dauerthema ist, das diskutiert werden muss. So verwies das Frauenministerium auf eine von dem Ministerium in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2004: Danach gaben 58% der befragten Frauen an, mindestens einmal Opfer von sexueller Belästigung geworden zu sein, davon 42% am Arbeitsplatz.
  Die Autorin des genannten STERN-Artikels schrieb, „Ihre Absicht sei es gewesen aufzuzeigen, dass Brüderle ein Politiker sei, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und dass der 67-Jährige nun als Spitzenkandidat der FDP im Wahljahr 2013 ins Rennen geschickt wird - das passe nicht.“
  Es bleibt zu hoffen, dass diese Altherren-Art tatsächlich ein nicht zukunftsfähiges Auslaufmodell ist.
  Doch der unterschwellige Sexismus, der ja immer mit Macht zu tun hat, ist damit noch nicht passé. So ist diese Sprache der sexistischen Anzüglichkeiten in religiösen Kreisen nicht die Regel - der unterschwellige Sexismus ist aber davon unberührt, taucht dann allerdings oft in religiösem Gewand wieder auf.

 


 

18.01.2013


Von der Erbfeindschaft zur Erbfreundschaft


In Grundschule in den 50er Jahren lernte ich noch, dass es die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ gäbe, so wie schon Ernst Moritz Arndt 1813 sang:
    
„Das ist des Deutschen Vaterland,


     wo Zorn vertilgt den welschenTand,


     wo jeder Franzmann heißet Feind, …“
  Doch nach über vier Jahrhunderten dieser Feindschaft, oft auch Hassliebe, mit Millionen von Toten, dämmerte es langsam einigen Verantwortlichen in beiden Völkern, dass es so nicht weitergehen könne. Zwei alte Männer, Konrad Adenauer (1876-1967) und Charles de Gaulle (1890-1970) setzten mit ihrer Autorität den als Elyséevertrag bekannten deutsch-französischen Freundschaftsvertrag durch, den sie am 22. Januar 1963 in Paris unterzeichneten.
  Seitdem sind keine Nationen so vielseitig eng verzahnt und befreundet, ob politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich. Besonders auch die gegenseitigen Städtepartnerschaften und das Deutsch-Französische Jugendwerk machten die im Vertrag genannten Ziele ganz praktisch in der Bevölkerung deutlich und füllten sie mit Leben. Bis heute wurde das Verhältnis beider Länder immer tiefer. Etwas Einmaliges in der Geschichte.
  Am kommenden Dienstag feiern beide Präsidenten, Regierungen und Parlamente gemeinsam das 50jährige Jubiläum des Elyséevertrages in Berlin. Gibt es einen besseren Grund?

 


 

11.01.2013

 

Beim Oganga in Lambarene

 

So hieß eines meiner ersten eigenen Bücher. Das war vor fast 60 Jahren. In diesem Jahr wird das 100jährige Jubiläum Lambarenes gefeiert. Ein Platz mit Symbolcharakter. Ein ganzes Jahr gibt es an vielen Orten dazu Vorträge, Symposien, Ausstellungen, Feiern und Publikationen sowie über 150 Benefiz-Orgelkonzerte. Denn Lambarene soll auch in seinem neuen Jahrhundert überleben.

 

Zur Vorschau: www.albert-schweitzer-100.de

 

 

 

 

 

 

 


 

04.01.2013


„Keine bleibende Stadt …“

Wer von auswärts nach Frankfurt am Main kommt sieht eine Stadt, die mit ihren Hochhäusern wie für die Ewigkeit gebaut scheint. Wer in Frankfurt wohnt, der weiß jedoch um den permanenten Wandel dieser Metropole. Spätestens mit dem Untergang der über viele Jahrhunderte unversehrten Altstadt durch die Bombenhagel des 2. Weltkriegs ist deutlich, dass es Frankfurt - wie jede Stadt - nur auf Zeit gibt.
  Es ist immer wieder beeindruckend, die großen Ruinenstädte Syriens aus byzantinischer Zeit zu begehen, die seit vielen Jahrhunderten „Geisterstädte“ sind, von der trockenen Wüste noch anschaulich erhalten, heute bestenfalls Ziel von Touristen.
  Manche der antiken Metropolen wie Babylon oder Karthago sind kaum noch erkennbar, das Wirken von Generationen scheint vom Sand verschlungen.
  Angkor Wat in Kambodscha oder die großen dschungelüberwucherten Mayastädte waren einmal Orte, deren Bewohner es sich bestimmt nicht träumen ließen, dass ihre Kultur ein Ende haben könnte.
  In Filmen und Büchern wird recht realistisch beschrieben, dass die Welt von heute ohne den Menschen in absehbarer Zeit fast spurlos verschwinden würde.
  Christen war schon immer bewusst, dass ihr Leben und Wirken unter einem zeitlichen Vorbehalt steht, dass sie zwar im „schon jetzt“ des begonnenen Gottesreiches leben, die Vollendung jedoch noch zukünftig ist.
  Aber die „Suche nach der zukünftigen Stadt“ (Hebr 13,14) entlässt nicht aus der Verantwortung. Die Aufgaben stellen sich hier und jetzt. Das heißt auch alles zu tun, um den Menschen eine Heimat auf Zeit zu geben, also den Millionen Heimatlosen, Flüchtlingen und Vertriebenen, zumeist den Schwachen dieser Erde.
  Diese Aufgabe ist so vielfältig und kompliziert, dass man fast verzagen könnte. Aber man darf ja erst einmal beginnen, etwa im nächsten Umfeld. So kann zum Beispiel eine Kirchengemeinde Heimat werden und das in die Kommune ausstrahlen …

Die Beziehung von Menschen, das ist stärker als jeder scheinbar fest gegründete Prachtbau.
 


 

28.12.2012


Arc de Triomphe?

1806 als Siegesmonument der kaiserlichen napoleonischen Siege begonnen, 1836 mit Einbezug der revolutionären Kriege vollendet, ist der weltberühmte Triumphbogen in Paris nicht nur eines der Hauptsehenswürdigkeiten, sondern bevorzugter Ort staatlicher Zeremonien, vor allem am 14. Juli und am 11. November, dem Jahrestag des Waffenstillstands zwischen Frankreich und Deutschland im Jahr 1918.
  Die in Schrift und Relief verewigten Siege sind beeindruckend - allerdings führte Napoleon I. für seinen Triumph eine Schlacht zuviel - die von Waterloo, seine letzte.
  Triumph? 3,5 Millionen Tote in Europa schätzt man als Folgen der napoleonischen Kriege, das vielseitige nachfolgende Elend nicht eingerechnet.

Ein wirkliches - jedoch ziviles - „Denkmal“ hat ihn überdauert, der Code Napoléon mit seinen fünf Gesetzbüchern (dabei hätte er bleiben sollen), in denen das Rechtssystem der revolutionären neuen Zeit angepasst und vereinheitlicht wurde, es galt auch in einigen deutschen Staaten wie Baden. Ein wichtiger Schritt in der Rechtsgeschichte, auch wenn dieses Recht immer wieder modernisiert werden musste (zuletzt in Frankreich komplett 1994).

Unter dem Bogen des Triumphbogens liegt das Grabmal des unbekannten Soldaten aus dem 1. Weltkrieg, mit der „Flamme du Souvenir“ als Erinnerung an die etwa 1,3 Millionen gefallenen französischen Soldaten (und der 250.000 im 2. Weltkrieg), Zivilisten nicht eingerechnet.

 


 

 

 

(Die Texte von 2010-2012)

 

 

 

 

 

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